Volltext: Vom Büchertisch - 1894 (3)

VOM BÜCHERTISCH. | 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht. 
Herausgegeben von 
Dezember, 1894. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 12. 
 
Inhalt: 1. Für den Weihnachtstisch: Felix Stillfried, Biweg'lang. John Brinckmans Plattdeutsche Erzählangen. 
Unser Kind. Prof. Heinrich Hofmann, Der Segnende Christus. -- JesSus und die Samariterin. 
Gerok als Schulmann., Geschichte der deutschen Kungt. 
Dr. G. Warnecke, Vorschule der Kunstgezchichte. 
Heinrich Hofmann, Kommet zu wir! 
Ludwig Richter, Christlicher Haussegeb. Richard Schmeiſger, Karl 
Kurt von Rohracheidt, Satans Erlögzung. J. Pawlecki, Dichterstimmen aus der deutschen Lehrerwelt. 
Handausgabe der Kunsthistorischen Bilderbogen. 
Dr. R. Oehler, KlassiSches Bilderbuch 
 
Für den Weihnachtstisch. 
Felix Stillfried, Biweg'lang. Ok en Struſs Läuschen un Rimels. 
169 8. Rostock, Wilh. Werthers Verlag. 1895. Preis 2 M, 
geb. 2,80 M. 
Als wir in diesen Blättern Stillfrieds Wilhelmshäger Kögterlüd 
und Ut Sloſs un Kathen besprachen, waren wir in der Lage, ein bis 
dahin ungedrucktes Läuschen des Dichters zu bieten. Jetzt liegt die 
ganze Gedichtsammlung vor. Wem de grote Tähn gefallen hat, der 
wird icher nach dem Buche greifen, und er wird Seine Freude daran 
haben. Wie Reuters Läuscben un Rimels enthält auch Stillfrieds 
»Struſs« neben vollwertigen natürlich auch minderwertige Gedichte, 
aber der letzteren Sehr wenig; und auch diess kann man nur im 
Vergleich zu den anderen als minderwertig bezeichnen. Wir nahmen 
uns das Buch vor, um uns die Schönsten Läuschen anzustreichen, und 
als wir fertig waren -- da hatten wir fast nichts unangestrichen ge- 
lasgen. Echter, kerngesunder Humor weht durch die ganze Sammlung. 
Wie bei Zeuter finden wir auch hier am Schlusse jedes Gedichtes 
eine Pointe, den Knalleffekt. Die Länschen müsgen deghalb, wo gie 
gelegen oder besser gut vorgetragen werden, auſserordentlich viel 
Beifall finden. Es werden gich ihrer denn auch bald genug die 
Dialekt-Rezitatoren bemächtigen. Sebelin hat bereits einige der 
vorliegenden Gedichte als Stehende Nummern in gein Repertoir auf- 
genommen und zwar wie wir aus Erfahrung berichten können, mit 
bestem Erfolge. -- Das Buch enthält ein Einführungsgedicht, fünfzig 
Läuschen un Rimels und im Anhange ein ernstes Gedicht: Dat 
Späuk tau Jena in den Julimand 1888 (aus Anlaſs der Einweihung 
des Reuterdenkmals). Einige der prächtigsten Läuschen gind folgende: 
De. grote Tähn. -- Ganz einfach. -- Dat Werk der Finsternis. -- 
Melsih. -- De anstellige ScheperjJung. -- Wat hürt an 'n Pracher- 
kauken ? -- De ungedüllige Hamel. -- Wenn einer gick man tau 
helpen weit! -- VYadding up de Flucht, -- Dat vige Einmalein. -- 
Dat Fischeten. -- Falsch upfat't! = De geistlichen Pird'. -- Dat 
Hunn' dodmaken. -- De klore Bewis. -- De rendliche Bur. -- Dat 
Rätzel. -- -- »Wiwerbogkeit« ist etwas gehr derb. 
Wir wissen wohl, was das bedeutet, nehmen aber nicht Abstand, 
Stillfrieds Läusehen un Rimels den Reuterschen als im allgemeinen 
völlig ebenbürtig an die Seite zu stellen. Auch die grolsen litterar- 
historischen Werke gingen bis jetzt an den Nachfolgern Reuters ge- 
wöhnlich mit vornehmem Achselzucken vorüber; kaum, daſs man venuer- 
dings Brinckman hier und da ein wenig Bemerkung schenkte. Hin- 
fort wird die Litteraturgeschichte notgedrungen auch bei Adolf 
Brandt in Rostock (Stillfried ist Sein PsSendonym) Halt machen 
müsggen, Sowohl wegen Seiner Kösterlüd als auch wegen Seiner Läugchen. 
--“ Wir glauben, den Legsern einen Genuſs zu bereiten, wenn wir ihnen 
auch diesmal zum Schluſs ein Läuschen vortragen : 
Dat Werk der Finsternis. 
Uns' Herr Pastuhr böll Kinnerlihr, 
Un wil dat 8ine Mod' 80 wir, 
Dat hei dörch Frag'n von vörn un hinnen 
De Kinner sülw'n let allens finnen, 
Frög hei ok hüt de krüz un quer 
Un wull dat ut ehr 'rutebringen, 
Wat'n »Werk der Finsternis« woll weer, 
As 't in de Biwel heiten ded. 
Doch leider wull dat nich gelingen, 
Un wenn hei dacht: nun hab' ich gie! -- 
 
