Full text: Die Familie im Schulbuch

 
 
demnach jeweils im Kontext Soziokultureller und ökonomischer Entwicklungen kon- 
Struiert. Auch wenn unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen zu verschiedenen 
Zeiten nebeneinander bestehen, nehmen gewisse Konstruktionen in bestimmten histori- 
Schen Zeiträumen überhand und können die Institutionalisierung der Generationenbezie- 
hungen beeinflussen. 
In den 1950er Jahren wurden in mehreren Diskursen außergewöhnlich häufig Kinder 
dargestellt, welche die Gemeinschaft durch delinquentes Verhalten Störten. Gleichzeitig 
finden wir in den öffentlichen Debatten eine Starke Betonung der Familienkindheit. Peter 
Roseggers' Geschichte „Der Kirschenzweig“, ist die in den Deutschschweizer Lesebü- 
chern am häufigsten verwendete Darstellung eines delinquenten Kindes. Sie illustriert 
eine delinquente Kindheit, die zudem im familiären Umfeld beschrieben wird, exempla- 
risch. 
„Meine Eltern waren mit uns Kindern überaus milde und nachsichtig. Aber ihren 
vollen Zorn liessen Sie uns fühlen, wenn Sie uns auf irgend einer Unwahrheit er- 
tappt hatten. Nun kam ich einmal an einem Sommertag mit einem Kirschenzweig, 
der üppig mit Schwarzen Kirschen beladen war, nach Hause. Ich hatte ihn im Hin- 
tergarten des Nachbars heimlich vom Baume gebrochen. Meine Mutter fragte 
mich Sofort, woher ich den Kirschenzweig hätte. Ich antwortete im ersten Schre- 
cken: „Von unserem Baume!" Kaum war das Wort heraus, so fiel mir ein, dass un- 
Ser Baum keine Schwarzen Kirschen trage, Sondern rote. Ich war auf ein Strenges 
Gericht gefasst. Aber meine Mutter schwieg. Sie Schwieg und ging hinaus in die 
Futterkammer. Ich schlich ihr nach und fand Sie bitterlich weinen. So weint eine 
Mutter, deren liebsten Sohn man in den Kerker führt. Mir gingen die Augen auf - 
mir gingen Sie über. Auf meinen Lippen die Lüge, in meiner Hand fremdes Gut! 
Ich fiel vor meiner Mutter auf die Knie, gestand alles und flehte um Verzeihung. 
»Steh auf", Sagte Sie, „trage den Kirschbaumzweig zum Nachbar und Sage ihm, 
was du getan hast.? Ich tat's. Der Nachbar lachte und meinte: „Wegen der Hand 
voll Kirschen da! Sie Sind dir wohl gegönnt, Sie werden mir von dem Baume da 
unten doch immer gestohlen!" Das war mir gerade genug. Also hatte der Mann ei- 
 
Peter Rosegger (1843-1918) wurde in einer steirischen Gebirgslandschaft in einem kleinen Dorf geboren 
und genoss nur einen beschränkten Schulunterricht. Als Siebzehnjähriger kam er zu einem Wanderschnei- 
der in St. Kathrein in die Lehre, kaufte Sich Bücher und begann auch Selbst zu Schreiben. Der damalige 
Redakteur der Grazer „Tagespost“, Dr. Svoboda, erkannte Sein Schriftstellerisches Talent und vermittelte 
ihn an die Grazer Akademie für Handel und Industrie. Als er die Akademie 1869 verließ, ermöglichte ihm 
ein vom steirischen Landesausschuss auf drei Jahre bewilligtes Stipendium Aufenthalte in Deutschland, 
Holland, der Schweiz und Italien. 1873 heiratete Rosegger Anna Pichler, die Tochter eines Hutfabrikanten. 
Aus der Ehe, die nur knapp zwei Jahre währte, da Anna Pichler bereits 1875 im Kindbett starb, gingen 
zwei Kinder hervor. - Inzwischen hatte Rosegger sich einen bekannten Namen als Schriftsteller DRACHE 
können. Seit 1870 erschienen Seine Publikationen, insgesamt neun, bei Heckenast. 1879 heiratete Roseg- 
ger in 2. Ehe Anna Knaur. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Als grösste Ehre, die Rosegger zu 
Seinem 60. Wiegenfest zuteil wurde, empfand er die Verleihung der Ehrendoktorwürde urch die Univer- 
Sität Heidelberg am 9. August 1903. Später wurde er auch Ehrendoktor der Universi i 
. niversitäten W d 
(vgl. Bautz 1994, Bd. VIII, Spalten 666-669). En: 
 

	        

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