Full text: Der Genius im Kinde

„Alles Lehren ist mehr 
Wärmen als Säen,“ 
jean Pauli. 
Unterweisung. 
Überblicken wir die Entwicklung des Zeichenunterrichtsin 
den letzten drei Jahrzehnten, so Stellen wir einen Fortgang fest, der 
etwa der allgemeinen Kunstentwicklung entspricht. Der alte Zustand 
einer in der Tat verrotteten Unterweisung, wie ihn in den neunziger 
Jahren eine Gruppe entschlosSsener Reformer vorfand und umzuge- 
Stalten unternahm, war der erstarrte und mißverstandene Ausdruck 
eines wesentlich akademischen Kunstideals. Damit eine Linie einiger- 
maßen „richtig“, d. h. der Wirklichkeit entsprechend Sei, und 
dazu auch noch „Schön“, bedurfte es einer erzieherischen Bearbei- 
tung des Kindes, die Seiner natürlichen Ungeschicklichkeit Schnur- 
Stracks zuwiderlief: Es galt Seine Hand zu Schulen und ihm 
im übrigen die lernbaren Mittel der korrekten Körper- und Raum- 
darstellung an iSolierten toten Modellen und Vorlagen beizubringen. 
Beides Sind Dinge, die mit dem inneren unterbewuſßten Streben des 
Kindes nichts zu tun haben. Für das klassische Ideal einer Natur- 
erhöhung zur Idee des organisch Vollkommenen hat es nicht die 
Reife, welche gerade für dieses überlegene Verhältnis zur Welt 
erforderlich ist, es kann darum auch höchstens zu geometrisch regelt- 
mäßigen Strichen und Figuren gedrillt werden, nicht zum freien 
Organisch-Schönen, Die abstrakt wissenschaftlichen Gegetze der 
Darstellung aber Sind ihm So fremd und gleichgültig wie alles Ab- 
gezogene, Mittelbare, mit dessen Heranbringung man das Kind auf 
Ansprüche vorbereiten will, deren Ernst es nicht versteht und im 
Grunde auch nicht billigt. Die natürliche Gegenwirkung des be- 
gabten Zöglings auf einen Solchen körperlich und geistig ermüdenden 
Drill konnte nur Seine „Faulheit“ und im weiteren Gefolge Verlust 
alles Selbstvertrauens Sein, was den Trieb zur zeichnerischen Be- 
tätigung angeht. Die leidende Hand lähmt Auge und Herz. 
Es war ohne Frage ein regelrechter uneingeschränkter Fortschritt, 
als der Sich ausbreitende impressionistische Kunstbegriff 
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