Full text: Vom Büchertisch - 1894 (3)

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Georg Ebers, Die Geschichte meines lebens. Vom Kind bis 
zum Manne. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. 1893. Preis 
geb. 10 M. 
Anch diese Biographie, die freilich an dem Febler mancher 
Romane des VerfasSers krankt, dals gie an vielen Stellen zu Sehr 
ins Breite geht, ist für den Schulmann von besonderem Interesse. 
Ebers rechnet zu den einfluſsSreichsten Jahren geines Lebens die- 
jenigen, welche er in der Hröbelschen Erziehungsanstalt Keilhau bei 
Rudolstadt verlebte, in die er nach den Märztagen 1848 aufgenommen 
wurde. Namentlich Langethal und Middendorf übten einen grofsen 
Einfluſs auf ihn aus. Von dem Leben und Treiben in dieser An- 
Stalt, das Sich auf dem Grundsatze aufbaute: »Unsgere Erziehung 
knüpft den Unterricht an die den Zögling umgebende Anſsenwelt«, 
entwirft der Verfasser ein Bild, das man als wertvollen Beitrag zur 
Geschichte der Pädagogik begrüſzen muſs. Später besuchte Ebers 
dann die Gymnagien zu Kottbus und Quedlinburg und ging dann 
zur Universität, um Jurist zu werden, ohne diesen Beruf zu Kennen. 
Vorlesungen über Kunstgeschichte bahnten dann den Übergang zum 
Studium der Ägyptologie an. Jakob Grimm gagte ihm: »Du hast 
das Pferd beim Schwanze aufgezäumt; die Spezielle Disziplin wird 
erst etwas wert durch den Zusammenhang mit dem verwandten Ge- 
biete, darum muſst du erst die sprachliche Crundlage legen«, ein 
Rat, den Ebers treu befolgte. Um Seine Söhne vor Irrwegen zu be- 
wahren , Schildert er auch offen Sein tolles Leben, das er 8schwer 
büſsgen muſste; Schon nach einem Semester rettete er Sich als Kranker 
nach Berlin, wo 8eine Mutter gein Trost war. Um zu verhüten, dals 
einer ein Studium ergreift, das er nicht kennt und das 8ich für ihn 
nicht eignet, erhebt Ebers eine Forderung, die anch 8chon an die 
Volksschule gestellt wurde: »In der obersten Klasse gSollte dem 
Schüler in kurzer ZusammenfasSung das vorgeführt werden, was 
jeder der Hauptberufe bietet und von denen fordert, die sich ihm 
binzugeben wünschen. Auch mülste der Leiter der Anstalt je nach 
den Gaben der Jünglinge ihnen mit Rat beistehen.« 
9. Neuere Litteratur zur Schulandacht und 
Schulfeilier. 
Besprochen von H. Grossr. 
Prof, A. Graeter (Oberlehrer am Realgymnagium in Tilsit): Evan- 
geligsche Andachten für alle Tage des Schuljahres und die 
besonderen Anlässe des Schullebens. Erstes Heft. Tilsit. 1889. 
Schubert & Seidel (M. Bergens). 80 S. Preis 1 M. 
Den Frantzschen Schulandachten ähnlich gind die von Prof. 
Graeter.?) Da gie bei den Andachten Selbst nicht unmittelbar ver- 
wendet werden Sollen, Sind die biblischen Texte, 80wie die Lieder- 
verge nicht mit abgedruckt worden. Meist gind längere Texte ge- 
wählt, z. B. ganze Psalmen, deShalb werden die Andachten öfter zu 
kurzen Gebeten. Die Form dergelben wechselt zwiSchen Angprache 
und Gebet, im zweiten Teil überwiegt die (Gebetsform, weil es meist 
Eröffnungsgebete vor der eigentlichen Festrede Sind; aber auch im 
ersten Teil ist der Verfasgser immer mehr zu diesger Form, schon 
durch die äuſsgere Haltung der Schulgemeinde, die Stehend und in 
Gebetsstellung an der Feier teilnimmt, hingedrängt worden, ohne sie 
aber ausschlieſslich zu verwenden; geiner eigenen Neigung entspricht 
vielmehr die Angprache, die freilich, wenn auch 80 kurz gehalten, 
doch immer einer Sugammengezogenen Predigt ähnlich gein wird, da- 
her wenigstens in der Rege] mit einem Gebetswort schlieſst.« Des 
Verfasgers Ansprachen resp. Gebete zind herzlich, zugleich einfach 
und klar. Er darf deghalb hoffen, daſs gie »auch auſsgerhalb der 
Schule Sich vielleicht Freunde erwerben und gich hier und da, in 
einem Hause oder ernst gestimmten Kreise, Eingang verschaffen 
könnten.« Das Heft enthält 1. Andachten für die Advents- und 
Epipbaniaszeit (S. 5--24 u. S. 62--79) und 2. solche für Schul- u. 
vaterländische Feierlichkeiten (S. 25--61). Diese mittlere Abteilung 
iet von begonderem Wert. Sie bringt eine reiche Sammlung von 
Angprachen und Gebeten für Schulanfang und Schulschluls, Abgangs- 
prüfung und Abiturientenentlassung, Schulkommunion, Reformations- 
menen nemen 
 
