Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

wird, Schulbuchwissen auf eine einheitliche Zielgruppe hin zu konzipieren. Dies konter- 
kariert die impliziten Rezipientenfiktionen, die in der ausschließlichen Konzeption des 
Schulbuchs als intentionales Lernmedium auf Seiten der etablierten Schulbuchforschung 
vorherrschend sind. Im Rahmen des universalistischen Mediums Schulbuch wird gleich- 
sam ein generalisierter und einheitlicher „Modellschüler“ als Abstraktion und idealtypi- 
scher Bezugspunkt etablierter Schulbuchforschung konstruiert (Höhne 2003: 114 £.). 
Demgegenüber ist hervorzuheben, dass das individuelle Nutzungsverhalten von Jugend- 
lichen etwa in Bezug auf Massenmedien höchst unterschiedlich ist”, so dass die Frage 
entsteht, inwieweit das Schulbuch als ein universalistisch konzipiertes Medium über- 
haupt noch schul- und lernrelevante Wirkungen erzielen kann. Darüber hinausgehend 
wird lerntheoretisch zunehmend auf Individualisierung und Autonomisierung des Ler- 
nens abgestellt‘, was möglicherweise ein weiteres Argument für die Problematisierung 
des Schulbuchs als Leitmedium von Unterricht darstellt. Um diesen Problemen bzw. den 
sich daraus ergebenden Fragen grundsätzlich nachzugehen, wäre eine systematische, 
empirische Untersuchung des Nutzungsverhaltens von Schülern hinsichtlich ihrer Schul- 
bücher notwendig. Erst dann würde die Relativität pädagogisch unterstellter Wirkungen 
offenbar werden, wenn — wie an anderen Medien bereits untersucht — die Individualisie- 
rung im Gebrauch der Medien sich als so fortgeschritten erweisen würde, dass eine Ka- 
tegorie wie die der Zielgruppe gleichermaßen kritisch zu reflektieren wäre. Was die 
Abstraktionen etablierter Schulbuchforschung von den subjektiven Rezeptionsweisen 
und der empirischen Verwendung von Schulbüchern im Unterricht betrifft, so lässt sich 
das empirische Defizit folgendermaßen pointiert auf einen Nenner bringen: ‚der Schüler’ 
der 1990er Jahre scheint für die etablierte Schulbuchforschung der gleiche zu sein wie 
‚der Schüler’ der 1960er Jahre. 
Die angedeuteten Veränderungen beziehen sich aber auch auf die andere Seite der 
Lehr-Lernprozesse, denn komplementär zu den Veränderungen auf Schülerseite hat sich 
gleichermaßen die Rolle der Lehrenden gewandelt. Der Unterricht besteht nicht mehr 
primär aus Unterweisung und direktiver Leitung, sondern die Grenzen kommunikativer 
und interaktiver Einflussnahme auf Erzieherseite müssen berücksichtigt werden. Ehe- 
mals feste Interaktionsbeziehungen und klare Rollenverteilungen mit einem festen Set 
 
"Dieser gerade für die Analyse der Rezeptionsweisen bei Schulbüchern eminent wichtiger Gedanke kann 
hier nicht weiter ausgeführt werden, doch soll zumindest auf die Vorbildfunktion in der Medienforschung 
hingewiesen werden. Diese entdeckte die Figur des ‚aktiven Rezipienten’ Anfang der 1980er Jahre (z.B. 
im uses and gratification-Ansatz), so dass die bisherige Fragerichtung „Was machen die Medien mit den 
Menschen“ auch umgekehrt werden musste in „Was machen die Menschen mit den Medien“ 
(Schorb/ Mohn/ Theunert 1998: 500). In dieser Hinsicht steht ein elementarer Perspektivenwechsel von 
der ausschließlich produzentorientierten Schulbuchforschung hin zu einer Rezipientenorientierung noch 
aus - ein Defizit, das spätestens seit Anfang der 1980er Jahre in der Schulbuchforschung bekannt ist (vgl. 
Lange 1981: 18). 
"* Gerd Stein weist auf die Möglichkeit hin, Schulbücher auch „‚gegen den Strich’“ (1991: 757) zu lesen, um 
auf diese Art eine Perspektivenvielfalt zu befördern. Diesen Gedanken mediendidaktisch weiter entwickelt 
könnte etwa bedeuten, Schulbücher innerhalb eines viel weiteren medialen Arrangements (Computer, In- 
ternet, Fernsehen usw.) als ein Element zu betrachten. Sie könnten dazu dienen, exemplarisch für eine 
Form des Wissens, nämlich des kanonischen Wissens (vgl. Höhne 2003: 85, 103, 128) verwendet zu wer- 
den, um es gegenüber anderen, schneller wechselnden Wissensformen (z.B. in den Massenmedien) abzu- 
grenzen und diese unterschiedlichen Wissensformen auch in der Schule zu thematisieren. 
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