Bartmann Sprudſtreifen für den literariſchen Unterricht und das „ſchwarze Brett“
Spruchſtreifen für den literariſchen Unterricht und das
„ſchwarze Brett,
Don Joſef Bartmann, Nixdorf.
Jeder Menſch, der eine mehr, der andere weniger, der eine früher, der andere
ſpäter, fühlt ſic) dur<; das Spiel der Derhältniſſe infolge innerer oder äußerer
Einflüſſe gedrängt, in irgendeiner Sorm einem ihm Uaheſtehenden oder auch vor
der breiten Öffentlichkeit ſein Innerſtes ganz oder teilweiſe zu entſchleiern, um gleich
jam eine Rechtfertigung für ſein Tun und Laſſen, Denken und Sühlen zu geben.
Und insbeſondere der Dichter mit ſeinem reichen Innenleben kann dieſem Drange
nur ſelten widerſtehen, und wenn er ſich redlic< bemühte, ſich noh ſo unbeeinflußt,
fühl und gleichmäßig abwägend zu geben, an irgendeiner Stelle ſeiner Werke
wird er dieſe Schranken ganz ſicher dur<brehen und ſeine Weltanſchauung, ſeine
Stellung zu den Menſ<heitsidealen mehr oder weniger klar durchbliken laſſen.
Es iſt dann, als ob etwas, was ſc<on lange na<h Befreiung gerungen, ſic) ihm
unwillkürlich in die Feder drängte; wie eine reife Frucht, die des erlöſenden Wind-
haus geharrt, wie ein lange gehütetes Geheimnis, mit dem man nicht heraus-
rüden wollte, bevor man es nicht immer wieder und allſeitig auf Wert und Wort
und Wahrheit geprüft, ſo erſcheinen uns dieſe Bekenntniſſe der Dihterſeele.
Sie ſind, wie die große Spruchmeiſterin Ebner von Eſchenba< ſagt, eben der
lette Ring einer langen Gedankenkette und kennzeichnen den Dichter mit ihren
oft wenigen Worten in der einfachſten und treffendſten Weiſe. Alle neueren Lite-
raturgeſc<hichten zeigen den begrüßenswerten Sortſchritt, ſi nicht mit einem
Aufzählen der Dichterwerke und ihren JTnhaltsangaben zu begnügen, ſondern
den Dichter dur? geſ<idt ausgewählte Bruchſtüe ſelbſt zum Leſer ſprechen
zu laſſen. Daher ſollten insbeſondere die niederen Schulen darauf verzichten,
dur Prunften mit einem Namens- und Zahlenwuſte als beſonders leiſtungsfähig
glänzen zu wollen. Solche Leiſtungen gemahnen an die Wolkenkraßerbauten,
die mit ihrer Höhe auf Augenbli&e äußerlich aufs Auge wirken, uns ſonſt aber
wegen des allzu aufdringlic) Geſchäft5mäßigen kalt laſſen. Sie erzeugen eine
gewiſſe Unruhe und ein Strebertum, die wir als die größten Störer eines wahr-
baft tiefen und gemütbildenden Unterrichtes eher zu bannen ſtatt zu züchten
vemüht ſein ſollen.
Im literariſchen Unterrichte ſollten daher die niederen Schulen von dem
Dichter ein mit Liebe und Wahrhaftigkeit gezeichnetes Kleinbild bieten, deſſen
weſentlihe Züge in dem von den höheren Schulen geſchaffenen Seinbilde
immer wiederzuerkennen ſein müßten. Und das Kleinbild zu entwerfen, dazu
eignen ſich vorzüglic) auch paſſende Sprüche. I< ſage auh, nicht vielleicht
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