Full text: Spiegel, das Kätzchen

"edman > egg Semmer, 
weiß kein Sterbenswört<hen davon, daß in dem Kontrakt ſteht, 
ic< ſolle der Mäßigkeit und einem geſunden Lebenswandel 
entſagen! Wenn der Herr Stadthexenmeiſter darauf gerehnet 
hat, daß ich ein fauler Schlemmer ſei, ſo iſt das nicht meine 
Schuld! Ihr tut tauſend rechtliche Dinge des Tages, ſo laſſet 
dieſes auc) no<H hinzukommen und uns beide hübſch in der 
Ordnung bleiben; denn Ihr wißt ja wohl, daß Euc<h mein 
Schmer nur nüßlich iſt, wenn er auf rechtliche Weiſe erwachſen!“ 
„Ei, du Sc<wäßer!“ rief Pineiß erboſt, „willſt du mich be- 
lehren? Zeig' her, wie weit biſt du denn eigentlich gediehen, 
du Müßiggänger? BViellei<ht kann man dic) doFH bald abtun t% 
Er griff dem Käßhen an den Bauch; allein dieſes fühlte ſich 
dadur<h unangenehm gekißelt und hieb dem Hexenmeiſter einen 
ſcharfen Kraß über die Hand. Dieſen betrachtete Pineiß auf- 
merkſam, dann ſprach er: „Stehen wir ſo miteinander, du Beſtie ? 
Wohlan, ſo erkläre ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages, 
für fett genug! IH begnüge mi) mit dem Ergebnis und werde 
mid desſelben zu verſichern wiſſen! In fünf Tagen iſt der Mond 
voll, und bis dahin magſt du dic) no deines Lebens erfreuen, 
wie es geſchrieben ſteht, und nicht eine Minute länger!" Damit 
fehrte er ihm den Rüden und überließ ihn ſeinen Gedanken. 
Dieſe waren jett ſehr bedenklih und düſier; ſo war denn 
die Stunde doh nahe, wo der gute Spiegel ſeine Haut laſſen 
ſollte? Und war mit aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? 
Seufzend ſtieg er auf das hohe Dach, deſſen Firſte dunkel in 
den ſchönen Herbſtabendhimmel emporragten. Da ging der 
Mond über der Stadt auf und warf ſeinen Schein auf die 
ſchwarzen bemooſten Hohlziegel des alten Daches, ein lieb- 
liher Geſang tönte in Spiegels Ohren und eine ſchneeweiße 
Käßzin wandelte glänzend über einen benachbarten Firſt weg. 
Sogleiß vergaß Spiegel die Todesausſichten, in welchen er 
lebte, und erwiderte mit ſeinem ſ<önſten Katerliede den Lob- 
geſang der Schönen.“ Er eilte ihr entgegen und war bald im 
Gottfried Keller, Spiegel. 2 

	        

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