Full text: Unterrichtsbriefe für das Selbst-Studium der lateinischen Sprache

 
Unterrichts-Briefe 
 
 
 
wa | Sabor Salium (et 
LateiniSchen Sprache. 
Prof. Giamb. Buonaventura und Dr. pb. Alb. Schmidt. 
Verlag von KE. Haberland in Leipzig. 
 
 
E; iſt eine3 der hervorragendſten Merkmale unſerer neueſten Zeit, daß alle 
Wiſſenſchaften mehr over minder praktiſch werden. 
Waz3 in den früheren Jahrhunderten der treue Fleiß des Forſchers an geiſtigen 
Errungenſchaften aufſpeichern konnte, das verblieb wie ein tohtes Kapital in der Zelle 
des ſchaffenden Mönches, in ver dumpfen Stube des Gelehrten ; ihm und wenig Ein- 
geweihten blieb es wie ein ängſtlich bewahrter Shaß, und wie im Märchen der Drache 
das Gut bewachte, ſo ſchloſſen die früheren Männer der Wiſſenſchaft gewöhnlich die 
Reſultate ihrer Forſhungen in die undurchdringliche Hülle einer nur ihnen bekannten 
Sprache, ſie ſchrieben lateiniſch, wie um die Geſammtheit des Volkes an den 
Früchten ihrer Unterſuchungen nicht Antheil nehmen zu laſſen. -- Heute iſt e8 anders 
geworden. Waz3 vie Gelehrten Europa3 nach mannigfachem Streben und Forſchen ex- 
fanden, wurde Gemeingut jeder Nation. Die exakten Wiſſenſchaften ſchritten auf dieſer 
Bahn rüſtig voran. Die Lehren der Phyſik erprobten ſich ſelbſt in den Werkſtätten, 
die Erfindungen des Chemikers ſind niht ohne Einfluß geblieben für unſere Ernährung, 
ſie ſtiegen als praktiſche Erfahrungsſäße bis in unſre Küchen herab, kurzum es läßt ſich 
als beſtimmt behaupten, daß das Praktiſchwerden der bisher nur als Theorie 
getriebenen Wiſſenſchaften einen großen Theil dazu beigetragen habe, das 
Angeſicht unſerer heutigen Geſellſchaft, uüſere3 Lebens, unſerer Anforde- 
rungen an die Einzelindividuen weſentlich zu ändern. WER 
Bildung iſt ſeit Jahrzehnten das große Loſung3wort unſrer Tage. Die Bildung 
hat vermocht, was allen ſocialen Theorien und Experimenten, was dem wiederholten 
Appelle an die Vernunft nie gelungen wäre; die Bildung allein hat Scranten nieder- 
geriſſen, welche bis vor kurzem für unüberwindlich galten. Rücſichten auf Geburt und 
anererbten Reichthum, vie Scheidewand zwiſchen Avel und Volk hat die Bildung 
inſofern vollſtändig abgetragen, al3 ſie den Schwerpunkt des menſc<hlihen Werthes auf 
vas Wiſſen und Können ves Einzelnen verlegte, als ſie zeigte, daß nur ver Menſch 
ſeine Aufgabe löſt und ſeiner Stellung gewachſen iſt, der die nöthigen Kenntniſſe hiezu 
beſißt, der im Augenbli>e, wo man ſeiner bedarf, ſeinen Poſten auszufüllen verſteht -- 
kurzum der Gebildete. 
 
 

	        

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