Full text: Die Familie im Schulbuch

Die Familienpolitik der Schweiz geht zurzeit vornehmlich in Richtung Interventionen 
auf der Sozialökologischen Ebene. Auffällig bei den entsprechenden Bundesgesetzen und 
Verordnungen ist dabei deren Entstehungsdatum: Mit Ausnahme des Gesetzes zur Ver- 
besserung der Wohnverhältnisse in den Berggebieten, das aus dem Jahr 1970 Stammt, 
wurden alle übrigen Gesetze zwischen 1995 und 2003 verabschiedet.* Die Formulierung 
familienpolitischer Ziele in Zweckartikeln Scheint Somit eine neuere Tendenz zu Sein 
(vgl. Vatter/ Ledermann/ Sager/ Zollinger 2004, S. 56). Werden Familien Gelder zuge- 
Sprochen aufgrund der Tatsache, dass Sie Kinder haben oder dass Sie alt Sind (Rentenal- 
ter), hat dies weitreichende Konsequenzen für die Regulation der Beziehungen zwischen 
Kindern und Erwachsenen. Nicht zuletzt wird damit den Eltern mehr Kompetenz und 
Macht zugesprochen, ihre Kinder besser zu erziehen. Die Förderung der Familie durch 
den Bund hatte Schon in den 1940er Jahren nicht zum Ziel, den Kinderreichtum zu för- 
dern. Dass der Ausgangspunkt der Initiative „Für die Familie“ die Sorge um den Gebur- 
tenrückgang gewesen Sei, Sahen einige Parlamentarier im Zweiten Weltkrieg als Fehler. 
„Es kommt nicht darauf an, dass Menschen geboren werden, Sondern fast noch 
wichtiger ist es, dass das unter Umständen geschieht, die eine ungestörte gesunde 
körperliche, geistige und charakterliche Heranbildung gewährleisten.“ (Amtliches 
Stenographisches Bulletin 1944, S. 463) 
meinte Nationalrat Spühler?'. Ziel des Familienschutzes könne nicht die Förderung von 
kinderreichen Familien als Solchen Sein, ohne dass auf die Qualität der Familie geachtet 
werde, denn Schwachsinnige arme Tröpfe hätten wir genug und es wäre vorteilhafter, wir 
hätten in der Schweiz weniger Obst und dafür besseres, ergänzte Nationalrat Zigerli?* 
(vgl. Amtliches Stenographisches Bulletin 1944, S. 514). 
Wenn die Wirtschaft konjunkturell rückläufig ist, die Arbeitslosigkeit Steigt und, wie 
manche Studien zeigen, Frauen als erste aus dem Arbeitsprozess gedrängt werden (Vgl. 
Pfister/ Studer/ Tanner 1996), wird die Armut von Familien wieder offensichtlich, Sie 
wird zum gesellschaftlichen Problem und der Ruf nach Familienschutz kommt auf. Die- 
Se Entwicklung fand eine Entsprechung in den Lesebüchern der 1940er Jahre, in denen 
vermehrt auf die wichtige Rolle der Mutter in der Erziehung der Kinder hingewiesen 
wurde. Ebenso findet Sich eine verstärkte Darstellung von Familienkindheit im An- 
Schluss an die wirtschaftliche Krise der 1970er Jahre. 
Dabei wird ein Familienbild reproduziert und ein Kindheitskonzept des zu erziehen- 
den Kindes rekonstruiert. Auch wenn die Mütter der zeitgenössSischen Lesebücher weni- 
 
2 1991 reichte Nationalrätin Angeline Fankhauser eine Parlamentarische Initiative mit dem Titel: „Leistun- 
gen für die Familie“ ein. Darin forderte Sie eine Erhöhung der Kinderzulagen auf 200 Franken Sowie den 
Anspruch auf Bedarfsleistungen für bedürftige Familien. Der Initiative wurde im März 1992 Folge gege- 
ben. Die Initiative, die auf eine einheitliche Bundeslösung und einen gesamtschweizerischen Lastenaus- 
gleich abzielte, wurde erst im Frühling 2005 im Zusammenhang mit einem ausgearbeiteten Rahmengesetz 
im Parlament debattiert. Im März 2006 wurde eine einheitliche Kinderzulage in der Höhe von 200 Franken 
im Parlament angenommen. 
21 Willy Spühler (1902-1990) war im Nationalrat für den Kanton Zürich, SP, 1938-1955, im Ständerat 
1955-1959 und Bundesrat 1959-1968, Bundespräsident 1963 und 1968. 
2 Paul Zigerli (1883-1956) war im Nationalrat für den Kanton Zürich, EVP, zwischen 1943 und 1956. 
79 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.