Full text: Die Familie im Schulbuch

vor, wobei der Vater mit Abstand am ausführlichsten behandelt wird. Der Sohn be- 
Schreibt Seinen Vater als „nicht groß, aber Stark und tapfer“. Er erzählt, dass Sein Vater 
von Beruf Zimmermann ist, auf der Baustelle arbeitet, aber nebenher auch ein Studium 
an einer Hochschule absolviert. Abschließend Stellt er fest: „Papa kann alles: Er Sägt, er 
Spaltet Holz, er zimmert, er wäscht und malt. Er ist Koch und Installateur, Schneider und 
Maurer. So also ist mein Papa. Mit ihm ist es interessant und lustig.“ Im weiteren Text- 
verlauf wird ausführlich beschrieben, wie die ganze Familie ein mehrgängiges Gericht 
zubereitet. Sowohl die dem Text zugeordnete Kinderzeichnung (Abb. 7) als auch ein 
zweites Bild (S. 19) zeigen Vater und Sohn, beide angetan mit Kochmützen, am Herd. In 
einer großformatigen Zeichnung wird die Familie beim Aufräumen der Wohnung darge- 
Stellt (S. 11). Während Mutter und Sohn mit dem Bücherregal beschäftigt Sind und die 
Tochter die Fische im Aquarium füttert, bearbeitet der Vater mit einem Staubsauger den 
Teppichboden. 
Wenn in der Fibel der Vater charakterisiert wird, geht es 80wohl um das, was er kann 
und tut, als auch um die Vater-Kind-Beziehung. Demgegenüber ist die Beschreibung der 
Mutter nahezu ausschließlich auf die Beziehungsebene konzentriert, es fehlt jeglicher 
Hinweis auf ihre Berufstätigkeit (Tab. 4). Im erwähnten Lesestück über die Familie heißt 
es kurz und knapp: „Und wie ist unszere Mama? Sie ist lieb, natürlich, zärtlich und 
Schön.“ (S8. 114 f.) Einige dieser Kennzeichnungen werden an weiteren Stellen des Lehr- 
buchs aufgegriffen und entfaltet. So zeigt die Abbildung „Im Park“ die Mutter am Ufer 
eines Sees zusammen mit ihrem Baby, das im Kinderwagen liegt (S. 59). Ein durch ein 
Bild illustrierter Kurztext führt aus, dass die Mutter mit ihrer Tochter Alina Zärtlichkei- 
ten austauschte (S. 64), und in einem anderen Text ist von einer weiteren Mutter die 
Rede, die ihre vier Kinder liebkoste (S. 66f.). 
Betrachtet man das hier skizzierte Familienbild des Azbuka 1. klass in der Rückschau 
auf den Entwicklungsgang der „russischen Fibelfamilie“ der letzten 40 Jahre - und hier 
iSt ausdrücklich die „Fibelfamilie“, nicht die in der Sozialen Wirklichkeit Russlands 
existierende Familie gemeint -, 30 werden trotz mancher Kontinuitäten vor allem die 
enormen Soziostrukturellen und kulturellen Veränderungen dieses Bildes deutlich: 
- Die Familie entwickelt Sich von einer großen zu einer kleinen Sozialen Einheit, be- 
dingt durch die Verringerung der Kinderzahl und durch den Übergang von der 
Drei-Generationen- zur Zwei-Generationen-Familie. 
- Mit dem Verschwinden der kommunistischen Kinder- und Jugendorganisationen 
gewinnt die Familie als Lebensort der Kinder an Bedeutung. 
- Die Intimität der Familie kommt erheblich stärker als bisher zum Ausdruck, dage- 
gen verlieren die Eltern weitgehend ihre Rolle als vorbildliche Repräsentanten der 
Arbeitswelt; gleichzeitig beschränkt Sich die Zuständigkeit der Mutter vor allem 
auf die Welten des Haushalts und der Gefühle. | n 
- Der Vater hat Seine Position hinter der Zeitung aufgegeben und Sich zum tätigen 
Familienmenschen - aktiv Sowohl im Hausbalt als auch in Seiner Sozialen Rolle als 
Vater - emanzipiert. 
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