Full text: Spiegel, das Kätzchen

 
Spiegel in der ſüßen ſeinen Durſt löſche, und ließ gebratene 
Gründlinge darin ſHwimmen, da er wußte, daß Katzen zuweilen 
auc<h die Fiſcherei lieben. Aber da nun Spiegel ein ſo herrliches 
Leben führte, tun und laſſen, eſſen und trinken konnte, was 
ihm beliebte und wann es ihm einfiel, ſo gedieh er allerdings 
zuſehends an ſeinem Leibe; ſein Pelz wurde wieder glatt und 
glänzend und ſein Auge munter; aber zugleiß nahm er, da ſich 
ſeine Geiſteskräfte in gleihem Maße wieder anſammelten, 
beſſere Sitten an; die wilde Gier legte ſich, und weil ex jeßt- 
eine traurige Erfahrung hinter ſich hatte, ſo wurde er nun klüger 
als zuvor. Er mäßigte ſich in ſeinen Gelüſten und fraß nicht mehr 
als ihm zuträgliH war, indem er zugleich wieder vernünftigen 
und tiefſinnigen Betra<tungen nachhing und die Dinge wieder 
dur<ſ<aute. So holte er eines Tages einen hübſchen Krammets- 
vogel von den Aſten herunter, und als er denſelben nachdenklich 
zerlegie, fand er deſſen kleinen Magen ganz kugelrund an- 
gefüllt mit friſmer unverſehrter Speiſe. Grüne Kräutchen, 
artig zuſammengerollt, ſHwarze und weiße Samenkörner und 
eine glänzend rote Beere waren da ſo niedlich und dicht in ein- 
ander gepfropft, als ob ein Mütterc<en für ihren Sohn das 
Ränz<hen zur Reiſe gepat hätte. Als Spiegel den Vogel 
langſam verzehrt und das ſo vergnüglich gefüllte Mäglein an 
ſeine Klaue hing und philoſophiſch betrachtete, rührte ihn das 
Schiſal des armen Vogels, welcher na<h ſo niedlich verbrachtem 
Geſchäft ſo ſ<nell ſein Leben laſſen gemüßt, daß er nicht einmal 
die eingepadten Sachen verdauen konnte. „Was hat er nun 
davon gehabt, der arme Kerl,“ ſagte der Spiegel, „daß er ſich 
ſo fleißig und eifrig genährt hat, daß dies eine Sä><hen aus- 
ſieht, wie ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Dieſe rote Beere 
iſt es, die ihn aus dem freien Walde in die Shlinge des Vogel- 
ſtellers gelo>t hat. Aber er dachte doh, ſeine Sache noch beſſer 
zu madchen und ſein Leben an ſol<hen Beeren zu friſten, während 
ich, der ic< ſoeben den unglüdlihen Vogel gegeſſen, daran mich
	        

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