Full text: Die Familie im Schulbuch

nachdrücklich die Frage zu stellen (und zu verneinen!), „ob die Frau, und zwar gerade 
diejenige, die ihr ursprüngliches Wesen bewahren will, auch dafür geeignet ist“ (S. 415). 
Zustimmend zitiert er Margaret Mead, „daß jede bisher existierende Gesellschaft ihre 
Kultur auf einer klaren, wenn auch unter Sich Sehr verschiedenen Sozialen Differenzie- 
rung der Geschlechter aufgebaut hat“ und unterstreicht ihre Frage, „ob wir mit den Ver- 
Suchen, diese Sozialen Unterschiede auch zwischen Mann und Frau weitgehend abzu- 
bauen, nicht die Wurzeln unserer Zivilisation erschüttern“ (S. 344). 
In vielen Sozialkundeschulbüchern der 70er Jahre wird dieses Rollenverständnis äu- 
Berst kritisch unter die Lupe genommen. In dem Arbeitsbuch: Politik, hrsg. v. Wolfgang 
Mickel, 1976, wird das Thema Familie unter der Perspektive behandelt, dass die bürger- 
liche Kleinfamilie die Frau in ein bestimmtes Rollenstereotyp gedrängt habe, das ihr eine 
gleichberechtigte Existenzweise mit dem Mann verunmöglicht habe. Unter der Über- 
Schrift „Das geht alle Mädchen an und alle Jungen, die Sich für Mädchen interessieren“ 
werden verschiedene Benachteiligungen von Mädchen und Frauen dargestellt, z. B. dass 
Frauen für dieselbe Arbeit weniger Lohn bekommen und auch berufstätige Frauen die 
volle Last der Familienarbeit zu tragen haben. Neue familiale Lebensformen wie Wohn- 
gemeinschaften werden als Chance dargestellt, mehr Gleichberechtigung für Väter und 
Mütter zu erreichen. Geschlechterrollen werden als wandelbar beschrieben, geschlechts- 
Spezifische Sozialisation wird problematisiert (vgl. etwa Kurt Gerhard Fischer und Mit- 
arbeiter: Gesellschaft und Politik 1971 und die weiteren Auflagen; politik im aufriß 
1977, S. 18ff.). Das „Lied von der Glocke“ wird explizit zur Ideologie erklärt (50 in X. 
G. Fischer u. Mitarbeiter: Gesellschaft und Politik, S. 90) - eine klare Absage an die 
Gedankenwelt der 50er Jahre. 
Eine gewisse Kontinuität zu den Darstellungen der 50er Jahre weist jedoch Langer/ 
Hardt. Freiheit: Ernte der Zeiten auf. hier wird etwa „Das Problem der völligen Gleich- 
Stellung von Mann und Frau“ thematisiert (1977, S. 21f.) und geschickt - deutlich Subti- 
ler als in den Schulbüchern der 50er Jahre - gegen jene angeschrieben (vgl. S. 22ff.). 
Schließlich noch einige Beispiele für die Thematisierung familiärer Rollen bzw. des 
Wandels derselben in Sozialkundebüchern der Gegenwart. Die Berufstätigkeit von Frau- 
en wird in allen von mir unterSuchten Sozialkundebüchern der Gegenwart positiv konno- 
tiert. In Zur Sache Sozialkunde wird darauf hingewiesen, dass „nach einer Studie des 
Statistischen Bundesamtes 1995 [...] Mütter mit Kindern, die gleichzeitig voll erwerbstä- 
tig waren, pro Tag fast drei Stunden mehr Hausarbeit [leisteten] als ihre erwerbstätigen 
Männer“ (2001, S. 40). Weiter heißt es: „Dieser geschichtlich bedingte Umstand Sorgt 
immer wieder für erregte Diskussionen - in der Öffentlichkeit und natürlich auch in den 
Familien Selbst“ (ebd.). Diese ungleiche Verteilung wird auch in anderen untersuchten 
Büchern kritisch festgehalten. In manchen Sozialkundeschulbüchern wird darauf hinge- 
wiegen, dass viele Männer gerne eine intensive Vaterschaft erleben und Sich die Famili- 
enarbeit gerne mit ihrer Frau teilen möchten, dass allerdings die ökonomisch- 
gesellschaftlichen Umstände dem noch häufig entgegenstünden (vgl. z. B. Mensch und 
 
tere Aufwertung erführe - was Mayntz nicht für realistisch hält - das Bedürfnis der Frauen „nach Selb- 
Ständigkeit, nach Anregung und Weiterbildung im Berufsleben“ (S. 58) weiter existierte und dem kein 
„weibliches Wegen“ entgegenstünde (S. 46). 
123 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.