Full text: Vom Büchertisch - 1901 (10)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Oktober 1901. 
Inhalt: 1. Zur Litteratur der Logik und Psychologie. 
Elemente der Psychologie. -- 2. Zur pädagogischen Litteratur, Fri 
FRIEDRICH MANN. 
Flügel, O.. Abriſs der Logik und die Lehre von den Trugschlügsen. Raaf, H. de, Die 
itzech, Th,, Ernst Christian Trapp. -- 3. Zur Litteratur des Rechenunterrichts, 
Nr. 10. 
Grosge, Hugo, Historigche Rechenbücher des 16. und 17. Jahrhunderts. -- Zeitschriften, -“-- Neu erschienene Bücher. 
1. Zur Litteratur der Logik und PSycho- 
logie. 
Besprochen von K. HzinperIcH in Freyburg a. U. 
Flügel, 0., Abriſs der Logik und die Lehre von den Trug- 
Schlügsgen. Vierte Auflage. Langensalza, Verlag von Hermann 
Beyer & Söhne, 1901. 120 8. Preis 1,50 M. 
Es ist recht erfreulich, daſs dieses Buch wieder eine neue Auf- 
Jage erlebt hat. Die 3. Auflage, welche 1894 erschien, (s. Bücher- 
tisch Nr. 6, 1895) war bekanntlich die Neubearbeitung der 1. Auf- 
lage, welche 1850 unter dem Titel » Antibarbarus logicus« von Prof. 
Allihm herausgegeben wurde. Es Scheint also doch, als ob die »alten 
logischen Grupdeätze«, die alte »lederne Logik (!!)«, die Schon von der 
Zeit des Aristoteles her gegolten haben , immer noch Anerkennung 
finden! 
Die vierte Auflage weist viele neue Zugätze, begonders viele 
Beispiele für TrugschJüsse , Erschleichungen aus der heutigen Philo- 
Sophie auf. Auch die gebr ergötzlich zu legende Vorrede zur 1. Auf- 
lage von Sempronius hat Aufnahme gefunden. 
Der Inhalt des Buches ist folgender: I. Einleitung. Das 
Denken nach Form und Inhalt, im Unterschied vom Wahrnehmen, 
Gedächtnis und Dichten. II. Die drei logischen Grundgätze. 
Der Satz der Einerxleiheit. Der Satz des zu vermeidenden Wider- 
Spruchs. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Grundgsätze und 
Folgegsätze. Evidenz der logischen Grundsätze. 111. Die Lehre von 
den Begriffen. Psychologische Bildung der Begriffe. Klar und 
deutlich denken. Gegengatz disparater, Konträrer, kontradiktorischer. 
Umfang und Inhalt der Begriffe. Allgemeine und besondere Begriffe. 
Abstraktion, Determination, Koordination, Subordination. Anschauung, 
Vorstellung, Begriff, Idee. Logischer Realiemus. Pantheismusg, 
IV. Die Lehre von den Urteilen. Subjekt, Prädikat, Ko- 
pula, Urteile nach ihrer Qualität, BeJjahende, verneinende, hypo- 
thetische, identische, kontradiktorische Urteile. Existentialsätze. Er- 
weiterung des Subjekts. Scheinbare Widersprüche. Methode der 
Beziehungen. Mehrheit der Urgachen. Widersprechendes ist un- 
möglich. Gemachte Widersprüche, Kopulative, disjunktive, 8syn- 
thetische, analytische Urteile. Urteile nach ihrer Quantität, Relation, 
Modalität. Begchaffenheits- und Beziehungsurteile. Umkehrung. 
V. Die Lehre von den Schlüsgen. Obergatz, Untergatz, Schluſs, 
Form und Materie des Schlusses. Verkürzter Schluſs. Kategoriscbe, 
bypothetische, disjunktive Schluſsform. Schluſsfiguren, Dilemma, 
Kettenschluſs. VI: Von den SyStematischen Formen. Definition, 
Divigion, Dispogition. Beweis. VII. Die Lehre von den Trug- 
Schlüggen. VILL, Von den materiellen Trugschlüsgen. 
Sempronlus Schlieſst geine Vorrede von 1850 mit den Worten: 
»S0 möge denn das Unternehmen dazu beitragen, richtiges Denken 
von einem bloſs Sophistischen Spiel mit Begriffen wohl zu unter- 
Scheiden und recht viel Unterstützung finden.« Dieger Wungch gilt 
auch der 4. Auflage, 
In einem der neusten Bücher der Rechenlitteratur betitelt: » Ver- 
anschaulichung gämtlicher Rechenoperationen im Zahlenraume von 
1---15 umfasggend 40 Tabellen zum Schulgebrauch« werden die Zahlen 
und Operationen mit dengelben in einem bunten (Gewirr von roten 
und blauen Punkten und Figuren veranschaulicht. Das Buch ist ein 
Bilderbuch, ein Spielzeug für die Kinder und kann keinen Anspruch 
darauf machen, der Rechenmethodik vorwärts zu helfen. Vor der- 
artigen Erfindungen nutz» und zweckloger Veranschaulichungen gchützt 
 
nur ein gründliches Studium der Psychologie. Dieses bewahrt den 
Lehrer vor unsgicherem Probieren und Umhertappen in der Unter- 
richtskunst. Die Psychologie zeigt ibm deutlich den Weg, welchen 
er zu gehen hat. 
