Full text: Die Familie im Schulbuch

dieser beiden Faktoren - hohes Heiratsalter und hohe Ledigenquote -- bezeichnete Hajnal 
als „European Marriage Pattern“, als ein europäisches Heiratsmuster. 
Hajnal integrierte diese Befunde Später in einen Erklärungsansatz, der Heiratsalter 
und Ledigenquote in Verbindung brachte mit der Dominanz unterschiedlicher Haus- 
haltsstrukturen (Hajnal 1982). Er ging davon aus, dass in der traditionalen westeuropäi- 
Schen Gegellschaft die Heirat mit der Neugründung oder Übernahme eines eigenen 
Haushalts (mit Sogenannter Neolokalität) verbunden war. Die dominante Form des fami- 
lialen Zusammenlebens Seien daher Einfamilienhaushalte (Simple family households) 
gewesen. In Ost- und Südosteuropa und vielen außereuropäischen Gesellschaften Seien 
dagegen die heiratenden Kinder nicht nur im Haushalt des Vaters oder - bei matrilinea- 
len Verwandtschaftssystemen - dem der Mutter verblieben, Sondern waren damit weiter 
dem Vater bzw. der Mutter als den Haushaltungsvorständen untergeordnet. In Westeuro- 
pa übernahmen die heiratenden Paare dagegen in die Regel auch die Vorstandsfunktion 
im HauSshalt, Selbst wenn es zu Formen des Zusammenwohnens unter einem Dach kam. 
Es ist Somit ein westeuropäisches Charakteristikum, dass mit der Heirat der Kinder die 
Macht im Haushalt an die mittlere Generation überging. Die Übergabe der ländlichen 
Betriebe durch die Eltern an die Kinder erfolgte jedoch Spät, weil diese ihre Machtposi- 
tion und ihre materiellen Ressourcen nicht aufgeben wollten, 80 dass das Heiratsalter 
hoch und Mehrgenerationenhaushalte die Ausnahme waren. 
Hajnals These vom europäischen Heiratsmuster hatte eine Vielzahl von Untersuchun- 
gen und weiterführenden Fragestellungen zur Folge: 
a) Mehrgenerationenhaushalte 
Eines der zentralen Theoreme der Familiensoziologie war bis in die 1960er Jahre, dass 
Sich im Rahmen der IndustrialiSierung der europäischen Gesellschaften die Familien- 
Strukturen dahin gehend verändert hätten, dass ursprünglich große, mehrgenerationelle 
Haushaltszusammenhänge abgelöst worden Seien durch Kernfamilien, die nur aus zwei 
Generationen bestanden. Man hat dies als Übergang von der traditionellen Großfamilie 
zur modernen Kleinfamilie oder auch als „Kontraktion der Familie“ gekennzeichnet 
(Schelsky1967, S. 18; Neidhardt 1970, S. 31; Gestrich 1999a, S. 59f.). Hajnals These 
vom European Marriage Pattern hat Zweifel an dieser Sicht aufkommen lassen. Mit der 
Überprüfung der Haushaltsstrukturen hatte Sich zuerst die britische Forschung und be- 
Sonders die 1966 gegründete „Cambridge Group for the History of Population and Social 
Structure“ um Peter Laslett beschäftigt (v.a. Laslett/ Wall 1972). Auf der Grundlage von 
Zensguslisten und anderen Quellen konnte gezeigt werden, dass in England die durch- 
Schnittlichen Haushaltsgrößen vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein mit durch- 
Schnittlich 7,5 Mitgliedern pro Haushalt relativ konstant geblieben waren. Diese Zahlen 
Schienen zu belegen, dass es die vorindustrielle Großfamilie auch im Sinne eines um 
Großeltern, Geschwister oder andere Verwandte und Dienstboten erweiterten komplexen 
Haushaltes 50 gar nicht gegeben hatte und daber die IndustrialiSierung auch keine rasche 
Verringerung der Haushaltsgrößen ausgelöst haben konnte (Laslett 1972a, Anderson 
1972). Man sprach daher bald vom „Mythos der vorindustriellen Großfamilie“ (Mitte- 
rauer/ Sieder 1977, S. 38-64) und konnte damit ein zentrales Paradigma der modernisie- 
rungstheoretisch inspirierten Familiensoziologie der Nachkriegszeit in Frage Stellen. 
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