Full text: Vom Büchertisch - 1894 (3)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Januar, 1894, 
inhalt; 1. Zur autobiographischen Litteratur: Dr. Carl Pilz, Licht» 
erinnerungen nebst pädagogischen und kulturhistorigchen Exkursionen und Reflexion 
Georg Ebers, Die Geschichte meines Lebens. - 2. 
Spielhagen, Finder und Erfinder. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. L 
und Schattenbilder aus meinem Lebhrerleben, Dr. Johannes Schmidt, Jugend- 
en. H, W, Hoffmeister, Ikaroslüge. Wilhelm Lübke, Erinnerungen. Friedrich 
Neuere Litteratur zur Schulandacht und Schulfeier: Prof. 
A. Graeter, Evangelische Andachten. Joh. Schönfeld, Schulandachten. Dr. Paal Märkel, Theorie der Schulandacht an höheren Lehraustalten. Prof. A. Wächter, 
Lektionarium für die täglichen Morgenandachbten, Alfred Giebe, 
Bibligches Lektionarum. Dr. Max. Trautmann, Andachten und Ansprachen für die Schule. +rof. 
Dr. Oswald Richter, Weihestunden im Schulleben. Franz Kern, Schulreden, -- 3. Neuere Litteratur zur Geographie: R. Andrees, Allgemeiner Hand- 
atlas. 
erschienene Bücher. 
1. Zur autobiographiSchen Litteratur. 
Resprochen von C. ZIEGLER. 
Dr. Carl Pilz, Licht- und Schattenbilder aus meinem Lehrer- 
leben. Rückblicke auf drei Jahrzehnte im Dienste der Schule. 
Leipzig, Winter. 1885. 
Jeder, der die grofsen Verdienste kennt. die Sich Dr. Pilz 
namentlich als Begründer und Leiter der ersten deutschen Eltern- 
zeitung »Cornelia« unstreitig erworben hat, wird diese Licht- und 
Schattenbilder mit Interesse legen und das geistige Wachstum des 
Verfaggers, der Seine Laufbahn als Volksschullehrer begann und nach 
beendigtem akademischen Studium zur Volksschule zurückkehrte, 
freudig verfolgen. Wer- aber den Verfasser nicht kennt, der wird 
gehr oft in der Lage gein, ihn für einen Schönfärber zu halten, der 
für Seine eigene Bedeutung sehr eingenommen ist. Denn die eigent- 
lich pädagogische Augbeute bei der Lektüre des Buches ist eins ge- 
ringe. Der 2. Band der Pilzschen Erinnerungen ist an dieser Stelle 
bereits besprochen worden. 
Dr. Johannes Schmidt, Jugenderinnerungen nebst päda- 
gogigschen und knliturhistorischen Exkurgionen und 
Reflexionen. Leipzig, Siegiumund & Volkening. 
Der Verfasger dieges bedeutungsvollen Werkchens ist der deutschen 
Lehrerwelt wohl bekannt, aber nur unter geinem Sschriffstellerischen 
Decknamen Ewald Haufe. Schmidt war gleichfalls zuerst Volks- 
Schullehrer, beguchte dann die Universität, war darauf Lehrer an 
einer landwirtschaftlichen Schule, von deren wahrhaft traurigen Ver- 
hältnisgen er ein Sehr sprechendes Bild zeichnet, war als Privatlehrer 
in Italien, der Schweiz, Frankreich und England und lebt heute in 
Meran. Dr. Haufe will nicht nur unterhalten, er will anregen, will 
belehren und rückt alle Erlebnisse in pädagogische Beleuchtung. 
Begonders wertvoll gind die Schildernngen des Schulwegens der ge- 
nannten Länder, weil gie auf Autopsie beruhen. 
H. W. Hoffmeister, Ikarosflüge. Ein humoristisches Kulturbild 
der letzten fünfzig Jahre. Berlin, George & Fiedler, 1888. 
AHoffmeister ist zuerst bekannt geworden, als er im Beginn der 
Ära Falk unter dem Decknamen Wilhelm Meister die Schrift ver- 
öffentlichte »Drei Jahre auf einem preuſsiSschen Regulativ-Seminar« 
und infolgedesgen auf die Anklagebank wanderte. Später macht er 
Sich einen Namen durch Sgeine prächtigen national-patriotischen 
Dichtungen! »Der eiserne Siegfried« und »Wilhelm der LEinzige.« 
Seine Lebensgeschichte erzählt er uns nicht in der Form der strengen 
Autobiographie, 80ndern er führt gich gelbst als Wilhelm Meister 
und Dichter Unbek in der Erzählung ein. Dieges Leben ist aulser- 
ordentlich reich an Kämpfen und Miſsgeschick; bei allem Streben 
kam er stets nur bis zu dem Augenblicke, wo er hätte zugreifen 
können, aber gefaſst hat er den Erfolg nicht, Sicher hat geine An- 
klage gegen den Geist der Regulative einen Teil der Schuld, aber 
ich meine, Hoffmeister hätte nicht immer den alten Spruch beberzigt: 
Quod Sis, ess2e velis. 
Wir empfehlen die Lektüre des Buches. 
