Volltext: Vom Büchertisch - 1901 (10)

Arbeit viel zu wünschen übrig lieſs. Jene erstere wurde überhaupt, 
begonders durch das Überwiegen rein fachwisgenscbaftlicher Interessen 
der Lehrer in den Hintergrund gedrängt, und der Unterricht litt an 
unverhältnigmälsig starker Betonung gedächtnismäſsiger Stoffaufnahme; 
wohl arbeitete man auch auf Verständnis des Unterrichtsstoffes, aber 
bei weitem nicht genug auf wirkliches inneres Erleben, auf Selb“ 
Ständige innere Aufnahme und Verwertung desselben hin. Dazu trug 
u. a. die das Zeitalter beherrschende allzu eingeitige Bevorzugung 
der auf materielle Vorteile abzielenden VYielwisgerei bei; auch fehlte 
es an unmittelbar vorbildlich wirkenden Schulinspektoren bezw. Rek- 
toren, von denen doch nicht nur theoretische Imperative, Sondern 
auch praktische Musterleistungen, und zwar wo möglich in allen dem 
untergebenen Lehrer zugewiegenen Disziplinen zu erwarten Sein Sollten. 
Hinsichtlich der Stoffauswahl bieten die zumeist geltenden Hilfs- 
bücher weit zu wenig positiv schlechthin zu Verwertendes, 80 daſs 
eigentlich nur für den allerersten Schulunterricht bestimmte Lehr- 
programme festgelegt Sind. Wohl nicht ohne guten Grund wird vom 
Verf. auf den Gesinnung bildenden, die Persönliahkeit ergreifen- 
den Unterricht gegenüber dem auf Vielwisserei oder auf Fertig- 
keiten ansgehenden der Hauptnachdruck gelegt. 
Als einen besgonderen Vorzug der Schrift möchten wir die lebhafte 
Anklage gegen das der Mitarbeit an Lögung pädagogischer Aufgaben 
abgeneigte grofse Laienpublikum bezeichnen. Nur zu wahr ist der 
Vorwurf an die Zeitgenogsgen, daſs für noch 80 dringliche pädagogische 
Aufgaben weder Interesse noch Verständnis, geschweige denn Auf- 
gelegtheit zur Mitbethätigung vorhanden ist. Entweder verläſst man 
Sich auf das Haus oder die Schule oder die Gesetzgebung, wenn es 
gilt unleugbare Schäden im Sozial- politischen Leben zu begeitigen. 
Der Appell an die Gegamtheit der Mündigen, in den Dienst der Ver- 
edlung des Volkes in allen Seinen Kreigen mit einzutreten, ist voll 
berechtigt. Und Sonach auch die Forderung an die Kirche, gich mit 
der Schule zu gemeingsamer pädagogischer Arbeit zu verbinden. -- 
Die Sebrift bietet nach Vorstehendem nicht wenig gehr beachtens- 
werte Betrachtungen, nur mügsgen wir ihr den Mangel an bestimmter, 
knapper, innerlich zusammenhängender, völlig klarer Darlegung Sowie 
an korrekter Stiligierung zum Vorwurf machen. 
