Full text: Die Mittelschule - 51.1937 (51)

9. Juni 1937 
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alſo vor der Reife ausgemerzt und haben dadurc< ihr Erbgut, 
das irgendwie in ſeiner Kombinierung nicht lebenstüchtig war, 
nicht weitergeben können. So ſorgt die Natur für ſtete Ausleſe 
des Minderartigen. Nur der Menſc< hat geglaubt, ſich dem 
ehernen Naturgeſeß entgegenſtellen zu können, ohne dabei ſeine 
Art zu ſchädigen. Die Folgen ſieht er in jeiner Geſchichte. 
Die Natur will Mannigfaltigkeit der Lebensformen, nie 
Glei jörmi keit. So entfaltete ſie in ungeheuren Zeiträumen 
Ge ige Lebeweſenarten, die erhärtet und gefeſtigt ſind im 
Kampf ums Daſein. .So formte ſie auch nicht nur eine Menſchen- 
raſſe -- der Menſc< iſt immer in ſeiner Totalität, alſo in ſeiner 
ſeeliſchen und körperlichen Struktur geſehen --, ſondern viele 
ue Ee Raſſen, und in dieſen Menſchengruppen wiederum 
unter! iedlihe Individuen. Dur das Verzälinis dieſer „unter: 
ſchiedlichen Raſſen zueinander, dur ihre Wirkſamkeit iſt der 
Geſchichtsablauf bedingt. Die genaue Kenntnis der Raſſen iſt 
daher Vorbedingung für richtiges Geſchi<htserkennen. Stellt man 
nun die Frage nach den Faktoren, die die Mannigſfaltigleit her- 
aufführen, ſo muß man erſtens die Tatſache der richtungslojen, 
gelegentlichen Erbänderung im Erbbild, aljo in der Keimbahn 
in ihrem Zuſammentreffen mit der auslejenden Umwelt und 
zweitens die ſreie Kombinierung der väterlihen und mütter- 
lichen Merkmale bei der Bildung von Keimzellen als Deutung 
anführen. Mit reſtlojer Sicherheit läßt ſich Eindeutiges nicht 
ſagen. Soviel ſteht aber feſt: Erbänderungen kommen vor, gar 
nicht mal ſo ſelten; dieſe bezei 
Sie werden aber nur dann als Erl 
wenn ſie ſich als vererbungsfeſt erwieſen haben. „Der Kampf 
ums Daſein“ läßt aber nur ſolhe Erbänderungen in Gene- 
rations reihen beſtehen, wenn ſie ich als überlegen erweiſen, 
ſonſt werden die Träger ſol<her abgeänderter "Erbmaſſe aus- 
emerzt. So iſt in der freien Natur, wenn wir auf die Gejami- 
heit des Lebens bli>ken, eine Höherentwiklung von Lebens- 
formen möglic<; ein Abgleiten der Formen wird von der Natur 
nicht geduldet. | 
Der Menſc< hat dieſe harte Geſetzlichkeit an ſich erfahren. 
In wievielen Völkern und gerade in den hochzivilijierten ſind 
Erbſtämme vieler Generationsreihen ſtark verſchlechtert! Damit 
iſt das Kapitel der Erbkrankheiten angeſchnitten. . 
Die Erbkrankheiten, die in den Generationsketten in einem 
Glied zum Teil als Erbänderung plößlich auftauchen, zum Teil 
auf direkte Keimſchädigung durch Kulturgifte wie Alkohol, Ni- 
fotin, moderne Röntgenbeſtrahlung und dergleichen zurüczu- 
führen ſind, haben auch in unſerem Volk einen kataſtrophalen 
mfang angenommen, ſo daß wir heute ohne Übertrzibung jagen 
können, daß wir am Rande des Abgrundes, im Heginnenden 
Zuſammenbruch unſeres Volkes und damit unſerer Kultur ſtehen, 
wenn nicht in lezter Stunde den Naturgeſezen auch im Leben des 
Volkes mit aller Härte Geltung verſchafft wird. Mit dem 
lezten iſt ja ſchon geſagt, welches die Urſache der Erſcheinung 
iſt. Der Menſ< hatte ſich aus dem Rahmen der Naturgeſetlich- 
ber herausgeſtellt. Er predigte aus falſchen Anj<auungen 
eraus 
unbedingten Schuß und unbedingte Entwidlungsfreiheit 
eines jeden menſchlicßen Weſens. 
