Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

 
Ein erneuter Schub in den Revisionsbestrebungen setzte am Beginn der 1930er Jahre 
ein. 1932 legte das Internationale Institut für geistige Zusammenarbeit unter dem Titel 
„Revision der Schulbücher, die der Völkerverständigung schädliche Stellen enthalten“ 
einen Bericht über den Zustand der Schulbücher in den Fächern Geschichte, Geographie 
und Moral- und Staatserziehung vor. (Vierteljährliche Zeitschrift 1933, 110f.; Rothbarth 
1932/ 33a, 90; La Revision 1932) Noch im selben Jahr fand eine Internationale Konfe- 
renz für Geschichtsunterricht in Den Haag statt, die auf eine entsprechende Anregung 
des fünften Internationalen Kongresses für Moralpädagogik von 1930 zurückging und 
das Ziel verfolgte, die vielfältigen, von zahlreichen internationalen Organisationen ver- 
folgten, aber unkoordinierten und inhaltlich verschiedenen Initiativen zur Revision des 
Geschichtsunterrichts zu vereinen. (Vgl. Internationaler Kongreß 1932; Internationale 
Geschichtskonferenz 1932 und 1932a; Rothbarth 1932/ 33) Zu dieser Konferenz reisten 
nicht nur Historiker und Pädagogen, sondern ebenso Ethiker und Pazifisten aus fünfzehn 
Ländern an.' Viele internationale Organisationen, wie etwa der Unterrichtsausschuss des 
Comite International des Sciences Historiques, der moralpädagogische Kongress und die 
Internationale Vereinigung der Lehrerverbände, sandten Vertreter. Die Anzahl der Uni- 
versitätsprofessoren blieb allerdings gering, berühmte Namen fehlten, sieht man von 
einigen Ausnahmen, wie etwa Fritz Kern und Theodor Mommsen aus Deutschland, 
Oskar Halecki aus Polen und Johan Huizinga aus Holland ab. Fünf Schwerpunkte stan- 
den im Mittelpunkt der Diskussionen: der Anteil der Kulturgeschichte im Geschichtsun- 
terricht unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte, die Beziehung zwischen 
National- und Weltgeschichte, der Inhalt und die Revision der Lehrbücher sowie die 
Altersstufe für den Beginn des Geschichtsunterrichts. (Vgl. Vierteljährliche Zeitschrift 
1933; Conference Internationale 1932; Rothbart 1932/ 33; Internationale Geschichtskon- 
ferenz 1932) Deutlich wurde in den Debatten die für die 1920er Jahre kennzeichnende 
Diskrepanz zwischen den Vertretern mit pazifistischen Maximalforderungen, zu denen 
die Abfassung eines international verbindlichen kulturgeschichtlichen Handbuches ge- 
hörte, und den Geschichtslehrern und -wissenschaftlern, die auf die nationalen Beson- 
derheiten des Geschichtsunterrichts und die Wechselbeziehung von Geschichtswissen- 
schaft und -unterricht verwiesen. 
Erwartungsgemäß führte daher die Frage der Geschichtslehrpläne und Schulbuchrevi- 
sion zu einer kontroversen Diskussion. Georges Lapierre, Sekretär der Internationalen 
Vereinigung der Lehrerverbände, forderte eine rasche Revision der Lehrbücher auf der 
Grundlage der jeweiligen nationalen Schulgesetzgebung und stellte einen entsprechen- 
den Geschichtslehrplan für die französische Volksschule vor. Andere wiederum sahen 
im internationalen Kontakt, Austausch und in der Zusammenarbeit zwischen den Päda- 
gogen die wirksamste Methode zur Änderung der Lehrpläne und -bücher. (Vierteljährli- 
che Zeitschrift 1933, 59ff.) Der bescheidene Erfolg sowohl dieser als auch verschiedener 
weiterer Initiativen im Verlauf der 1930er Jahre offenbarte das Dilemma des Unterfan- 
gens der internationalen Schulbuch- und Curriculumrevision:? Einerseits hütete sich der 
 
' Die Teilnehmer kamen aus Ägypten, Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Griechen- 
land, Holland, Italien, Polen, Schweden, der Schweiz, Spanien, Ungarn und den USA. a 
? Zu diesen Initiativen gehörten auch die jährlichen vom Weltverband der Völkerbundliga an der Universität 
von Genf durchgeführten Sommerschulkurse, die sich neben den Themen zur Arbeit des Völkerbundes 
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