Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

schen viel Wissen vorenthalten bleiben, welches ihnen im Leben nützlich sein 
kann. Die Zeit, in der Wissen durch Schulbücher vermittelt wird, ist für einen Teil 
der Menschen die einzige Zeit in ihrem Leben, in der ihnen ein lebenswichtiges 
Wert- und Orientierungswissen verinnerlicht wird. 
Verbindlichkeit gewinnen Schulbücher dadurch, dass sie Werte vermitteln und 
Normen geltend machen. Es wäre korrekt und redlich, wenn das bei der Verwen- 
dung von Schulbüchern stets im Bewusstsein bliebe. Die Sachlichkeit der Informa- 
tion, die man von Schulbüchern erwarten muss, wird durch die Wertvermittlung 
nicht behindert. Selbst wenn manche Autoren von Schulbüchern vorgeben, ihre 
Werke wertfrei gestaltet zu haben, stellt sich die Wertfrage deshalb, weil ein 
Schulbuch nicht seine Aufgabe erfüllen würde, wenn es sich — wie etwa ein Sach- 
buch - auf neutrale Information konzentrierte. Der Staat stellt sich vor der Zulas- 
sung eines neuen Schulbuches immer die Frage, welche Werte durch das Buch in 
das Denken der Jugend transportiert werden. Er behält sich das „letzte Wort“ bei 
der Bestimmung und Entscheidung über den Wertgehalt von Schulbüchern vor und 
überläßt dies nicht der Kompetenz der Pädagogik. 
Die Verbindlichkeit der Werte, auf denen ein Schulbuch gründet, wird nicht da- 
durch aufgehoben, dass man in einer Demokratie die Inhalte als Angebote zur 
Auswahl durch Lehrer und Lerner begreift. Dagegen fassen autoritäre Staaten 
Schulbücher so auf, dass die in diesen enthaltenen Stoffe allesamt im Unterricht 
behandelt werden und keine davon ausgelassen werden dürfen. 
Schulbücher verlieren ihren Sinn, zugleich auch ihre stoffliche Systematik und 
Ordnung, wenn die Lerninhalte ausschließlich oder vorwiegend durch Exzerpte aus 
anderen Büchern, die die Lehrer ausgewählt haben, bestehen. Die Tendenz dazu ist 
heute vorhanden, weil manche Lehrer meinen, die Inhalte von Schulbüchern könn- 
ten nie so aktuell sein wie Texte aus ganz neuer Literatur oder aus Zeitschriften. 
Autoren und Verleger von Schulbüchern beklagen sich heute nicht selten über eine 
neue „Zettelpädagogik“, die meint, ohne Schulbücher auszukommen. Die Freiheit 
zur Auswahl von Schulbüchern, auf die Lehrer im demokratischen Schulwesen ei- 
nen Anspruch haben, sollte nicht durch wirkliche „Abwahl“ von Schulbüchern ü- 
bertrieben werden. 
Ähnliches gilt für die Freiheit des Lehrers zur Wahl der Methoden, die für ein 
Schulbuch maßgebend sind. So darf die Verbindlichkeit von Schulbüchern nicht so 
missverstanden werden, dass der einzelne Lehrer durch seine Vorgesetzten ver- 
pflichtet wird, etwa im Deutsch- oder Mathematikunterricht nur eine bestimmte 
Methode anzuwenden, so z. B. die Ganzheitsmethode im Erstleseunterricht oder 
die Mengenlehre in der Mathematik. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 
gab es in Deutschland zahlreiche Regionalverlage, die dadurch profitierten, dass 
leitende Beamte der Schulverwaltung und -aufsicht als Autoren bzw. Herausgeber 
von Schulbüchern dafür sorgten, dass ihre Bücher von möglichst vielen Lehrern 
und Lehrerinnen ihres Amtsbereichs gekauft und von der regionalen Lehrerschaft 
schon deshalb im Unterricht verbreitet wurden, um sich bei den Spitzenbeamten 
des Schulwesens ins rechte Licht zu rücken. Ich habe in einigen Regierungsbezir- 
ken erlebt, dass dort etwa Fibeln, die an der Ganzheitsmethode orientiert waren, 
geradezu ein Monopol erreichten, für die Lehrerschaft eine negative Verbindlich- 
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