Full text: Der heilige Franziskus

Verbindung mit der Kurie vermittelt der Kardinal-Protektor. Das 
Miſſionsgebiet des Ordens umfaßt jezt die ganze Welt und gliedert 
ſi< in Provinzen mit einem Provinzial = Miniſter, die Provinzen 
in Kuſtodeien mit einem Kuſtos an der Spiße. Und dieſe Aus8- 
dehnung der franzisfkaniſchen Arbeit hatte ſehr bald auch den Bau 
von eigenen Kirchen und Konventshäuſern zur Folge. Damit verlor 
das altfranziskaniſche Ideal der Heimatloſigkeit, wie man es auf 
dem Mattenkapitel von 1221 in ſo auffallender Weiſe zur Dar- 
ſtellung gebracht hatte, ſeine Berechtigung und ſeine Wahrheit. 
Franziskus wagte nicht, dem entgegenzutreten. Er hat die Regel von 
1223, die tatſächlich den franziskaniſchen Verband andern mönchiſchen 
Organiſationen der Zeit faſt gleichſtellt, bis zu ſeinem Tode als 
bindend anerkannt. Der letzte Verſuch einer grundſäßlichen Oppo- 
ſition vom Jahre 1221 war mißlungen, ſeitdem wußte der Heilige 
kein anderes Mittel mehr, die Ideale der franziskaniſchen Frühzeit 
in ſeiner Gemeinſchaft zu bewahren, als ſie im eigenen Leben in 
geſteigerter Form zur Darſtellung zu bringen. Für die Geſchichte 
des Ordens jedoch war das nicht mehr von Bedeutung, das Werk 
hatte ſich bereits gelöſt von der Perſon deſſen, der es geſchaffen 
hatte. Der beſte Beweis dafür iſt vielleicht das Schi>ſal, das dem 
Teſtament des Franziskus beſchieden war. No<h einmal, kurz vor 
ſeinem Tode, verſuchte er, die Zukunft des Ordens im Sinne der 
Regeln von 1210 und 1221 zu beſtimmen. Die Gegenſäße, die 
ſc<on zu ſeinen Lebzeiten zwiſchen dem Ideal des Heiligen und den 
Zielen ſeiner Gemeinſchaft klafften, treten nirgend ſchärfer hervor als 
in dieſem ſeinem lezten Willen '): Das Teſtament verlangt von jedem 
Bruder die Arbeit, und die Regel von 1223 fordert den Bettel. 
Das Teſtament verbietet den Minoriten den Beſit von „Kirchen 
und kleinen Wohnungen“, und der Miſſionsbetrieb hat tatſächlich 
den Orden längſt zu dieſem Beſit gezwungen. Das Teſtament 
unterſagt den Franziskanern die Annahme jedes von der Kurie ver- 
liehenen Privilegs, und die Exiſtenz des Kardinal-Protektors ſchon 
durchbricht dieſe Beſtimmung. Das Verbot jeder Neuerung und 
Gloſſierung endlich, wie es Franziskus in ſeinem letzten Willen 
ausgeſprochen, trägt die Unmöglichkeit ſeiner Erfüllung in ſich ſelbſt. 
1) Boehmer: Analekten. S. 36ff. 

	        

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