Jedes menſchliche Weſen und war es no< [ſo erbkrank, wurde 
nicht nur mit allen ärztlichen Künſten hochgepäppelt, ſondern 
auch, und das war das Verhängnisvollſte, in der Fortpflanzung 
nicht behindert. Da nun parallel mit dieſer Entwidlung ver- 
laufend die guten Erbſtämme des Volkes dur< alle möglichen 
Ausleſevorgänge (Kriege, g ahrvolle Berufe, Auswanderung, 
Beſchränkung der Geburtenzahl) der Ausmerze unterlagen, mußte 
ſich das Verhältnis der ſchlehten Erbſtämme zu den guten zu 
Ungunſten der guten entwideln und zwar in faſt progreſſiver 
Weiſe. Läßt man den Dingen freien Lauf, dann iſt unſer Volks- 
tod gewiß! ur 
Gott ſei Dank, weiß unſere Staatsführung um die biolo- 
iſchen Probleme; ſie trifft ihre Maßnahmen aus biologiſchen 
otwendigkeiten heraus. I< brauche nur auf die Sterilijierungs5- 
geſezgebung, auf die Einrichtung von Sippenämtern uſw. hin- 
zuweiſen. 
- Mit dieſen lezten Ausführungen hätte ih einen Sprung 
mitten in die Geſchichte unſerer Tage hinein getan. 
- Als weiteres geſtaltendes Prinzip in der Natur iſt das 
Prinzip der Arbeitsteilung zu erkennen. Während die Ein- 
zeller unter den Lebeweſen alle lebensnotwendigen Funktionen 
durc< einunddieſelbe Zelle ausführen, tritt bei den Mehrzellern 
ſofort eine Arbeitsteilung ein, d. h. die verſchiedenen Funktionen 
werden einzelnen Zellen oder geſchloſſenen Zellverbänden (wir 
nennen ſol<he Organe) übertragen, die dann nur dieſer Geg 
leben. Das Zuſammenſpiel aller Organe ſichert dem Gejamt- 
organismus das Beſtehen des Daſeinskampfes. Je höher nun die 
Lebensform ſteht, deſto weitgehender iſt die Arbeitsteilung dur<- 
geführt. Der Sinn dieſer Arbeitsteilung iſt in der Steigerung 
Die Mittelſchule 
net der Biologe als Mutation. 
Erbänderungen angeſprochen, 
 
Nr. 21 / Seite 257 
der Leiſtungsfähigkeit des Geſamtorganismus zu erbliden. -- 
Da das Prinzip in Organen und in deren Zuſammenſaſſangen, 
in Organismen ſeine Geſtaltung gefunden Hat, bezeichnet man 
es auch als das organiſ<e Prinzip. -- Die Natur geſtaltet 
nah dieſem Prinzip aber nicht nur das Einzelindividuum. Bei 
höheren Lebensformen findet fich Zuſammenfaſſung mehrerer 
oder vieler gleichgearteter Einzelweſen zu einer Leiſtungsgemein- 
ſhaft: I< weiſe auf die Ameiſen und Bienen hin, an denen 
die Arbeitsteilung weitgehend dur<geführt iſt. Am ppi 
hat die Natur das Prinzip des Organiſchen in ihrer höchſtge tell- 
ten Lebensform dur<geführt und zwar lod hinjichtlie) des 
Einzelweſens als auch hinſichtlich der Leijtungsgemeinſchaft 
gleichartiger Weſen ; das iſt bei uns Menſchen! Die kleinjte natur- 
gegebene Gemeinſchaft der Menſc<hen iſt die Familie, darauf ſett 
ſich die Sippe, der Stamm, das Volk. Auf das Volk laſſen ſich 
die Weſenheiten eines Organiszmus Zug um Zug übertragen. 
Auf die vielgeſtaltige Arbeitsteilung dieſer Leiſtungsgemein] aſt 
Volk brauche ich niht einzugehen, ſie iſt zu offenſichtlich. Der 
Sinn iſt genau der gleiche wie bei den Ameiſen und den Bienen, 
die wir ja darum auch als Volk bezeichnen, er iſt der gleiche 
wie bei jedem Zellenſtaat, dem Organismus. 