Wilhelm Lübke, Erinnerungen. Berlin, Fontane. 1891. 
Der berühmte Kunstgelehrte Wilhelm Lübke, den uns im vorigen 
Jahre der Tod entriſs, war der Sohn eines Schlichten Volksschullehrers 
in Dortmund und gchickt geinen Erinnerungen einen Abschnitt aus 
Der Titel Ikarosflüge iet darum wohl berechtigt. 
 
De. JT. Engelmann, Leitfaden bei dem Unterricht in der Handelsgeographie für Handelslehranstalten und kaufmännische Fortbildungaschulen. -- Neu 
der Autobiographie, die Sein Vater auf Seinen Wunsch anfing, vor- 
aus. Die anspruchslosge Erzählung „Aus dem Leben eines Volks- 
Schvllehrers“ bildet einen recht wertvollen Beitrag zur Knlturgeschichte 
der ersten Jahrzehnte ungeres Jahrhunderts, begonders zur Würdigung 
der damaligen Verhältnisse der Yolksschule und ihrer Lehrer. 
Erinnerungen aus 
1890. Preis 
Friedrich Spielhagen, Finder und Erfinder. 
meinem Leben. 2 Bde. Leipzig, L. Stackmann. 
zus. 10 M. 
Von einem Erzähler von dem Range eines Ertedrich Spielhagen 
darf man eine Autobiographie im besten Sinne des Wortes erwarten, 
ein Werk, bei dem die äuſseren Umstände Nebengachen Sind und 
das Hauptgewicht auf die innere Entwickelungsgeschichte gelegt 
wird. Das Buch ist nichts weniger als ein ästhetischer Rechen- 
Schaftsbericht, der das litterarieche Soll und Haben gewissenhaft 
einander gegenüberstellt. In diesem Sinne bedeutet Schon der Titel 
ein Programm. Jeder Dichter Soll ein Finder und Erfinder zugleich 
gein, er darf gich nicht begnügen mit dem, was das Leben ihn finden 
läſst, Sondern es mit Ligenem zu einer höheren Einheit verschmelzen. 
Das Werk ist gehr reich an pädagogischen Gedanken und Anregungen. 
Aus den Erinnerungen aus Seiner Hauslehrerzeit Seien hier folgende 
Stellen angeführt: »So herrschte denn zwischen meinen Zöglingen und 
mir bald das freundlichste Einvernehmen, das ich 80 viel als mög- 
lich auch in den Schulstunden festzubalten Suchte in Erinnerung der 
Sehngucht, die ich in meiner Schulzeit nach einem Lehrer empfunden, 
den ich von Herzen lieb haben könnte, und der mich wieder ein 
wenig lieb hätte. Denn ich war immer der Meinung, daſs auf dem 
Verhältnis des Lehrers zum Schüler und umgekehrt nur dann der 
rechte Segen ruhe, wern es hinüber und herüber eine Herzens- 
angelegenheit 8ei, unbeschadet einer Kräftigen Disziplin und einer 
exakten Methode, denen nichts abgebrochen werden darf.« Wo er 
von der pädagogiscben Einwirkung spricht, Sagt er, auf zweierlei 
komme es an: »Kinmal darauf, den Punkt zu fixieren, wo das Ver- 
Ständnis des Schülers 8tockte ; Sodann: Sich den Grund oder die 
Gründe klar zu machen, warum es gerade hier ins Stocken geraten 
war. Das herauszubringen, meinte ich aber, könne nur der Phan- 
tasie gelingen, die uns befähigt, uns in die Seele eines anderen zu 
vergetzen, mit dieser Seele zu denken, aus ihr heraus zu empfinden. 
Also auch nach Bedürfnis und Umständen mit ihr dumm zu Sein, 
den Strohhalm, der ihr auf dem Wege zum Verständnis liegt, nicht 
als Strohhalm, Sondern als den fürchterlichen Balken zu Seben, als 
welchen die kleine verschüchterte Seele ihn Sieht, und über den Sie 
nicht wegkommen zu können glaubt, vielmehr in der That nicht weg 
kann. Die Praxis dieser theoretisch gewonnenen Lingicht, deren 
Richtigkeit gich mir auf Schritt unc. Tritt bewährte, bereitete mir 
eine unendliche Freude. Ich glaubte, indem ich die kleinen Ge- 
dankenkomplexe in den Gehirnen der Kinder zusammenstellen half, 
mich wieder in der Kinderstube zu befinden, grübelnd über irgend 
ein Spielproblem: einem ans Borke geschnitzten Kahn das rechte 
Gleichgewicht zu geben; den Saal der Philister aus den Banklötzen 
80 zu konstruieren, daſs, wenn Simgson an den beiden Säulen, die ihn 
trugen, rüttelte, er einstürzen muſste. Nein! ich hatte mich geirrt: 
Das Lehren war Kein Pprogaisches Geschäft; die Phantasie Sspielte 
dabei eine bedeutsame Rolle, und wenn es 80 viele gchlechte Lehrer 
auf der Welt gab, kam es nicht zum geringsten Teil daher, daſs es 
80 wenig phantasgiereiche Menschen giebt,«
	        

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