Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

Angesichts der unterschiedlichen politischen Systeme und Traditionen des Schulunter- 
richts war diese Forderung ohnehin utopisch. Die Protagonisten einer internationalen 
Verständigung über die Schulbuchrevision hatten daher mit dem auf dem Historikerkon- 
gress in Oslo gegründeten Ausschuss für den Geschichtsunterricht kein internationales 
Kontrollorgan, sondern eine Art Agentur zum Informationsaustausch vor Augen, das 
zugleich als kompetenter Ratgeber bei der Abfassung der nationalen Schullehrbücher 
dienen konnte. Der Ausschuss traf sich in den Folgejahren regelmäßig, führte internatio- 
nale Umfragen und Untersuchungen durch und kooperierte mit anderen internationalen 
Organisationen, beispielsweise dem Völkerbund. (School Text-Book Revision 1933, 
66ff.) 
Die vielfältigen nationalen und internationalen Initiativen zur Revision von Ge- 
schichts- und Geographielehrbüchern beherrschten den Curriculumdiskurs in der Zwi- 
schenkriegszeit, ohne allerdings die damit verbundenen Ideale durch ein international 
wirksames Vertragswerk einlösen zu können. Erstens fehlte es dazu an einer Organisati- 
on, die fähig gewesen wäre, die vielfältigen Aktivitäten — immerhin befassten sich etwa 
20 internationale und 44 nationale Organisationen mit der Schulbuchrevision (La Revi- 
sion 1932, IXff.) — auf diesem Gebiet zu koordinieren. Zweitens gab es keine internatio- 
nale Verständigung über den Inhalt der Schulbuchrevision und Wege zu deren Realisie- 
rung, so dass zwar netzwerkartige Beziehungen zwischen einzelnen Organisationen 
existierten, die sich vor allem über Personalunionen realisierten, aber keine direkte Ab- 
stimmung hinsichtlich der Inhalte und Ziele erfolgte. Drittens erschien vielen Beteiligten 
an den Debatten die Einführung einer internationalen Kontrolle oder gar die Einführung 
internationaler Lehrbücher als suspekt. Dies äußerte sich insbesondere bei den Fachhis- 
torikern, die um die Wissenschaftlichkeit und Objektivität ihrer Disziplin bangten. Aber 
auch die Gefahr einer Abwertung nationaler Traditionen führte zu einer Ablehnung wei- 
terreichender internationaler Maßnahmen. Viertens darf die Konkurrenz verschiedener 
Interessengruppen — etwa zwischen Pädagogen und Wissenschaftlern oder zwischen 
Volksschullehrern und Lehrern der Sekundarstufe — nicht unterschätzt werden. Die sich 
teilweise über diese Professionen vollziehende Internationalisierung führte zwangsläufig 
zur Abgrenzung untereinander. Dass, fünftens, die enge Verbindung von Schulbuchrevi- 
sion und allgemeiner Friedenserziehung besonders im konservativen Lager und außer- 
halb des New Education Movement mit Skepsis und Ablehnung betrachtet wurde, trug 
ebenso wenig zu einer internationalen Kooperation bei. Sechstens schließlich war die 
Diskrepanz zwischen den angelsächsischen und den eher europäischen Initiativen un- 
übersehbar. Die Verbindung von Schulbuchrevision und Friedenserziehung mit dem 
politischen Modell der Demokratie und die breite Verankerung der gesamten Bewegung 
bei den Schulpädagogen in den USA stand in eigenartigem Gegensatz zum Völkerbund 
und den europäischen Organisationen, deren Antrieb zur Schulbuchrevision wesentlich 
stärker aus den Kriegserfahrungen resultierte und damit kaum mit politischen Modellen 
verknüpft wurde. 
Trotz dieser Mängel ist seit den 1930er Jahren eine regionale Ausdehnung der Schul- 
buchrevisionsbemühungen zu beobachten. 1930 forderte ein internationaler Kongress 
südamerikanischer Universitäten eine Lehrbuchrevision. Drei Jahre später verabschiede- 
te der siebente Panamerikanische Kongress in Montevideo eine entsprechende Resoluti- 
on, die sich mit der Unterzeichnung eines bilateralen Vertrages zur Regulierung der 
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