NN? 38.
Sonnabend, den 19. September.
1857.
Allgemeine
eutſche Lehrerzeitung,.
Heraus8gegeben von A, Berthelt.
Von dieſer Zeitung erſcheint jede Woche eine Nummer.
lungen und Poſtanſtalten
Petitzeile mit 11/9 Ngr. berechnet. -- Zur Recenſion eingeſandte
oder wenigſtens zur Anzeige bringen ; ſie übernimmt jedoch in keinem Falle die Verbindlichkeit, ſie wieder zurückzu
Die Uoth der Wirklichkeit.
Ein Lebensbild aus unſeren Tagen.
Jn einem kleinen Dörfchen, das am Waldrand
ſich da gegen einen hohen Berg hinanzieht, wo der
mühſelige Fleiß des Bergmanns der Erde Scatßze
in unterirdiſchen Gängen loöbricht, bin ich als Sohn
armer Aeltern geboren. Der heiteren Tage und der Gunſt
des Glü>s habe ich nicht viele geſehen, denn der Bater,
der Lehrer dieſes Dörfchens, ſtarb mir früh, und meiner
verwitweten Mutter lag die Sorge von drei Waiſen
ob, unter denen ich der jüngſte war. Hervorſtechen-
der Gaben habe ic< mich auch ni<t zu rühmen, und
der ſchlichte Unterricht, der den Hütekindern eines
Walddörfc<ens zu Theil zu werden pflegt, war nicht
geeignet, durch die fümmerliche Mechanik wiederkeh-
render einfacher Uebungen, auch nur die Gaben ge
hörig zu we&ken, die mir die höhere Weisheit ver-
liehen. Mein Geiſt blieb ſo lange wenig angeregt und
durc< ordentlichen Unterricht unbefruchtet, bis ich in
die Schule meines Vormundes verpflanzt wurde.
Hier erſt wachte die Luſi am Lernen in mir auf,
und in der Erinnerung an meines Vaters Beruf
und an meiner verwitweten Mutter Herkunft aus
einer Lehrerfamilie entzündete ſich mit der Zeit die
Neigung zum Lehrerſtande. Meines Vormunds um-
ſichtige Leitung und die Sheilnahme an ſeinem guten
Unterrichte auch über die Zeit meiner Konfirmation
hinaus haben dieſe Neigung, ohne daß ich mir ſelbſt
darüber klar wurde, verſtärkt z und zugleich ward
mir durch die mir ertheilte Nachhilfe in den Unter-
richtsgegenſtänden, welche früher auc< in ihren An-
fangen mir unbekannt geblieben waren, welche aber
ein Lehrer kennen muß, ſo wie durc zweämäßige
Anleitung zur Muſik die BrüFe gebaut, auf welcher
ich in's Seminar ſchreiten konnte. Die Jahre im
Seminar waren mir ſauer und ſchwer. Es gab der
Genoſſen in meiner Klaſſe mehrere, welche mich wie
in ihren Gaben, ſo in ihrer Vorbildung über-
flügelten 3 mehrere auch, deren Jugend weder ſo be-
drängt geweſen war, als die meinige, noh deren
äußere Mittel ſo knapp waren, als die meinigen.
An den Groſchen , welche mir die Mutter gewähren,
und der Beihilfe, welche der ältern Schweſter Fleiß
mit der Nadel mir verſchaffen konnte , klebte die Ex: !
Der ganze Jahrgang koſtet Einen Thaler,
Deutſchlands nehmen Beſtellungen an. Literariſche Anzeigen werden für den Raum einer geſpaltenen
Alle Buchhand-
Schriften wird die Redaktion na< Möglichkeit zu Beſprechung
enden.
innerung der großen Sorge. I< danke Gott, daß
er dieß mich nie vergeſſen, daß er's mir vielmehr einen
ernſten Antrieb ſein ließ, durc< Anſtrengung meiner
Kräfte mich mit der Zeit ſo weit zu fördern, daß
ich einſt die Opfer der Meinigen durc< mehr als den
bloßen Dank in Worten wieder erſtatten könnte. In
der Genoſſenſchaft einer zahlreichen Schülerklaſſe fehlt
es ſelten an Einzelnen , denen es nicht nur mit dem
erwählten Lehrerberufe kein wahrer Ernſt iſt, ſondern
deren äußere Mittel und frühere Verwöhnungen auch
allerlei Leichtfertigkeiten und Ausſchreitungen nähren
helfen, wodurch ſie ihren Mitſchülern verderblich
werden können. Au<h das wachſamſte Auge der Lehrer
und die wohlgemeinteſten, vernünftigſten Sc<ranken
feſter Lebensordnungen verhüten nicht alle Ungebühr.
Mir hätten, bei der Dürftigkeit meiner Lage und
der Knappyeit meiner früheſten Jugend die Anrei-
zungen, mit ſolchen bemittelteren und geniteßlicheren
Mitſchülern auf deren Koſten auch mir einmal einen
ſeither ungefannten Genuß zu verſchaffen, leicht
doppelt verloF&end werden können. Aber die Erinne-
rung an meine ſorgende Mutter hielt mich zurüs,
ſie war ſtärker als meine eigene Neigung es hätte
ſein können. Die Umſtände, welche mir im Seminar,
neben den gewöhnlichen Arbeiten, ſehr bald noch be-
ſondere Pflichten auflegten, und mir dadurch ein
Vertrauen der Lehrer bezeigten, das zu ehren ich mir
ſelbſt zur Ehre rechnen lernte, begünſtigten meine Rü>-
haltung. I< darf ſagen, daß ich fleißig war; ich
mußte es ja ſein. I< darf auc< ſagen, daß mich
eine pietätvolle Scheu vor meinen Lehrern nicht ver-
ließ, die mich abhielt, mich in Wege zu verirren
und meine Freiheit ſo zu gebrauchen, daß ich dar-
über der ſtrafenden Rüge verfallen wäre. Der nicht
ſeltene Tadel meiner anfänglich ſehr geringen Leiſtungen
auf einigen mir beſonders ſchwerſallenden Gebieten
des Lernens und der Uebung hielt in mir das Be-
wußtſein des Bedürfniſſes wach, dur< verdoppelten
Fleiß die Klage der Lehrer verſtummen zu machen.
I< kam ſehr langſam vorwärts, aber die Anerkennung,
daß ich doch überhaupt vorwärts kam, munterte mich
immer wieder auf, bis die erſten, ſchwerſten Jahre
überwunden waren, und ich durch Wiederholung und
Befeſtigung des Gelernten dahin gelangte, etwas
freier und freudiger mich auf den früher ſchwierigen