H. KEFERSTEIN. 
Raumer, R. von, Geschichte der Pädagogik vom Wiederauf- 
blüben klagsiScher Studien bis auf ungere Zeit. Fortgeführt und 
ergänzt von G&. Lothholz, Gym.-Direktor a. D.,. 5. Teil: Pädagogik 
der Neuzeit in Lebensbildern. Gütersloh, Bertelsmann, 1899. XI, 
562 8. 8, 
Der Verfasser hatte nicht notwendig, unter fremder Flagge zu 
Segeln. Sein Buch ist nach Inhalt und Form gehr empfehlenswert ; 
nur ist sSein Titel falsch gewählt: es ist eine Geschichte des huma- 
nisStischen höberen Schulwesens von W2znckelmarn bis beute. Das 
eigentlich Pädagogische ist, Selbset wo Gelegenheit gegeben war, 
darauf einzugehen, höchstens gestreift. Wir wollen nicht davon 
reden, dals MZcolovtus auf Pestalogz24 führen mulste; denn von 
Pestalozza redet Raumer, an den Lothholx Sich angchlieſst, fast zu 
viel. Aber Zerbart mulſste bei Stüvern (S. 269) nicht bloſs genannt 
werden, zumal er für die Ordnung des höheren Schulwegens in 
Königsberg Bedeutendes geleistet bat. Auch die Biographie von 
„Bonttx hätte (8. 552) wieder ein Anlals werden können, Zerbaris 
pädagogische Ansgichten, jedenfalls aber doch zeine Stellung zum 
Neuhumanismus, zu Nzethammer u. 8. w. darzustellen. Ebenso ver- 
miſst man eine Erwähnung Diesterwegs bei Thrersch, eine eingehendere 
Behandlung der pädagogischen Provinz Goethes und ihre Beziehungen 
(8. 71); bei Less2ng hätte noch mehr Pädagogisches beigebracht 
werden können; EZ. M. Arndis Pädagogik kommt gar nicht vor. 
Das alles würde auch niemand erwarten, wenn das Buch nicht Seinen 
irreführenden Titel hätte. Was es eigentlich bieten wollte, giebt es 
gut und reichlich und auf Grund zureichender und guter Quellen. 
Manchmal ist die Darstellung etwas locker; gie Bielst nicht in einem 
Zuge. Das liegt aber an den vergchledenartigen und zahlreichen 
Quellschriften, die der Verfasser benutzt hat. 
das Bach vortrefflich, Dr. KE. VoN SALLWÜRK. 
Albrecht Goerth, Friedrich Dittes in Seiner Bedeutung für 
Mit- und Nachwelt. Leipzig, Klinkhardt, 1899. VIII, 144 8. 
1,50 M. 
Eine ganz objektive Darstellung des Lebensganges des verdienten 
einstigen Leiters des Wiener Pädagogiums würde in der Geschichte 
 
Im ganzen liest gich 
 
ungerer neuen Pädagogik eine bedeutsame Stellung einnehmen. Sein 
Verhältnis zu Beneke, dessen Psyehologie Seiner Zeit einen wichtigen 
Fortschritt bezeichnete, heute aber nicht mehr zur Grundlage einer 
Erziehungslehre gemacht werden kann, Seine vielseitige Thätigkeit auf 
dem Gebiete der theoretischen Pädagogik und geine einsgcbneidende, 
ganze Kreiss der pädagogischen Welt erregende praktische Wirksam- 
keit fordern eine Solche Darstellung; der Mann Sgelbst mit geinem 
klaren Verstand und Seinen obne Zweifel reinen und bohen Zielen 
würde gie zu einem dankbaren Unternehmen machen. Goerth wollte 
aber ein Lebensbild geines Helden nicht geben; er verfolgt ihn vor- 
züglich nur auf geinen Kämpfen und Kriegsfahrten. Aber gerade 
diese Tendenz hätte ein Eingehen auf das Biographische, das uns 
nur da und dort bruchstückweise geboten wird, notwendig gemacht. 
Wir haben doch ein Buch, das Dettes* Wirkgsamkeit in Wien in gebr 
ungünstiger Weise bespricht; dem darf ein Verteidiger des streitbaren 
Mannes nicht mit der bloſfgen Bemerkung gegenübertreten, daſs es 
»zu weit führen würde«, diese Dinge genau mitzuteilen (S. 71). Ähn- 
liches muſs man über Goerihs Angriffe gegen die »Zillereis Sagen, 
die aufgerdem Ferbart für alles verantwortlich machen, was von der 
Ziller Schen Schule geschehen ist. Man bat ein gewisses Recht, 
Zallers Straffe Konzentration und Seinen ausgeprägten Konfessionellen 
Standpunkt mit der Regulativpädagogik zu vergleichen ; das berechtigt 
aber nicht, Ziller gewissermalsen zu einem Mitverschworenen der Regu- 
lative zu machen. Aus der Ferbart Schen Schule heraus wurde diege 
ja auch gehr kräftig bekämpft. Interessant aind an dieger Stelle 
Goertihs Mitteilungen aus Seiner eigenen Erfahrung. 
