Full text: Die Familie im Schulbuch

form erschüttert, ist die Familie nach wie vor der Ort, wo Humanvermögen (Kompeten- 
zen, Werte, Einstellungen, Orientierungen) entfaltet und weiter gereicht werden. 
Anders Sehen die familiären Strukturen und die Wertorientierungen bei Familien mit 
Migrationshintergrund aus. 52% ausländischer Familien haben zumeist drei und mehr 
Kinder. Typischerweise gibt es kaum Alleinerziehende und nicht-eheliche Gemeinschaf- 
ten. Bei türkischen und griechischen Familien leben oft mehrere Generationen zusam- 
men. 
2 Die Rolle der Familie in der Kinder- und Jugendliteratur 
Die Kinder- und Jugendliteratur hat auf die Veränderung familiärer Strukturen und kind- 
licher Lebenswelten reagiert und die Familie als Sozialen Erfahrungsraum für Kinder auf 
unterschiedliche Weise entsprechend ihrer ideologischen Ausrichtung und ihres eigenen 
Familien-/ Weltbildes gestaltet. War die KJL der 1950er Jahre noch an der bürgerlichen 
Familie mit klaren traditionellen Rollenverteilungen orientiert und von einer harmonisie- 
renden Tendenz geprägt, 30 zeichnet Sich Ende der 1960er Jahre unter dem Einfluss der 
PolitiSierung der Hochschule, der veränderten Erziehungs- und Emanzipationsvorstel- 
lungen Sowohl in der Themenwahl als auch in den Darstellungsformen ein Wandel in der 
KIL ab. Bisher ausgeblendete Themen, wie Tod, Scheidung, Drogen, Misshandlung oder 
Ausländerfeindlichkeit, wurden zum Gegenstand gemacht. Diese auch als problemorien- 
tiert bezeichnete KJL war durch ihre realitätsbezogene Darstellungsweise gekennzeich- 
net. Autoren der ersten Phase waren u. a. Ursula Wölfel, Peter Härtling, Christine 
Nöstlinger. Brüchige Familienstrukturen, überforderte Eltern, eine kritische Sicht auf 
Autoritätsverhältnisse und erstarrte Rollenzuordnungen rückten in den Mittelpunkt dar- 
gestellten Geschehens. Elternfiguren wurden vielfach negativ und kritisch dargestellt. 
Das Leiden kindlicher Protagonisten unter den familiären Lebensbedingungen, man- 
gelndes Verständnis und fehlende Zuwendung durch Eltern bilden ein durchgehendes 
Thema bei Autorinnen wie Mirjam Pressler, Kirsten Boie, Susanne Kilian. Kritik an der 
partriarchalisch organisierten Familie und ihren Normen, den tradierten Erziehungsstilen 
und geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen zeigte Sich auch in der Mädchenlitera- 
tur, z.B. bei Dagmar Chidolue Aber ich werde alles anders machen, wo die Protagonistin 
um ihre Selbstbestimmung kämpft. 
Unter dem Einfluss der Strukturveränderungen innerhalb der Familie hat die Literatur 
der 1980er/ 90er Jahre zunehmend die spezifischen Erfahrungen von Kindern/ Jugendli- 
chen in instabilen Verhältnissen (Scheidung) und wechselnden Beziehungsformen the- 
matisiert. Konfliktlagen, wie Verlust eines Elternteils bei Scheidung, Einsamkeit des 
Kindes, Mangel an Geborgenheit und Sicherheit, Alleinerziehung und Arbeitslosigkeit 
Sind die vorherrschenden Themen der KIL dieser Zeit. Die Familie wird als ein Sozialer 
Raum dargestellt, in dem die kindlichen Erfahrungen überwiegend bedrückend Sind. 
Autoren Scheuen Sich nicht, auch Gewalt und Sexuellen Missbrauch von Kindern zu 
behandeln. Eltern werden häufig als Schwach und unfähig, ihre Lebenssituation zu be- 
wältigen, dargestellt. Sie verkörpern keine Instanzen, die eine Orientierung in der Welt 
und verlässliche Wertmaßstäbe vermitteln. Entsprechend ändern Sich auch die Rollen 
von Kindern, die aufgewertet werden zu eigenverantwortlichen, gleichwertigen Wesen. 
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