Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

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bot der KPD in der Bundesrepublik 1956 angeführt und vor allem auf personelle Konti- 
nuität zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik verwiesen, wobei derartige Feststel- 
lungen mit Behauptungen verbunden wurden, die für die Schüler nicht bzw. kaum über- 
prüfbar waren. Besonders hervorgehoben wurden Globke und Oberländer, ehemalige 
Wehrmachtsgeneräle in der Bundeswehr und Richter. Typisch für die Verknüpfung von 
historisch Zutreffendem mit politisch motivierten Behauptungen war folgende Passage 
im Lehrbuch für die 9. Klasse von 1960: „Das waren die sogenannten Nürnberger Geset- 
ze, zu denen der heutige Staatssekretär Adenauers, Dr. Globke, den erläuternden Kom- 
mentar schrieb. Heute häufen sich in Westdeutschland unter dem Schutz dieses und 
anderer berüchtigter Antisemiten die Ausschreitungen gegen Juden, und es lebt der glei- 
che faschistische Ungeist auf.“ (Gensch 1960, S. 246). Im Lehrbuch von 1961 hieß es: 
„Viele der Blutrichter, die damals an den faschistischen Sondergerichten, Standgerichten 
und Schnellgerichten durch ihre Todesurteile tausendfachen Mord verübten, sind heute 
an der Verfolgung demokratischer, friedliebender Menschen in Westdeutschland betei- 
ligt.“ (Doernberg 1961, S. 66 £.). Diese politischen Aktualisierungen in den Geschichts- 
schulbüchern entsprachen sowohl im Inhalt und in der Argumentation als auch in ihrer 
Zielsetzung exakt den ab 1959/60 von der SED im Kontext ihrer Deutschlandpolitik 
gegen die Bundesrepublik Deutschland geführten Propagandakampagnen. 
Ein weiteres Beispiel sind zu konstatierende Veränderungen im Umfang der Darstel- 
lung nationalgeschichtlicher Aspekte. Im Vergleich zum vorherigen Lehrplan und Lehr- 
buch zeigte sich in der Direktive zum Lehrplan von 1963 und im überarbeiteten Lehr- 
plan von 1966 sowie dementsprechend in den dazu verfassten Lehrbüchern eine deutli- 
che Akzentuierung nationalgeschichtlicher Gesichtspunkte, d. h. vor allem von KPD- 
Geschichte. 
Ausschlaggebend für diese Veränderung war folgender Hintergrund: 1962 wurde im 
so genannten Nationalen Dokument die Zwei-Linien-Theorie als offizielle, von der SED 
propagierte Geschichtsdeutung festgeschrieben. Dieser Theorie zufolge habe sich die 
deutsche Geschichte nach 1848 in zwei Klassenlinien entwickelt, eine reaktionäre Linie 
der Bourgeoisie, der Imperialisten und Militaristen, die in der Bundesrepublik Deutsch- 
land fortgesetzt werde, und eine fortschrittliche Linie der Arbeiterklasse, die die DDR 
verkörpere. Die den Ausführungen im Nationalen Dokument entsprechende ausführliche 
Darstellung der positiven Traditionslinie der DDR erfolgte seitens der SED im 1963 
veröffentlichten „Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ und auch 
im Parteiprogramm der SED von 1963 wurde die Zwei-Linien-Theorie verankert. Die 
aktuelle politische Zielsetzung dieses offiziell kanonisierten Geschichtsbildes bestand 
darin, die Deutschlandpolitik der SED und insbesondere den Bau der Berliner Mauer 
historisch zu legitimieren und mittels einer deutlichen ideologischen Grenzziehung zur 
Bundesrepublik Deutschland die Loyalität der Bevölkerung zur SED-Führung und zum 
Staat DDR zu sichern. Dem politischen Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik 
sollte ein im Sinne des historischen Materialismus geschichtlich begründeter moralischer 
Alleinvertretungsanspruch der DDR entgegengesetzt werden. 
Um den Geschichtsunterricht exakt auf das von der SED-Führung 1962/63 propagier- 
te Geschichtsbild auszurichten, waren inhaltlichen Änderungen im Geschichtslehrplan 
nötig. Dementsprechend fand sich in den geänderten Lehrplänen und den dazu verfassten 
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