Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

 
 
Europa ausweist. (Horn 1906) Bestand im Wilhelminischen Deutschland und auch in der 
Weimarer Republik ein weitgehender Konsens zwischen der überwiegenden Mehrheit 
der Sekundarschullehrer und Schulverwaltungen in der politischen Ausrichtung von 
Geschichtslehrplan und -schulbuch, entwickelten sich seit den 1920er Jahren vielfältige 
Bestrebungen, diese Lehrpläne und Schulbücher — insbesondere, aber nicht ausschließ- 
lich bezogen auf den Geschichtsunterricht - in internationalem Maßstab zu reformieren. 
Im folgenden wird ein knapper Exkurs über diese Bestrebungen einer internationalen 
Schulbuchrevision gegeben, um dann mit Blick auf den neu eingeführten Bildungsplan 
in Baden-Württemberg einige Schlussfolgerungen über die Perspektiven einer deutschen 
Lehrplan- und Schulbuchreform hinsichtlich der Einführung weltgeschichtlicher Per- 
spektiven zu ziehen. 
Zur Geschichte der Lehrbuch- und Curriculumrevision 
im 20. Jahrhundert 
Wurden vereinzelt Forderungen nach einer Revision der Schulbücher und des Ge- 
schichtsunterrichts bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts — vor allem im Kontext der 
pazifistischen Bewegung — erhoben (Schröder 1961, 42ff.), nahmen sich nach dem Ers- 
ten Weltkrieg sowohl der Völkerbund als auch zahlreiche internationale Organisationen 
dieses Problems in umfassendem Maße an. Bereits auf der ersten Generalversammlung 
des Völkerbundes im September 1920 war von der Vereinigung der japanischen Lehrer 
die Idee einer Schulbuchrevision eingebracht worden, die sich vor allem auf Geschichts- 
und Geographielehrbücher bezog. Eine große Anzahl Vorschläge ähnlicher Art folgte 
von anderen Nationen (Kolasa 1962, 68f.; Schröder 1961, 57 und 66f.), was 1923 zur 
Einsetzung eines Committee on the International Text-Book of History bei der Internati- 
onalen Kommission für geistige Zusammenarbeit führte. (School Text-Book Revision 
1933, 11£.) Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Lehrbuchrevision eines der 
sensibelsten Bereiche im Kontext der internationalen Zusammenarbeit betraf, behandelte 
sie doch nicht nur ein politische Rivalitäten geradezu provozierendes Feld, sondern zielte 
sie zugleich auf ein Gebiet, das traditionell der einzelstaatlichen Souveränität unterlag. 
Allein die Idee eines international einheitlichen, von den international führenden Histo- 
rikern verfassten Geschichtslehrbuches, wie es von verschiedenen Seiten vorgeschlagen 
wurde, traf nicht nur auf Ablehnung in vielen nationalen Schulbehörden, sondern wurde 
von zahlreichen Geschichtswissenschaftlern als Eingriff in die Freiheit von Forschung 
und Lehre begriffen. Eine Revision der nationalen Schulbücher nach bestimmten Krite- 
rien — etwa den Ausschluss von militaristischen oder nationalistischen Kapiteln — schien 
hingegen Erfolg versprechender zu sein. So verabschiedete die Internationale Kommis- 
sion für geistige Zusammenarbeit 1925 die sogenannte „Entschließung Casares“, in der 
die Idee international einheitlicher Unterrichtsmethoden und Lehrmittel aufgegeben 
wurde und die stattdessen eine internationale Kontrolle nationaler Schul- und Lehrplan- 
revisionen vorsah. Diese Initiative zeitigte allerdings zunächst wegen ihrer Unverbind- 
lichkeit wenig Erfolg, da der Völkerbund sich der Aufgabe dieser Kontrolle aus Furcht 
vor internationalen Verstimmungen zu entziehen suchte. 
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