Volltext: Vom Büchertisch - 1900 (9)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
HVerausgegeben von 
Januar, 1900. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 1. 
 
 
 
 
. inhalt: 1. Zur philosophischen und pädagogiscben Litteratur. Lindner, Lehrbuch der empirischen Psychologie. Sully, Handbuch der Psychologie 
für Lehrer. Sully, Untersuchungen über die Kindheit. -- 2. Zur Litteratur des deutschen Sprachunterrichts, Vilmar, Üver Goethes Tass0. 
Regel, 
Zwölf Jahre deutschen Unterrichts. Lyon, Die Lektüre als Grundlage eines einheitlichen und naturgemäſsen Unterrichts in der deutschen Sprache, Lay, Führer 
durch den Rechtschreibunterricht. 
1. Zur philoSoph. und pädagog. Litteratur. 
Besprochen von Rektor K. HrinyPrIcHy, Freyburg a. U. 
Lindner, Dr., Lehrbuch der empiriSchen Psychologie. Nach 
dem gegenwärtigen Stande der Wisgenschaft neu bearbeitet und 
ergänzt von Dr. Qustav Fröhlich, 11. verbesgerte und vermehrte 
Auflage. Wien, Karl Gerolds Söhne, 1898. 
Wie Krause?) will auch Fröhlich die FHerbartsche Pasychologie 
verbesgern. Durch erfolgreiche Forschungen bedeutender Männer, 
wie Lotze, Ostermann, Wundt, Fechner, Helmholtz, Weber u. a. sei 
das psychologische Lebrgebäude Zerbaris mehrfach erweitert und 
berichtigt worden. Diese neuen Forschungen wollte der Heraus- 
geber nicht unbeachtet lassen, Sondern zur Vervollkommnung des 
Buches Sorgfältig verwerten (Seite VV). Begonders die Abschnitte 
über die Gefühle, das Begehren, die zittliche Freiheit hat der Ver- 
fasger einer gänzlichen Umarbeitung unterzogen. Von Vorteil ist das 
dem Buche nicht gewesen. Man vergleiche mit dieger 11, Auflage 
die älteren noch von L2nrdnrer besorgten Auflagen und man Kann zich 
das Gefühl des Bedauerns nicht erwehren, daſs in dieser Weise die 
Lindnersche Psychologie umgearbeitet wurde. 
Sully, Dr. James, Handbuch der Psychologie für Lehrer. 
Eine Gesamtdarstellung der pädagogischen Psychologie für Lehrer 
und Studierende. Mit Erlaubnis des Verfasgers nach der 4. Auflage 
' des Originals aus dem Englischen übertragen von Dr. J. Stumpftl. 
Leipzig, Ernst Wunderlich. 447 8. Preis 4 M. 
Sullys Handbuch der Psychologie bat ein internationales 
Gepräge. Es verwertet die einschlägige Litteratur der drei modernen 
Hauptkultursprachen des Deutschen, Englischen und FPranzögischen. 
Den Fortschritten der Experimentalpsychologie ist in diesem Buche 
besondere Aufmerksamkeit zugewandt worden. Vor allen Dingen aber 
findet die Kinderpsychologie die gröſßste Berücksichtigung. In dieger 
Hinsicht ist Sutlys Handbuch der Psychologie eine ganz eigenartige 
 