Sie nimmt dem Unterrichte auch alles Handwerksmäſsige und 
macht den Unterricht auch da interessant, wo ihn manche langweilig 
und geistlos finden z. B. in den ersten Schuljahren. 
Aber die Psychologie muſs dem Lehrer auch wirklich ein leben- 
Spendendes Hilfsmittel der Pädagogik geworden Sein. Sie wird es 
ihm schwerlich, wenn er im Seminar einen psychologischen Unterricht 
empfing, der ihm dieses Fach nur als unnützes Beiwerk auf dem 80 
wie 80 Schon überladenen Lektionsplan des Seminars erscheinen lälst. 
Es ist keineswegs 80 einfach, junge Leute in das rechte Verständnis 
der Psychologie einzuführen. Ein bloſser Unterricht Paragraph für 
Paragraph nach »Schützens Schulkunde« ist nicht imstande den 
Seminaristen zur Eingicht in die Notwendigkeit des psychologischen 
Studiums zu verhelfen. »Ein klares Verständnis der Psychologie«, 
Sagt Martig in der Vorrede zu geiner Anschauungs-Psychologie *), 
»wie es die Pädagogik vorausgetzen muſs, ist für viele Seminaristen 
Schwer, weil ihnen für abstraktes Denken die erforderliche logische 
und Sprachliche Schulung noch fehlt. Wird ihnen nun die Psycho- 
logie in abstrakt gelehrter Form geboten, 80 können 8ie wohl die 
Sätze und Formeln auswendig lernen, leben gich aber nicht in die 
Sache hinein. Sie werden auf diesem Wege weder zu psychologiscben 
Studien angeregt, noch zur Anwendung der Seelenlehre auf die Er- 
ziehung genügend befähigt. Die PSyckhologie erscheint ihnen als eine 
von den übrigen Wiggens- und Lebensgebieten abgesonderte Wigegen- 
Schaft, deren Zweck gie nicht recht erkennen. Eine fruchtbare Be- 
handlung der Psychologie ist nach meiner Erfahrung auf der geistigen 
Entwicklungsstufe der Seminaristen nur dann möglich, wenn man 
überall von Beobachtungen, Erfahrungen, Thatsachen und Beispielen 
ausgeht. « 
Ein Buch, welches als vortreffliches Hilfsmittel beim ersten 
Unterrichte in der Psychologie zu empfehlen ist, Liegt jetzt in 2. Auf- 
lage vor. Der Titel lautet: 
Raaf, H. de, Direktor des Königl. Lehrergeminars zu Middelburg, 
Die Elemente der Psychologie. Angehaulich entwickelt und 
auf die Pädagogik angewandt. Aus dem Holländischen übersetzt 
von W. Rheinen, Hauptlehrer in Wickratbberg. Langengalza, Ver- 
lag von Hermann Beyer & Söhne, 1901. 132 8. Preis 1,60 M. 
De Raaf, einer der angesehensten holländischen Schulmänner, 
hat aich, wie wir aus der Vorrede des Übergetzers erfahren, ganz 
begondere Verdienste um die Ausbreitung der Herbartschen Päda- 
gogik in Holland erworben. Er hat von der Pike auf gedient. Be- 
gabt mit bedeutenden Geisteskräften, regem Schaffensdrang und aus- 
dauerndem Fleiſs iSt er auf geinsr Lehrerlaufbahn von der Volks- 
Schule aus zum Hilfslehrer in geiner Groninger Heimat, Später zum 
Hauptlehrer einer Dorfschule, danr. zum Seminarlehrer in Herzogen- 
busch und in Nimwegen und zum Seminardirektor in Middelburg 
emporgestiegen. 
Den meisten Lehrbüchern der Psychologie fehlt gewöhnlich das 
nötige Anschauungsmaterial, aus dessen denkender Betrachtung die 
psychischen Gegetze abgeleitet werden können. Dann fehlen fast 
überall die 80 gebr nötigen Anwendungsaufgaben, durch die das 
Gelernte gewissermaſgen aus dem starren in den beweglichen Zustand 
übergeführt wird und 80 erst die rechte Gebrauchsfähigkeit erlangt. 
In der Psychologie von de Raaf finden wir dagegen eine klare me- 
5. Aufl. 1901. 
10 
1) Bern, Verlag von Schmid & Francke.
	        

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