340 Taubſtummenunterricht und Taubſtummenanſtalten.
ſo wird man für Kinder, deren Unterricht eine größere Mühe macht, nicht
weniger Zeit verlangen dürfen. Der Staat hat die Pfliht, dafür zu ſorgen,
daß ſämtliche taubſtumme Kinder zur rechten Zeit und während der zur vollen
Ausbildung notwendigen Zeit Unterricht erhalten, ſei e3 in Anſtalten, ſei es
in der Schule für Vollſinnige durc< Lehrer, welche zugleich für den Taub-
ſtummenunterricht gebildet ſind, denn nach der allgemeinen Anſicht ſteht nichts
im Wege, daß taubſtumme Kinder nicht auch zugleicß mit vollſinnigen unter-
richtet werden. Mit den Unterrichtsanſtalten muß notwendig das Internat
verbunden ſein , denn nur in einer Anſtalt, in welcher den ganzen Tag und
bei allen Beſchäftigungen mit den Taubſtummen geſpro die notwendige Übung zu verſchaffen, und nur in einer Anſtalt kann auch das
heilpädagogiſche Element, welches hier von ſo großer Wichtigkeit iſt, berücſich-
tigt und kann jene Liebe zu den Zöglingen gefunden werden, welche da nicht
waltet , wo die Unglülihen um des Koſtgelde3s willen aufgenommen werden,
Leider haben wir in Deutſchland noh mehr Externate als Jnternate, und iſt
es no< vielfa< dem Willen der Eltern anheim gegeben, wie lange ſie ihre
Kinder im Unterricht belaſſen wollen. Nur Oldenburg macht hier eine
rühmlihe Aus8nahme; dort müſſen die taubſtummen Kinder mit dem ſ pflichtigen Alter der Lande8anſtalt in Wilde8hauſen übergeben werden und
bis nach Ablauf der Sulzeit verbleiben. Begreifliherweiſe iſt der Erfolg um
ſo geſicherter, je weniger Zöglinge ein Lehrer zu unterrichten hat. Jm allge-
meinen wird angenommen, daß 10, höchſtens 12, Kinder in einer Klaſſe ſein
ſollen, und dieſe ſollen womöglich von einem und demſelben Lehrer unterrich-
tet werden, und ſoll in den unteren Stufen das reine Klaſſenſyſtem beſtehen
und erſt auf der oberen Stufe das Fachſyſtem und zwar in einem beſchränkl-
ten Maße eintreten. -- Auf die Bildung der Taubſtummenlehrer wird jeßt
auch mehr Aufmerkſamkeit verwendet, Jn Baden müſſen die Lehrer, welche
an Taubſtummeninſtituten angeſtellt werden wollen, in neueſter Zeit ſich einer
beſonderen Prüfung unterziehen und haben Oſtern 1884 in Meersburg erſt-
mals 2 Lehrer dieſe Prüfung beſtanden. Ju Preußen beſtehen hiefür 2 An=-
ſtalten in Berlin und in Wriezen und ſind die Direktoren angewieſen, ihren
Bedarf an Lehrern von dort aus zu beziehen. In den badiſchen Anſtalten ge-
ſchieht die Vorbereitung zu dieſem Berufe dadurch, daß die in die Taubſtum-
menanſtalt eintretenden Lehrer 1--2 Jahre dem Unterricht anzuwohnen haben.
Über das Geſehene und Gehörte haben ſie dem Vorſtande zu berichten, der
ſeinerſeits irrige Auffaſſungen korrigiert und überhaupt belehrend eintritt. Nach
und nach greift der Kandidat thätig ein und übernimmt einzelne Fächer. Alle
14 Tage wird in den einzelnen Klaſſen eine Sculprobe vorgenommen und
eine Diskuſſion darüber eingeleitet, Dieſes Syſtem der Heranbildung junger
Taubſtummenlehrer dürfte ſich bewähren. Auc wurde in das Budget eine Summe aufgenommen, um jüngere Lehramtszög-
linge noc Taubſtummenanſtalten beſuchen zu laſſen. Als einen großen Miß-
ſtand bezeihnen die Taubſtummenlehrer den Mangel an einer einheitlichen Lei-
tung. Konferenzen der Lehrer und Direktoren vermögen wohl in manchen
Stücken ein einheitliches Verfahren zu erzielen, genügen aber ni de3halb verlangt, daß ſämtliche Landesanſtalten einem Generalinſpettor unter-
ſtellt würden, der aus den Reihen der ſogenannten Fahmänner genommen
werden und Mitglied des Miniſteriums ſein ſoll. Jm preußiſchen Landtage
ſtellte am 1. März 1883 der Abgeordnete Götting einen diesbezüglichen
Antrag , der vom Miniſter v. Goßler wohlwollend aufgenommen wurde. Leßs-
terer erklärte, er gehe aucg mit dem Gedanken um, einen Generalinſpektor ein-
zuſeßen, aber nicht allein für die Taubſtummenanſtalten, ſondern für alle nicht
vollſinnigen Kinder, alſo auh für die Blinden und Jdioten. Merkwürdiger-
weiſe erklärte er zugleich, er kenne keine taugliche Perſönlichkeit zu dieſem Poſten,

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