Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

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Achtens ist es in den USA Usus, dass die Lehrbücher für Weltgeschichte von den ent- 
sprechenden Experten an den Universitäten verfasst werden. In Deutschland hingegen 
werden die Schulgeschichtsbücher in der Regel nicht von akademischen Historikern 
geschrieben. Ein wichtiger Grund liegt in der unterschiedlichen Struktur des höheren 
Bildungswesens in beiden Ländern. Während die Lehrbücher als Studienmaterial für 
amerikanische undergraduates und damit die Studenten der Weltgeschichtshistoriker 
dienen, würden in Deutschland Verfasser und Adressat auseinanderfallen, da die zu 
adressierende Klientel hier an den Gymnasien zu finden ist. Neben spezifischen Produk- 
tionsbedingungen, in denen Autor, Verlag, Schulverwaltung und Schule die partizipie- 
renden Kräfte mit teilweise unterschiedlichen Interessen darstellen, muss unterstrichen 
werden, dass das Schulbuch vor allem eine Ware ist, die verkauft werden muss, was 
heißt, dass es nicht primär um eine Verbesserung der Bildung oder eine Änderung des 
Geschichtsbildes geht. (Klemenz 1997; Jeismann 1987) Das bedeutet zugleich, dass ein 
direkter Transfer von wissenschaftlichem Wissen in Schulwissen nicht stattfindet. Dazu 
kommt das Zulassungsverfahren von Lehrbüchern, das innerhalb der Bundesländer diffe- 
riert. Empirische Studien zur Nutzung der Lehrbücher im Unterricht liegen bislang nicht 
vor. Die Einführung einer weltgeschichtlichen Perspektive in Schulbüchern betrifft dem- 
nach die Ebene der Schulverwaltung, die ja Curricula oder Standards vorgibt, diejenige 
der Autoren, die dafür sensibilisiert werden müssen, und diejenige der Lehrer, die ja die 
Schulbücher auswählen. Wie Erfahrungsberichte zeigen, nutzen Lehrer diese Lehrbücher 
für die Unterrichtsvorbereitung und -durchführung in weit größerem Maße als Fach- und 
didaktische Literatur. (Vollstädt et al. 1999) 
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Lehrbuch- und Curriculumreformen seit dem be- 
ginnenden 20. Jahrhundert direkt oder indirekt auf internationale Einflüsse reagierten, 
wobei die Kontingenz dieser Einflüsse auch die Art der Rezeption — also entweder über 
international verbindliche Lehrmittel, über internationale Verträge oder aber über Stan- 
dards und Kompetenzen — bestimmte. Mit dem Verweis auf gegenwärtige Versuche der 
Erweiterung von Geschichtslehrplänen und -büchern um eine weltgeschichtliche Per- 
spektive wird hier für einen empirischen Forschungsansatz plädiert, dessen Ergebnisse - 
und nicht a priori gesetzte normative Annahmen - handlungsleitend für eine Curriculum- 
und Schulbuchreform sein sollten. 
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