Wutsch! flitschten 8ei em doch vörbi 
Grad" bi gin allerfinsten Fragen. 
»Na«, Säd hei nu, »wer kann mir gagen: 
Wenn 'n böser Mensgch zich eine Tanne 
Aus ungerm Holz will Steblen, wanneh 
Wird er das thun? Na, Heine Lüth ?« 
»»Dat deiht hei, wenn em Keiner Süht.«« 
»Nun Ja, 's ist recht, mein Sohn! Gewils! 
Doch wann wird ihn wohl niemand geh'n, 
Wann kann das finst're Werk gegeheh'n ?« 
»»Dat kann dat, wenn dor keiner i8.«« 
»Nun Ja, mein Sohn! Doch, Fritz Podeyn, 
Wenn einer nun will brechen ein 
In euer Haus und Korn dort stehlen, 
Sag', welche Zeit wird er wohl wählen 
Zu diesgem Werk der Finsternis?« 
»» Wenn grad uns Kurnbähn apen iSs.«« 
De Paster markt, up dese Urt 
Geiht nu der Sak nich wider furt. 
Hei kihrt dat Ding denn also im 
Un nimmt dat nu mal anners 'rüm 
Un fröggt de lütte Fiken Sebacht: 
»Sag' du mir mal, mein liebes Kind, 
Die Menschen, welche böse gind, 
Was thun die oft in finstrer Nacht ?« 
Dit, denkt hei, ward Sei doch woll drapen! 
»Herr Paster,«« Seggt de Lütt, »»Sei Slapen.«« 
john Brinokmans Plattdeutsche Erzähl ungen. I. Kasper-Ohm 
un ick. 374 S. 5. Aufi. Preis 3 M, geb. 4 M. -- [QI. Kleine 
Erzählungen: Peter Lurenz bi Abukir. Voſs un Swinegel. Höger 
up. Mottche Spinkus un de Pelz. 2. Aufi. Rostock, Wilh. Werthers 
Verlag. Preis 3 M, geb. 4 M. 
Brinckman war ein Zeitgenosse Reuters. Er ist gieben Jahre 
nach diesem geboren und vier Jahre vor ihm gestorben. Sein Vater 
war Reeder in Rostock. John Brinkman hat eine Sehr glückliche 
Jugend verlebt. Er besuchte das Gymnagium geiner Vaterstadt und 
Studierte dann dort die Rechte, ging aber später zu den neueren 
Sprachen über, um Lehrer zu werden. Nach einer zweijährigen 
Thätigkeit an einer Privatanstalt verlieſs er Seine Heimat infolge der 
Beteiligung an der groſsdentschen, demokratischen Bewegung. Einige 
Zeit verbrachte er in England, darauf Sieben Jahre in New-York als 
Sekretär im Bureau des brasilianischen General-Konsuls. Doch gagte 
ibm das amerikanigche Leben nicht zu. 1846 kehrte er nach der 
Heimat zurück. Kurze Zeit wirkte er nun als Hauslehrer und errichtete 
dann eine Privatschnle und Pensionganstalt in Goldberg in Mecklen- 
burg. Von 1849 bis zu geinem Tode (1870) war er Lehrer der 
neueren Sprachen an der Realschule in Güstrow. Seine Gemahlin 
lebt dort heute noch. Bei Seinem geringen Gehalte und geiner grofsen 
Familie hatte Brinckman Schwer um den Lebensunterbalt zu ringen ; 
und es ist ein Zeichen geines festen Charakters und geiner echten 
Dichternatur, dals er Sich geinen prächtigen Humor wahrte, der in 80 
reicher Fülle aus Seinen Werken Spricht. -- Brinckman hat bei 
Lebzeiten nicht die verdiente Würdigung gefunden, und das ist jahr- 
zehntelang nicht erheblich besger geworden, trotzdem ihm 1876 Klaus 
Grofh das Zeugnis ausstellte: »John Brinckman gehört unter die 
plattdeutschen Dichter ersten Ranges ; Sein „Kasper- Ohm nv ick“ ist 
ein Roman von einer 8olchen Vollendung, daſs man prophezeien darf:
	        

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