Damit hätte ic<h die mir als weſentlich erſcheinenden im 
Geſamtieben wirkenden und geſtaltenden Prinzipien aufgezeigt. 
I< faſſe ſie an dieſer Stelle nog einmal zuſammen: 
1. Alle Lebeweſen ſind ſc<hi>ſalhaft miteinander verbunden. 
2. BE eſen liegt der Trieb zur Erhaltung ſeiner 
je NI. 
3. Jedem Weſen iſt der Trieb zur Erhaltung ſeiner Art 
eigen. 
4. Alle Weſen ſind dem Kampf ums Daſein als einem Prin- 
ip der Erhaltung, Feſtigung und Höherentwidlung der 
rten unterworfen. | 
. Die Natur will die Mannigfaltigkeit der Lebensformen. 
. Die Natur geſtaltet nach dem Prinzip der. Arbeitsieilung, 
nah dem organiſchen Prinzip. | 
Und no< einmal ſei es geſagt, alle dieſe Prinzipien geſtalten auch 
uneingeſchränkt das Leben der Menſchen, das Leben der Bölker 
und greifen beſtimmend in ihre Berhältniſſe ein. Jn ihnen 
fühlen und erleben wir die ſchöpferiſche göttliche Allmacht, den 
Urgrund alles Seins! 
Aufgabe der Hiſtoriker iſt es nun, ſich in die biologiſchen 
Probleme zutiefſt hHineinzuarbeiten und alsdann mit diejem 
Rüſtzeug verſehen an die Neudur<for|hung der Völkergeſchichte 
heranzugehen. Einzelne Gejc<hichtswerke auf raſſenbiologtſcher 
Grundlage ſind bereits erſchienen. Der Wettſtreit auf dieſem 
Urbeitsgebiet muß aber no< Verbreiterung und Vertiefung 
ringen. 
- Vom Geſc<ic<htslehrer aber muß verlangt werden, daß er ſich 
biologiſ< ſ<hult, denn nur aus biologiſcher Grundhaltung her- 
aus iſt rechte Übermittlung und Erziehung auf dieſem Gebiet 
möglich. Selbſtverſtändlich müſſen die Gelchichtslehrpläne auf 
biologiſ<er Grundlage erſtehen. 
Weſſelburen. 
> 
L8. Koopmann. 
Deutſchunterricht 
in Klajſe !|1 der Mittelſchule. 
(Fortſezung des Berichtes „Ein Jahr Deutſchunterric<t in der 
IN. Klaſſe einer Mittelſchule“. Siehe Jahrg. 1936 der „Mittel- 
. ſchule“ Seite 586.) 
- Hatte uns der Abſchluß der Kl. II in Deutſch und Ge- 
ſchichte beſonders auf die Werte unſeres Bolkstums hingewieſen, 
jo ſetzte der Beginn der Klaſſe Il dieſe Wirkung fort. Als erſtes 
großes Stoffgebiet betrachteten wir die Romantik in Dichtung 
und Malerei. An einem Abſchnitt aus Novalis' „Heinrich von 
Ofterdingen“, der beſonders „die blaue Blume“ in den Vorder- 
grund ſtellt, erkannten wir die wichtigſten Merkmale roman- 
tiſcher Dichtung, zugleich aber auc< ihre treibenden Kräfte: 
Naturgefühl und -erleben, Glaube und Sehnjucht, wodur< ſie 
ſih als dem nordiſchen Weſen entſproſſen erwies. Ihre 
Verbundenheit mit der Vergangenheit unſeres Volkes erfuhren 
wir aus der Wiederbelebung des deutſ<hen VolkslieDdes, Des 
Märchens und der Sage und aus der Bevorzugung des deut- 
j<en Mittelalters und Rittertums (Uhland). Dabei bot ſich die 
Gelegenheit, in Sage und Märchen das künſtleriſ<e Geſtalten 
der Volfsſeele zu erfaſſen und die Bedeutung der Romantik 
für unſere Zeit zu beſtimmen. Einen bedeutenden Raum in 
unſerer Beſprechung nahmen die romantiſchen Maler ein, deren 
Werke wir eingehend betrachteten: Moriz von Schwind als Ge- 
ſtalter der Sage und des Märchens, Ludwig Richter als Maler
	        

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