Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

 
tive Stiehl und der liberale Diesterweg“ eingeordnet werden können (vgl. Krueger 1990). 
Neben den gesellschaftspolitischen, schulpolitischen und professionspolitischen Diskur- 
sen muss immer auch die partielle modernisierende Wirkung der Regulative, wie sie 
Frank-Michael Kuhlemann (1992) herausgearbeitet hat, berücksichtigt werden (vgl. auch 
Grell 1998, S. 335; Leschinsky/ Roeder 1976, hier bes. S. 75, Anm. 1).* 
In seiner Schrift „Kirchenlehre oder Pädagogik“ verurteilte Diesterweg kompromiss- 
los die Abhängigkeit der Schule von der Kirche: „Die theologische Herrschaft ist das 
Grab jeder wahren Pädagogik“ (Diesterweg 1852/ 1967, S. 433). Diesterweg geht aber 
noch einen Schritt weiter, indem er eine selbständige pädagogische Wissenschaft fordert, 
die „weder von der Philosophie noch von der Theologie, noch von Politik und Verfas- 
sung abhängig gemacht, noch als ein Anhängsel von irgend etwas angesehen“ werden 
dürfe (ebd., S.441).’ Den Höhepunkt der Auseinandersetzung bildet schließlich Die- 
sterwegs Vorwurf der Gleichsetzung und wechselseitigen Erhaltung von kirchlichem 
und politischem Absolutismus: 
„Die Abhandlung dieser Schrift heißt ‚Kirchenlehre oder Pädagogik?’. Ich hätte 
sie auch ‚Religiöser Absolutismus oder Pädagogik?’ ja auch ‚Absolutismus oder 
Pädagogik?’ schlechthin nennen können. [...] Der kirchliche Absolutismus oder 
die orthodoxe Kirchengewalt unterstützt und unterbaut den politischen, jener legt 
das Fundament zu diesem in den Herzen und Gewohnheiten der Kinder durch die 
Art des Unterrichts und der Erziehung“ (ebd., S. 449). 
Diesterweg „konstruiert“ im Folgenden für den Leser den Fall, dass er in einem „absolu- 
ten Staate“ wohnen würde und stellt sich die Frage, wie es möglich wäre, „allzeit gehor- 
same Staatsuntertanen“ zu erziehen, „die bereit und geneigt seien, die [...] erlassenen 
Verfügungen bereitwillig anzunehmen und zu befolgen, kurz, sich das Oktroyieren ge- 
fallen zu lassen“ (ebd.). Ein „Lösungsvorschlag“ von Diesterweg, der den zentralen 
Konfliktpunkt der Auseinandersetzung um die Regulative bereits vorwegnimmt, sei hier 
noch ausführlich zitiert: 
„Man stellt in den [Volks]Schulen Lehrer an, welche in besondern Anstalten zur 
Untertänigkeit und Abhängigkeit erzogen sind, deren Intelligenz notdürftig ausge- 
bildet worden, welchen die orthodoxe Lehre ihrer Kirche als die einzige Heilslehre 
[...] mitgeteilt, welchen zur Gewissenspflicht gemacht worden, diese Heilslehre in 
derselben Art und Weise auf das nachfolgende Geschlecht zu übertragen, die 
 
vgl. zur Historiographie der Preußischen Regulative in der BRD Caruso 2004a u. 2004b, hier jeweils auch 
weitere Literatur. 
2 der Forderung nach einer Loslösung der Pädagogik von der Theologie verband Diesterweg jedoch 
eineswegs eine Ablehnung der religiösen Unterweisung in der Schule, im Gegenteil: „Das Wichtigste, 
2 in Mensch auf Erden lernen kann, ist die rechte Erkenntnis Gottes“ (Diesterweg 1827/ 1956, S: 14). 
jet in e . Be tiefste und ursprünglichste Quelle aller Religion“ in dem „jedem Menschen an- 
ae e für das Unendliche und Ewige. Dieses muß entwickelt werden, ehe man auf ein ge- 
schriebenes Wort hinweiset. Wem dieses aufgedrungen wird, ehe jene Entwicklung stattgefunden hat, 
a BE ewig ein Knecht äußerer Autorität“ (Diesterweg 1852/ 1967, S. 465; vgl. auch Späni 2003, 
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