Volltext: Die Familie im Schulbuch

 
 
auch zur eigenen verklärenden Erinnerung, baben Sie ein Familienidyll konstruiert, das 
ihnen Selbst als Ideal im Sinn lag und vor Augen stand. Für Sie wie auch wohl gesamtge- 
Sellschaftlich löSt das Idyll ein Wahrnehmungsdilemma: 
Die Fibelfamilie ist das Familienbild, das die ideologischen Widersprüche, S0zio- 
pSychischen Kalamitäten und kommunikativen Brüche heilt, die Sich historisch mit der 
gesamtgesellschaftlichen Durchsetzung des bürgerlichen Familienmodells bei gleichzei- 
tig dynamisch Sich verwerfenden gesellschaftlichen Verhältnissen einstellten. Diese 
Verwerfungen liegen Schon im Kaiserreich vor, treten in der ersten Republik am Schärfs- 
ten, weil am öffentlichsten zutage und werden im „Dritten Reich“ ideologisch erfolg- 
reich kalmiert. Das Familienidyll der Fibel tut in gleich bleibender Idealität das Seinige 
dazu. Damit hatte Sie eine wichtige historische Funktion: die der Sozialen Versöhnung 
„im Strudel der Moderne“ (Reyer 2004, S. 385). Diese Funktion kam ihr insbesondere 
unter nationalsozialistischer Herrschaft zu, die ja ihrerseits als ideologische Aufrüstung 
gegen die Moderne* historisch gelesen werden kann. So gesehen ist die deutsche Fibel- 
familie ein Idyll mit hohem Realitätsverlust und großer Bindekraft. 
Diese funktionale Beziehung zwischen Schulbuch und Gesellschaft bzw. Politik, ge- 
nauer die kollektiv-psychologische und ideologische Funktion des Familienbilds der 
Fibel, kann auch pädagogisch gelesen werden. Der pädagogische Blick auf das Schul- 
buch/ die Fibel ist in der Schulbuchforschung vorherrschend.* Dort interesSiert man Sich 
dann für die bildende oder erzieherische Wirkung des Schulbuchs auf die Lern- und 
Lesesubjekte; für Sie, 50 wird dann angenommen, Sei die „gute“ Familie normgebendes 
und prägendes Ideal. In dieser Lesart ist die Familie nicht mehr historischer Darstel- 
lungsfall im Schulbuch, Sondern gesellschaftliche Widerspiegelung; dabei figuriert die 
pSycho-emotionale und moralische Innenausstattung der Familie als anthropologische 
Konstante. So werden im hier vorliegenden Falle Pflicht und Gehorsam, häusliche Sorge 
und autoritäre Liebe als menschliche bzw. kindliche Haltungen und Grundbedürfnisse 
ausgegeben“ und der Familie wird das Monopol auf sozio-emotionale Bindung und 
Sittliche Erziehung zugeschrieben. 
Diese pädagogisch-anthropologische Beladung von Familie erklärt, warum ihre Dar- 
Stellung im Schulbuch heftig umkämpft ist. Insbesondere dann, wenn zwischen den 
Familienkonzepten gesellschaftlicher Handlungsträger und öffentlicher oder offizieller 
Familienpolitik oder Familienideologie Differenzen bestehen, Sucht man Sich des Schul- 
buchs zu vergewissern oder Sich mit dem Schulbuch zu munitionieren.“ Ich skizziere 
zuletzt kurz den Stand der strittigen Dinge und frage kritisch nach der unterstellten er- 
zieherischen“ Wichtigkeit des Schulbuchs. 
 
42 
. Bei gleichzeitiger Durchsetzung der technischen und ästhetischen Moderne! : 
In der Schulbuchforschung kündigt Sich ein Paradigmenwechsel an: erstmals wird das Schulbuch bil- 
dungspol 1itisch als Steuer ungselement im i ungswesen ematisiert (P 
: . ) ( öggeler 2005; r er/ 
Die anthropologische Lesart des Familiemodells unterlie 
Giesecke 1990, die Familie Stille die Grundbedürfniss 
(Giesecke 1990, S. 225). 
Das nimmt gelegentlich den Stil von Endzeitauseinand 
buch geradezu zum Katechismus katholischer Familien 
Nicht unterrichtlichen Wichtigkeit. 
102 
gt ihrerseits historischem Wandel; 50 meint z.B. 
e nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe 
45 
ersetzung an, vgl. Streithofen 1980, der das Schul- 
D lehre nehmen möchte; dazu auch Heinemann 2004. 
 

	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.