Full text: Unterrichtsbriefe für das Selbst-Studium der lateinischen Sprache

[lelniSc Vlgrrichts-BriofB. 
Zweite Preis 
Beilage, A B R ] S S 50 Pf, 
JateinisSchen Verslehre. 
Von Dr. Albert Schmidt. 
 
 
Verlag von KE. Haberland in Leipzig. 
[8 1.] Unter Poetik verſteht man die Lehre von der Versbildung. Die Poetik 
ſtellt alſo jene Geſetze auf, nac< welchen .die Dichtkunſt zu behandeln iſt. Sie 
hat. es mit den äußeren Formen derſelben, dem Rhythmus, der Proſodie, dem 
Reime, der Sprache u. ſ. w. zu thun, kurz mit den Mitteln, welche dem Dichter 
zum Ausdrude ſeiner poetiſchen Gedanken zur Verfügung ſtehen. Die Dichtkunſt an 
ſich iſt unerlernbar. „Podöta nascitur, orator fit, ver Dichter wird geboren, 
der Redner gebildet“, war ſchon die Anſicht der Alten. Es kann alſo das innere Ge- 
fühl des Dichters, da es nicht erlernbar iſt, auch nicht Gegenſtand der Theorie der 
Verslehre ſein. 
[S 2.] Nac dem Geſagten zerfällt vie Poetik als Lehre von den äußeren 
Formen der Dichtung in: 
a) die Proſodie. Unter Proſovdie verſteht man vie Lehre von ver Quanti- 
rär der Silben, welche nach 8 12, S. 11 entweder lang over kurz oder 
mittelzeitig ſind. 
b) die Metrik. Die Metrik umfaßt wieder: 
1. den Umfang und die Teile der einzelnen Verſe, die Versfüße; 
2. die Aneinanderreihung einzelner Versfüße zu Verszeilen, die rhyth- 
miſche Verbindung; 
3. die nähere Beſchaffenheit und Art der Verſe, welche unter anderer 
Verbindung der Versfüße, die aus Kürzen und Längen beſtehen, 
zu anderen Verſen werden. 
Die Verslehre hat ſich ferner zu beſchäftigen mit den Eigenheiten der dichte- 
riſchen Sprache, der Syntax, der Wortfügung und mit allen jenen Freiheiten, 
welche man dichteriſche Freiheiten (poetiſche Lizenzen) neunt, 

	        

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