Full text: Die Familie im Schulbuch

 
 
lienhistorischer Forschung kam und dass Schließlich in Hans-Ulrich Wehlers großer 
„Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ die Familie und die Ergebnisse der familienhistori- 
Schen Forschung praktisch nicht auftauchen (Wehler 1996-2003). 
Dieses Nichtbeachten der Forschung zum Bereich der Familiengeschichte gilt meines 
Erachtens auch in einem ganz erheblichen Ausmaß für die deutschen Schulbücher. Fami- 
lie taucht dort häufig gerade nicht als zentraler Teil einer Strukturgeschichte europäi- 
Scher Gesellschaften auf, Sondern allenfalls als Anhang zur politischen Geschichte, oft 
im Kontext der Entwicklung von Frauenrechten oder als ein ASpekt der Geschichte des 
Alltags. Dabei würde es Sich durchaus anbieten, gerade die Familiengeschichte zu einer 
zentralen Achse einer epochen- und länderübergreifenden strukturgeschichtlichen Be- 
trachtung europäischer Gesellschaften zu machen. 
Im folgenden Sollen daher einige zentrale Ergebnisse einer Solchen strukturgeschicht- 
lich orientierten Familienforschung vorgestellt werden.' Darüber hinaus Soll der Beitrag 
einen Einblick in zentrale Debatten und unterschiedliche methodische Zugangsweisen 
vermitteln. Dabei kann es nicht darum gehen, die gesamte Breite dieses großen interdis- 
ziplinären Forschungsfeldes auch nur annähernd zusammen zu fassen. Vielmehr ollen 
drei Themenbereiche im Zentrum stehen. Das ist zum einen die historische Demographie 
und ihre Ergebnisse für die Familienforschung; zum anderen Soll am Anfang des Themas 
des Hauses auf die Frage von Privatheit und Öffentlichkeit eingegangen werden; ein 
dritter Teil widmet Sich Schließlich Forschungsergebnissen zur Geschichte der interfami- 
lialen Beziehungen. 
1 Historische Demographie 
Die Historische Familienforschung hat in ihrer Anfangsphase einen ganz wesentlichen 
Impuls von der Historischen Demographie erhalten (Imhof 1977). Diese hatte Sich inter- 
national fast zu 50 etwas wie einem Königsweg der Familienforschung entwickelt. Eine 
ganz wichtige und bis heute andauernde Debatte ging von einer Beobachtung des Demo- 
graphen John Hajnal aus, der in einem Aufsatz von 1963 festgestellt hatte, dass Sich ein 
großer Teil West-, Mittel- und Nordeuropas bis ins frühe 20. Jahrhundert durch ein im 
gesamteuropäischen, aber auch im globalen Vergleich außerordentlich hohes Heiratsalter 
auszeichnete (Hajnal 1963). In den meisten mittel- und westeuropäischen Staaten war 
nämlich nach der Beobachtung von Hajnal im Jahr 1900 etwa die Hälfte der jungen 
Männer im Alter zwischen 25 und 29 Jahren noch ledig. In Süd- und Osteuropa dagegen 
lag dieser Anteil deutlich niedriger bei 20 bis 30 Prozent. In außereuropäischen Gesgell- 
Schaften iSt diese Sogenannte Ledigenquote zum Teil noch viel geringer. Westlich einer 
Linie von St. Petersburg bis Triest habe Sich, 50 vermutete Hajnal, wohl bereits Seit dem 
Spätmittelalter ein demographisches Verhalten herausgebildet, das nicht nur durch Späte 
u Sondern auch durch hohen Anteil derjenigen gekennzeichnet Sei, die auf Grund 
ehlender materieller Ressourcen gar nicht hätten heiraten können. Die Kombination 
 
D i ; ; 
IBER es EIN zÖelae € Entwicklung der Historischen Familienforschung zusammen 
. 1. Nn an ; : 
GT ISECT erer Stelle dargestellt hat. Vgl. v.a. Gestrich 19994 und 1999b sowie 
20 
 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.