Full text: Die Familie im Schulbuch

Die lose Bindung an die Familie gilt auch für den Onke?*; der hilft gelegentlich und 
bringt etwas mit, wenn er aus „der Ferne“ (!) zu BeSuch kommt. - Anders hingegen die 
Tante - zie hilft regelmäßig aus, wenn die Mutter einmal nicht zur Stelle ist. Außerdem 
wird mit ihr ein Neuerungsakzent gesetzt: Die Tante bringt Stets „etwas Neues“ oder 
„Feines“ mit, und zie ist im Vergleich zur zumeist hausmütterlich praktisch gewandeten 
Mutter Schick: Sie trägt zumeist ein „Schönes Kleid“, und das findet auch Seine textliche 
Erwähnung. - Diese Akzentuierung ist ambivalent: Sie lässt die Mutter mit ihrem Haus- 
Stand einerSeits altbacken erscheinen, andererseits aber auch altruistisch und Solide. Die 
Mutter ist in der Tat der erste Diener der Familie. 
Hauspersonal ist da entbehrlich und weit und breit auch nicht in Sicht. Ebenso wenig 
iSt es etwa ein Repräsentationsraum, wie er zur gut- und großbürgerlichen Familie S0zio- 
kulturell 50 bestimmend gehört wie das Dienstmädchen. Ersichtlich spielt die Fibelfami- 
lie der materiellen Lage und Sozio-kulturellen Ausstattung nach (Abb. 1 und 2) im 
Kleinbürgertum. Die Fibel gibt öffentlich zu Protokoll, dass es Sich Hauspersonal und 
ein repräsentatives Ambiente nicht leisten kann und/ oder will, anders etwa als das ab- 
Stiegsbedrohte Bürgertum nach dem ersten Weltkrieg, das auf Fassade bedacht war. Wie 
dies Bürgertum freilich ist auch die in der Fibel idylliSierte Kleinbürgerfamilie auf die 
Arbeit der Kinder ökonomisch nicht angewiesen. Dort - wie in jeder idyllischen Kin- 
derwelt - ist die Tätigkeit des Kindes über die ganze Kindheit hinweg: Spielen und Ler- 
nen. Wenn Sie praktisch arbeiten, helfen Sie aus pädagogischem Grunde in der Familie 
mit. 
Dabei zeichnet diese Familie das Arbeitsethos und die Tugenden des kleinbürgerli- 
chen Betriebes aus. Ihr Sozialmoralisches Milieu ist autoritär und pflichtethisch. Die in 
der Fibel - von der Zwischenkriegszeit über das „Dritte Reich“ bis in die Nachkriegszeit 
in der Bundesgrepublik - gezeichnete Kleinfamilie ist mithin Soziologisch gesehen ein 
Mixtum kompositum, eine Gemengelage bürgerlicher Schichtungen und Milieus. Groß- 
bürgertum wird etwa mit dem 1934 in die Hansa-Fibel vom Verlag neu eingefügten 
Weihnachtsbild (Abb. 4**) vorgestellt. Die in dieser Familienszene liebevoll Sich neigen- 
de Mutter ist eine Dame, kein kleinbürgerliches Hausmütterchen mit Schürze (Abb. 1; 2; 
3); Sie hat zweifellos Dienstpersonal - die ganze Szene ist von großzügigem Zuschnitt, 
kennt keine kleinbürgerliche Enge oder Armut und ist daher rundum erbaulich. 
 
3 Fbenfalls vier Fundstellen. 
36 Vgl. Kleinschmidt 1997, S. 321; die im vorliegenden Text wiedergegebene Abbildung (Fibel für Nieder- 
Sachsen [1941], 8. 9) ist fibelhistorisch interessant: auf dem Kriegsspielzeug (1941!) Sieht man nirgends 
ein Hakenkreuz, anders als etwa 1933 (!) bei der Weihnachtsbescherung in der „braunen“ Fibel aus dem 
Hirt-Verlag (z.B. Jungvolk-Fibel 1933, S. 65). 
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