1) Vgl. Graeter, Thesen über Morgenandachten in Zeitschrift f. d. 
Evang. Rel.-Unt, 1893, Heft 3, 8, 242, 
 
 
fest, Sedanfeier und Kaigers Geburtstag. Es muſs für alle Amts- 
genossen der verschiedenen Schulgattungen, die mit der Abhaltung 
der Schulandacht betraut gind, willkommen Sgein, immer neue Bel- 
Spiele für die Auffasgung und Ausübung dieses wichtigen 
Stückes der erzieherischen Aufgaben ungerer Schulen 
kennen zu lernen. Deshalb wünschen wir lebhaft, daſs der Ver- 
fasger in Kürze die in Aussicht gestellte Fortsetzung Seiner »Evang. 
Andachten« erscheinen lasSen möge. 
Joh. Schönfeld (Pastor nnd Inspektor des Paulinums zu Berlin): 
Schulandachten. Berlin N. 58, Verlag der Buchhandlung der 
»deutschen Lehrerzeitung« (Fr. Zillesgen). 1892. (VIII und 104 S.) 
Preis 1,50 M. 
Schönfelds Sammlung enthält 50 Ansprachen, und zwar für die 
Advents- und Weihnachtgzeit (6), Neujahr (1), Epiphanias- Zeit (8), 
Passionszeit (8), Zeit zwiSchen Ostern und Pfingsten (7) und die Trini- 
tatiszeit (20). Sie schlieſsen ich also dem Gange des Kirchenjahres 
an und gind aus des Verfassgers Praxis am Berliner Paulinum (ehrist. 
Erziehungsanstalt für Gymnasiasten) hervorgegangen. Derselbe ist 
der Ansgicht, die Wichtigkeit der Schulandacht 8ei »noch lange nicht 
genug gewürdigt« (Vorwort VI); darin wird man ihm ohne Zweifel 
zustimmen. Jedoch kommt die Angelegenheit jetzt mehr und mehr 
in Fluſs, wie die steigende Zahl der Publikationen auf diesem Ge“ 
biet zeigt. Was die zweckmäſsgige Gestaltung der Schulandacht 
anbetrifft, 80 vertritt er die Meinung, »daſs die bloſse Schriftvorlesung 
Schlechterdings nicht genügend ist, zumal bei unserer heutigen, von 
der Zweifelgucht mehr denn je angekränkelten Jugend. Auch eine 
wegentlich liturgische Ausgestaltung der Andacht entspricht nicht 
den heutigen BedürfnisSen, Setzt idealere Zustände voraus, die wir 
nicht haben, und ist daher nur als Ausnahme, etwa bei Festlich- 
keiten zur Erhöhung der Solennität, zu empfehlen. Regel muls 
werden, daſs an ein nicht zu langes Schriftwort eine frische An- 
Sprache gich anschlieſst, die in ernste Mahnung oder kurzes Gebet 
ausläuft. Und diese Ansprache ist frei zu halten, da nur wenige 
Menschen 80 legen können, dals die ganze Persönlichkeit im Worte 
liegt und die Wirkung des gelegenen Wortes dem frei gesprochenen 
gleich kommt« (VII). Diesen Grundsätzen gemäſs Sind die Ansprachen 
entworfen. Die Bibelstellen gind fneist Sehr kurz (längere Sind nicht 
abgedruckt, um Raum zu sparen); Kirchenliederverse Schlielgen Sich 
am Ende an. Die Ansprachen gind musterhaft, Sie zeichnen Sich 
durch wohlthuende Wärme aus und können als Vorbilder bestens 
empfohlen werden. 
Dr. Paul Märkel (Oberlehrer): Theorie der Schulandacht an 
höheren Lehranstalten. Zweiter Teil: Einige Proben von An- 
dachten. Berlin, R. Gaertner (Hermann Heyfelder), 1893. Programm 
Nr. 94, 1893. Preis 1 M. (Wisgenschaftliche Beilage zum Pro- 
gramm des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums zu Berlin. Ostern 
1893.) | | 
Verfasger hat bereits im vorjährigen Programm des Dorotheen- 
Städtischen Realgvymnagiums zu Berlin (1892) den ersten Teil Seiner 
beachtenswerten Arbeit zur »Theorie der Schulandacht«, die Grund- 
legung, veröffentlicht, und wir haben über denselben in dieger Zeit- 
Schrift, Jahrg. 1892, 8. 253 tf. eingenend berichtet. Ursprünglich 
wollte er der »Grundlegung« einen zweiten Teil als »Auf- und Aus- 
bau« folgen lasgen. Da es aber unmöglich war, den ganzen Rest auf die 
gegetzlich gestatteten 24 bis 30 Programm - Seiten zusammenzudrängen, 
380 mulste an eine Teilung gedacht werden. Verfasgser bat deshalb die 
praktigeh - erläuternden Stücke zusammengestellt und eine Auswahl 
von Andachtsproben vach der früher entwickelten Theorie dar- 
geboten. Die Form der Andacht ist bei Märkel folgende: Auf den 
Eingangsspruch folgt der allgemeine Gesang, dann (nachdem sich die 
Schulgemeinde erhoben) Ansprache und Verlesung des zu Grunde 
liegenden Bibeltextes, gemeinschaftlicher Gesang (die Gemeinde hat 
Sich zuvor gegetzt) und stilles Vaterunser. Unpraktisch erscheint es 
nach ungerer Erfahrung, die Schüler während einer längeren Ansprache 
Stehen zu lasSen, wie der Verfasger thut; es führt das leicht zu Störung 
und Unruhe. Märkel bietet 15 Andachten in Anknüpfung an die 
Evangelien und Episteln und Sodann noch einige Kagual- Andachten 
(bei einem Todesfalle in der Anstalt, am Todestage des Kaisers Fried- 
rich II1., beim Weihnachts - Schulschluſs, bei der Abiturienten - Prüfung, 
beim Abschied eines Lehrers). Die Mannigfaltigkeit der dargebotenen 
Andachten beruht weniger auf der Form als auf dem im allgemeinen
	        

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