: Selbst betrachtet werden. 
Lieb, Deutsche Aufsätze, -- Neu erschienene Bücher. 
von einer gewissen praktischen Wichtigkeit; denn es liegt, wie wir 
Sehen werden, in der Behauptung, daſs der Erzieher das Wahr- 
nehmungsvermögen, das Gedächtaisvermögen u. 8. w. zu bilden habe, 
ein Sinn ... Wenn wir die Angicht vertreten, daſs die intellektuellen 
Prozesse aus einfachen oder ursprünglichen funktionellen Bethätigungen 
gebildet werden, dann können wir behaupten, daſs das, was im popu- 
lären Sinne »als Vermögen«, Zz. B. des Gedächtnisses oder der Ver- 
nunft, bezeichnel wird, etwas Sekundäres und ein Produkt der Ent- 
wickelung sei. So schlieſst das Vernunftvermögen in Sich, daſs Sich 
bei einer Peron eine begondere Befähigung etwas komplizierter Art 
entwickelt hat, welche das Regultat der in einer bestimmten Weise 
geübten intellektuellen Funktionen ist. Vom Standpunkte des Er- 
ziehers aus Sollte ein Vermögen nicht als Ausgangspunkt, nicht als 
etwas vom Anfang Gegebenues, 80ndern als ein Produkt der Erziehung 
(8. 36 u. 37.) . 
Während aus diesen Ausführungen die Verwerfung der Seelen- 
vermögentheorie zu ergehen ist, führt der Verfasser auf S. 141 aus, 
daſs das Wollen geinen unabhängigen Ursprung in gewissen an- 
geborenen Impulsen hat. VerfasSer steht hiernach wieder auf dem 
Standpunkte der Seelenvermögentheotie. Im Gebrauch der Termini 
iSt auffallend, daſs das Wort »Suggestion« im ganzen Buche als Be- 
. nennung für die Erweckung einer Vorstellung durch die andere ge- 
' braucht wird. Was die deutschen Psychologen mit Association be- 
| zeichnen, nennen die englischen Psychologen Suggestion. 
Erscheinnng, denn bis Jetzt haben die psychologischen Werke diese : 
wichtige Quelle der Psychologie fast gar nicht berücksSichtigt. Und doch 
unterliegt es keinem Zweifel, dals bei einem erfolgreichen Unterricht 
ein intensives Studium der Kinderpsychologie die erste Bedingung ist. 
Angchauliche Darstellung, klare, lüSgige Sprache machen einem 
die Lektüre dieges Buches zum Genuſs. Die psychologischen Ergeb- 
nis8e Sind unter besonderen Abschnitten : »Tragweite für die Erziehung« 
auf Unterricht und Erziehung angewandt. Nach jedem Abschnitt 
folgt eine reiche, ausführliche Litteraturangabe über die einschlägigen 
deutschen, engliechen und franzögiechen Werke, Wir können dem 
Übergetzer dafür, daſs er uns dieges vortreffliche Buch in deutscher 
Sprache geboten hat, nur dankbar Sgein. 
In dem IV. Kapitel werden. die Funktionen des Geistes: Er- 
kennen, Fühlen und Wollen besprochen. Hier wird ausdrücklich 
gegsagt, daſs absichtlich das Wort »Funktion« und nicht »Vermögen« 
gebraucht werde. »Die populäre Psychologie pflegt den Geist in 
mehrere verschiedene Kräfte oder Vermögen einzuteilen. So unter- 
Scheidet 8ie verschiedene intellektuelle Vermögen, z. B. das Wahr- 
nehmungsvermögen, das Gedächtnis und die Vernunft, als ob ihre 
Verrichtungen vollkommen verschiedene Prozesge wären, die nichts 
mit einander gemein hätten. Eine wisgenschaftlichere Betrachtung 
des Geistes verwirft diese Angicht. Es ist wahr, daſs der Akt der 
Wahrnehmung von dem des Gedächtnisges oder der Phantagie ver- 
Schieden ist, da wir im ersten Falle einen wirklichen Sinnegeindruck 
von dem Gegenstande baben, während wir im zweiten Falle nur ein 
geistiges Bild begitzen. Das Beobachten dieser Unterschiede ist nun 
1) Büchertisch Nr. 12, 1899. 
 
- Sully, Dr. James, Untersuchungen über die Kindheit. Psycho- 
logische Abhandlungen für Lehrer und gebildete Eltern. Mit Er- 
Jaubnis des VerfasSers nach dem Original aus dem Englischen 
übertragen von Dr. -J, Sizmpfl. Leipzig, Ernst Wunderlich. 374 8. 
Preis 4 M. 
Sullys »Untersuchungen über die Kindheit« bilden eine 
wesentliche Ergänzung zum »Handbuch der Psychologie, Aus 
diegzem und aus dem Buche von Tracy ergehen wir, welche ernsgt- 
liche Pflege die Kinderpsychologie im Auslande erfährt, In Frank- 
reich gind Serrard Peres und Gabrze! Compayre die Führer 
dieger Wisgenschaft. In England besteht bereits eine Gegellschaft 
für Kindererforschung. Diese Gesellschaft hat fünf Zweige: Loudon, 
Edinburgh, Newcastle on-Tyne, Cheltenham und Derby; der Vorstand 
des Londoner Zweiges ist Sully. An den Univergitäten zu Cambridge 
und Edinburgh finden kinderpsychologische Perienkurse statt. In 
Nordamerika erfährt die Kindererforschung eine 80 eifrige Pflege, wie 
Sonst nirgends auf der Welt. Kinderpsychologische Ferienkurge für 
Lehrer werden an den Univergitäten zu Worcester, zu Chicago, zu 
Philadelphia, zu Lincoln u. 8. w. ahgebalten. Die Energie und die 
Gründlichkeit, mit welchem die Kinderforschung in Nordamerika ge- 
trieben wird, legen ein beredtes Zeugnis für den praktischen Sinn 
der Amerikaner ab. (3. I u. IV der Vorrede des Überzgetzers.) Die 
Kindererforschung bat für die- Erziehung eine grofse Bedeutung. 
Stanley Hall bezeichnet das Kinderstudium als die Grundlage der 
exakten Pädagogik. Pyreyer legt dar, daſs die Erziehung und Unter- 
richtskunst ohne das Studium der Seelenentwickelung des Kindes 
nicht auf festem Boden begründet werden könne. Der italienische 
Anthropologe G7useppe Sergt weist darauf hin, daſs die Pädagogik 
auf die ErforSchung des Kindes gröfseren Wert legen müsse. O2 
Sagt, das Grundprinzip der modernen Erziehungstheorie verlange, daſs 
eine systematische Erziehung die Spontanen Regungen des kindlichen 
Geistes beobachte und ihr Verfahren diesgen anpasse; daher Sei auch 
die Kinderpsychologie für den Erzieher der wichtigste Teil der ganzen 
Psychologie. Der Amerikaner C?r2zsman behauptet, daſs das, was 
den Lehrern vielfach mangele, nicht Gelehrsamkeit oder Methodik Sei, 
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