Full text: Die Familie im Schulbuch

den. Nur in Ausnahmefällen Sind Ansätze einer Vermittlung zwischen Tradition und 
Moderne zu erkennen: In einer weiteren Wohnzimmerszene gehen die Familienmitglie- 
der unterschiedlichen Tätigkeiten nach: Während die Mutter einen Hausschuh näht, die 
kleine Tochter mit der Puppe Spielt und der Junge ein Buch liest, bearbeitet der Vater, 
am Tisch Sitzend, einen Walrosszahn (Abb. 9). Ein anderes Bild zeigt den Großvater in 
traditioneller Pelzkleidung auf dem Schlitten, wie er Seinem Enkel den Lenin-Orden 
erklärt (S. 88). 
Aus der Außensgicht kann weder beurteilt werden, wie diese „Parallelwelten“ im Un- 
terricht kommuniziert wurden, noch wie diese Welten bei den kindlichen Betrachtern vor 
dem Hintergrund ihrer Erfahrungen wohl rezipiert und verarbeitet worden Sein mögen. 
Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Vermittlung derartig unterschiedlicher 
Familien- und Lebenswelten in einem Schulbuch für Leseanfänger S50wohl aus der Leh- 
rer- als auch aus der Schülerperspektive als eine besondere Herausforderung anzusehen 
iSt. 
Ziehen wir abschließend zum Vergleich das Familienbild der tSchuktschischen Fibel 
des Jahres 1994 heran, 50 wird deutlich, dass die skizzierten „Parallelwelten“ des Fami- 
lienlebens keineswegs verschwunden Sind. Auch in der post-Sowjetischen Ausgabe 
wechseln Sich Bilddarstellungen zum traditionellen und zum modernen Familienalltag 
ab. Allerdings hat Sich nun die Gewichtung verschoben: In der neuen Ausgabe überwie- 
gen quantitativ bei weitem Solche Darstellungen, die ein modernes Familienleben zeigen 
(Tab. 7). Dabei wurden für den Bereich der traditionellen Lebensweise weitgehend die 
Abbildungen der 1. Auflage übernommen, ergänzt um drei Illustrationen, die indes in- 
haltlich kaum neue Bezüge enthalten. Das Nebeneinander von „alt“ und „neu“ wird 
immerhin im ersten ganzseitigen Bild der Fibel angedeutet, das die Darstellung der Pa- 
rade auf dem Moskauer Roten Platz aus Anlass der 60-jährigen Wiederkehr der Russi- 
Schen Oktoberrevolution in der Ausgabe der Sowjetzeit ersetzt (S. 3): Die Illustration 
zeigt eine Mutter und ihre zwei Kinder in traditioneller Kleidung vor einer Flussland- 
Schaft mit Bergen, Wiesen und Wäldern, im Hintergrund ein Dorf; auf dem Fluss fährt 
ein Motorschiff, während in der Luft ein Hubschrauber fliegt. 
Auffällig ist in der Gesamtbetrachtung der neuen Fibel vor allem, dass die Anzahl 
familienbezogener Illustrationen gegenüber jenen der Ausgabe des Jahres 1977 deutlich 
höher ausfällt (Tab. 5). Dieser Anstieg ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die 
Abbildungen des Internatslebens weitgehend durch Solche ausgetauscht worden Sind, die 
einen Kinderalltag in der Familie zeigen (Tab. 7). Schon im neuen Bild „Zum Schulan- 
fang“ wurde der Hinweis auf die Reise zum Schulinternat getilgt, Mutter und Kinder 
Sind nun zu Fuß zur Schule unterwegs (S. 4). Die morgendliche Aufweck-Szene wurde 
vom Schlafsaal des Internats in das Kinderzimmer einer Wohnung verlagert, und für das 
Wecken ist nicht mehr ein Schlafsaalgenosse, Sondern die Mutter zuständig (Abb. 11). 
Anstelle des Lenin-Pioniers hilft die Großmutter den Kindern, die Sich auf den Weg in 
die Schule machen, in den Mantel (S. 12), das Essen wird zuhause, unter Mithilfe des 
Sohns, von der Mutter zubereitet (S. 14), und beim Essen ist die gesamte Familie am 
Küchentisch vergammelt (S. 15). Nur noch eine Abbildung - Kinder spielen vor einem 
Gebäude mit der Aufschrift „Internat“ - verweist auf einen familienfernen Lebensalltag 
der Kinder (S. 38). 
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