Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

ras“ oder der Dreisatzaufgaben würde als Nonsens gelten. In Jahrhunderten hielt die 
Lehrerschaft das „ungeschriebene Gesetz“ des Kanons der Lerninhalte für den obersten 
Orientierungspunkt der Kanonisierung. Nichtachtung dieses „Gesetzes“ galt auch über 
politische Umbrüche hinweg als Beschädigung der Grundstruktur der Schule. Allerdings 
kam es immer wieder zu (meist kurzen) Perioden einer Absage an das „ungeschriebene 
Gesetz“, etwa dadurch, dass nach 1968 Literatur von Klassikern der Dichtung zugunsten 
der ausgiebigen Beschäftigung mit Texten der Vulgärliteratur (aus Zeitungen usw.) oder 
der Beschäftigung mit der Dichtung Bertolt Brechts aus dem Lehrplan eines Schuljahres 
ausgeklammert wurden, ähnlich wie bekannte Volkslieder, selbst wenn diese zum Kul- 
turbesitz der Gesellschaft gehören. 
Da das „ungeschriebene Gesetz“ der Kanonisierung von verbindlichen Lerninhalten 
auf dem fachlichen Grundverständnis der Lehrerschaft basiert, hängt die Zustimmung 
einer solchen Kanonisierung von verbindlichen Inhalten von der individuellen Entschei- 
dung der Lehrenden ab, und für diese kann es einen Denkzwang nicht geben. Wichtig ist 
jedoch, dass die Notwendigkeit eines Kanons der Bildungsinhalte durch noch so weitge- 
hende Liberalisierung nicht anachronistisch werden kann, denn er garantiert die geistige 
Ordnung, ohne die eine Schule ihre Aufgabe nicht erfüllt. 
IV Streiflichter zur Geschichte der Verbindlichkeit 
Die Verbindlichkeit von Schulbüchern ist ein wichtiges Teilgebiet der Schulgeschichte. 
Über die Lektüre sowohl der Lehrer wie auch der Schüler haben sich Klassiker der Päd- 
agogik in ihren Hauptwerken immer wieder Gedanken gemacht. Exemplarisch hierfür 
sind Bernhard Overbergs „Anweisungen zum zweckmäßigen Schulunterricht“ (1792) für 
Schullehrer im Hochstift Münster. Zu der Zeit, als Overberg das Volksschulwesen im 
Bistum Münster zu leiten hatte, gab es in den Landschulen wie überhaupt in Volksschu- 
len nur sehr wenige Schulbücher im Besitz der Schüler, meistens nur eine Fibel und bzw. 
ein Lesebuch, das nicht nur literarische, sondern auch ethische und religiöse Texte sowie 
Texte zur Alltagspraxis der Menschen wie z. B. Anweisungen zur Arbeit in der Land- 
wirtschaft enthielt; hinzu kam bisweilen ein Rechenbuch, ein Kleiner Katechismus („ad 
usum Delphini“) und eine Schulbibel. Auch Lehrer hatten nur wenige Bücher zu ihrer 
eigenen Verfügung und erhielten von Overberg eine Art Lektüreanweisung einschließ- 
lich eines Kanons der Bücher, die Overberg für den Unterricht besonders empfahl: außer 
der Bibel „Philothea“ von Franz von Sales, die „Nachfolge Christi“ des Thomas von 
Kempen, den „geistlichen Streit des Scuopli“. Overberg wünscht, „daß ihr sie alle drei 
habet und auf die rechte Weise lesen könnet“ (Overberg 1792, S. 33). Er erwartete von 
den Lehrern tägliche Lektüre in den Büchern — und natürlich auch in seinen „Anweisun- 
gen zum zweckmäßigen Schulunterricht“, worin das an Pädagogik enthalten ist, was 
Overberg in seiner Münsterischen Normalschule in der (meist recht kurzen) Zeit der 
Lehrerbildung seine Seminaristen gelehrt hatte. Damals schon sehr bekannte Bücher wie 
„Orbis pictus“, „Robinson Crusoe“ oder Gellerts Fabeln tauchen in dem Bücherkanon, 
den Overberg seinen Lehrern auferlegt, nicht auf. Das Philothea-Buch - so fordert Over- 
berg - sollen die Lehrer „mit Bedachtsamkeit mehrmals lesen“ und „macht es zum tägli- 
chen Handbuche“. „Es ist viel besser, daß ihr eines auf die rechte Art leset, als daß ihr 
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