So ist uns denn in diesgem Buche zu viel des Tadels, der bis- 
weilen ziellogen Aufregung, zu wenig des pogsitiv Historiscehben. Wie 
vergühnend wirkt doch das rubige Wort der Geschichte, wenn der 
Kampf geendet und ein Leben abgeschlosgen ist! Dieges Wort hätten 
wir dem mutigen Streiter, der doch, wie Goertih gelbst zugestebt, 
auch manchmal irrte, gerne gegönnt, Goerths Buch emplehlen wir 
nichtsdestoweniger der Aufmerkgsamkeit der Lehrerwelt, aber mit den 
oben ausgeführten Vorbehalten. Dr. KE. VoN SALLWÜRK. 
Martig, E.. Anschauungspsychologie mit Anwendung auf 
die Erziehung. 4. verb. Anfl. Bern, Schmid & Franck, 1897. 
Preis brosch. 3 M. 
-- -“ Lehrbuch der Pädagogik, 3. verb. Aufl. Ebenda, 1900. 
Preis brogebh. 1,80 M. . 
1. Den Inhalt dieses Werkes, das durchaus für den Anfänger 
bestimmt ist, brauche ich nicht genauer anzugeben. Das Buch 
will, nach der Vorrede, in »durchaus populärer Weise, die aber 
nirgend der Wigssenschaft Gewalt anthut,;« in die pädagogische 
Psychologie einführen. Mithin kann der Arbeit nur aus der Form 
der Darbietung ein begsonderes Verdienst zugelegt werden. Und 
in der That -- hierin ist Vorzügliches geleistet worden. -- Die 
Arbeit nennt gich AnschauungspsychoJogie, denn gie bemüht gich, 
überall von der Anschauung, vom Konkreten Beispiele, auszugehen 
und zu ihr zurückzukehren. So Sucht es dem vorzubeugen, daſs 
leere Worthülsen und nicht lebensvolle Begriffe Sich festgetzen. Die 
Auswahl und Behandlung der Stoffe, welche der Veranschaulichung 
dienen Sollen, darf als vortrefflich bezeichnet werden. Im einzelnen 
iet die Anordnung 80 getroffen: 1) Die Beispiele werden besprochen 
und an ihnen die neue Erkenntnis gewonnen. 2) Eine kurze, präzise 
Zugammenfassung ermöglicht eine klare Übersicht und ein schnelles 
Behalten. 3) Das gewonnene Neue wird auf die pädagogische Praxis 
angewendet. 
Gebührt der Darstellungsform alle Anerkennung, 80 ist doch der In- 
halt keineswegs überall vor der psychologischen Wisgenzchaft stichhaltig. 
Ich möchte nur auf einiges den Finger legen! Die Sonderung der Be- 
griffe, Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung, Anschauung in der Weise, 
wie der Verfasger vorhat, iSt unzulässig, denn es ist Schlechterdings 
unmöglich, gie pSychologisch bestimmt vou einander zu Sondern. Trotz- 
dem finden wir diese Scheidung leider in elementaren Darstellungen 
der Psychologie oft -- in neueren wisgenschaftlichen nirgends. Auch 
in den Begriffsbestimmungen: Begriff, Urteil, Schluſs (vergl. Dörpfeld), 
Sodann Verstand und Vernunft finden wir eine unwisgenschaftliche 
Verquickung von scholastischer Logik und Psychologie. Die Ein- 
teilung der Gefühle ist nicht von einbeitlichem Gesichtspunkte aus 
getroffen worden. Hier mag aber zur Entschuldigung dienen, dals 
bis heute die psychologische Erforschung der Elemente des Gefühls- 
lebens noch nicht zum Abschluſs gekommen gind. Ich könnte noch
	        

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