Full text: Die Familie im Schulbuch

 
als povero padre (S. 19). Seine Frau kommentiert diese wohl witzig gedachte Bemer- 
kung mit einem Hinweis auf ihre Dreifachbelastung als Hausfrau, Mutter und Lehrerin: 
Mio marito, Sempre al lavoro, ed io, moglie e madre, con i ragazzi a casa e iragazzi a 
Scuola* (S. 19). Damit akzentuiert Sie eine Realität, die zumindest zur Entstehungszeit 
des Lehrwerks (Erstauflage: 1993) nicht nur in Italien das Leben der Frauen bestimmte. 
Eine paritätische Arbeitsteilung zwischen den Eheleuten besteht nicht, 50 dass der Auf- 
gabenbereich der berufstätigen Frau die Sorge um Haushalt und Kindererziehung mit 
umfasst. Wie Selbstverständlich bereitet Silvana also auch ihren erwachsenen Kindern 
morgens das Frühstück (S. 24) und passt auf, dass die drei die notwendigen Bücher, 
Hefte, warme Pullover und keine unpassende Lektüre -- gemeint Sind Comics - einpa- 
cken (S. 34). Die ablehnende Haltung den fumetti gegenüber illustriert zusammen mit 
den Büchern, mit denen die beiden Älteren zum Frühstück erscheinen, den Bildungsan- 
Spruch der Familienmitglieder. Marilena befasst Sich mit einem Kunstbuch, Daniele liest 
auf Deutsch Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“. Derartig beschäftigt, Stehen 
die beiden für Hilfeleistungen nicht zur Verfügung und lassen Sich von der Mutter be- 
dienen. 
Aber nicht nur in Bezug auf mütterliche Fürsorge, die Hilfe bei Hausaufgaben ein- 
) Schließt (Lektion 7), entspricht Silvana konventionellen Rollenerwartungen. Auch als 
Hausfrau erfüllt Sie gängige Pflichten. Sie organisiert den wöchentlichen Hausputz, 
kocht und kauft regelmäßig ein, 50 dass Sie in Lebensmittelgeschäften und auf dem 
Markt 80 gut bekannt ist, dass der Obst- und Gemügehändler Sie beim Vornamen nennt: 
Yuoi fare la pizza, Silvana? (S. 103). Signor D' Andrea wird hingegen vom barista, bei 
dem er jeden Morgen frühstückt, gesiezt: ... avvocato, arrivederLa (S. 42). 
Der im Lehrwerk vorgestellte Lebensraum Silvanas konzentriert Sich auf Wohnung 
und (Lebensmittel)Geschäfte. Entsprechend Sind ihre Interaktionspartner die Kinder, ihre 
Mutter und Geschäftsleute. Als berufstätige Frau bleibt gie, anders als ihr Mann, völlig 
unbestimmt. Die Schüler erfahren weder, an welcher Art von Schule zie unterrichtet, 
noch welches Arbeitspensum Sie dort zu bewältigen hat. Unklar ist auch, inwieweit ihre 
berufliche Tätigkeit zur Erhaltung des familiären Lebensstandards notwendig ist oder auf 
pädagogischer Neigung bzw. einem Bedürfnis nach »Selbsterfüllung' im weitesten Sinn 
beruht. Ihre Belastung als berufstätige Mutter und Ehefrau wird von den Familienmit- 
gliedern nicht kommentiert, und auch Sie Selbst begehrt nicht gegen das Rollenbündel 
auf. Als Individuum, das Sich durch persönliche Interesgen profiliert, tritt zie an keiner 
Stelle hervor." Nur bei der Urlaubsplanung artikuliert Sie eigene Bedürfnisse, indem Sie 
erkennen lässt, dass Sie Erholung braucht und deshalb die Ferien an einem ruhigen Ort 
 
Dt.: Mein Mann arbeitet Ständig, während ich mich als Ehefrau und Mutter um die Kinder zu Hause und in 
der Schule kümmern muss. 
Während ihr Mann Sich z.B. zu den italienischen Staatskrisen äußert, Scheint Sich Silvana weder für Politik 
zu interesSieren noch eine Meinung dazu zu haben. Womit Sie, abgesehen vom Haushalt, die viele Zeit 
verbringt, die ihr nach Ansicht ihres Mannes zur Verfügung steht (Giuseppe: Silvana sta benissimo, 
Soprattutto perche adesso ha molto tempo Der Se Stessa. 1 ragazzi Sono grandi e liberi e non chiedono pil 
ogni cosa alla mamma, 8. 47 - Dt.: Silvana geht es bestens, vor allem weil ie jetzt viel Zeit für Sich Selbst 
hat. Die Kinder Sind groß und Selbständig und kommen nicht mehr mit jedem Problem zur Mutter), wird 
nicht erwähnt. 
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