Full text: Vom Büchertisch - 1903 (12)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den -Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Januar, 1903. 
FRIEDRICH MANN. 
Inhalt: Zur Literatur der Pädagogik. Rein, Pädagogik in systematischer Darstellung, Muthegius, Die Lehrpläne. 
Nr. 1. | 
Ders., Würdigung der neuen 
preuſsischen Lehrpläne und Prüfungsordnurgen. -- Zur Literatur des Deutsch-Unterrichts. Heinemann und Y Schröder, Erstes Lesebuch. -- Zur 
Litteratur der Geschichte. Fritzsche, Die deutsche Gegchichte in der Volksschule. Bengel, Quellenbenutzung beim Geschichtsunterrichte. Krieger, Sieben 
Tage am Hofs Friedrich Wilhelms I. Juinz, Die heilige Feme, - Zur Literatur der Formenkunde, Zeilsig, Präparationen für Formenkunde. -- Neu 
erschienene Bücher, 
zur Literatur der Pädagogik. 
Rein, Dr. W., Professor an der Universität Jena, Pädagogik in 
SyStematischer Darstellung. 1. Band. Langensalza, Hermann 
Beyer & Söhne (Beyer & Mann), 1902. Preis brosch. 10 M, eleg. 
geb. 12 M. 
(Besprochen von MARX LoBSIEN.) 
Wenn man aus dem Umstande, daſs über einen Gegenstaud viel 
geredet und gegchrieben wird, den Schluſs ziehen darf, daſs er Sich 
besonderen Interesses, besonderer Pflege und begsonderer wissenschaft- 
licher Forschung erfreut, 80 darf man das ganz gewiſs heute bezüg- 
lich der pädagogischen Wisgenschaft tun. Welch eine gewaltige 
Hochflut der Literatur! Gewils -- viel Unreifes, Haibes, Schiefes ist 
darunter, viel Spreu! Wo so viele Arbeiter einreiſgen und bauen, da 
gibt's viel Schutt. Aber 8schon die Tatgache an zgich, daſs sich 80 
viele Hände regen, muſs mit lebhafter Freude erfüllen. Solcher 
Ernst, solcher Eifer kann vicht spurlos im Sande verlaufen. 
Gegenüber diegem Reichtum möchte man geneigt gein, die Frage, 
die Professor Rein in der Einleitung zu Seinem umfänglichen neuesten 
Werke: Pädagogik in systematischer Darstellung an die Spitze stellt: 
»Eine neus Pädagogik« ? in ablehnendem Sinne zu beantworten. Irotz- 
dem belehrt eine Rundschau über die vorhandenen pädagogischen 
Werke, daſs in der Tat noch eine Lücke vorhanden war, die der Aus- 
füllung barrte, daſs für das vorliegende Werk, die systematische Dar- 
Stellung der Pädagogik ein dringendes Bedürfnis vorlag. »Denn in 
welchem der vorbandenen pädagogischen Werke, die eine Systematische 
Darstellung des Gesamtgebietes bringen wollen, findet sich eine zu- 
Sammwenhängende, in Sich begründete Lehre ungeres Bildungswegens ?« 
Wo findet gich ein Werk, dals in 80 umfaggender Weise Sämtliche öffent- 
liche und private Veranstaltungen auf dem Gebiete der Bildung ein- 
gSchlieſslich der Erziehung ins Werk gegetzt worden sind, teils noch 
ins Werk gegetzt werden müggen, in den Rahmen Seiner Darstellung 
zieht ? Wo findet zich ein Werk, daſs 8o, frei von jeglichem utopistischen 
Meinen, auf dem Boden der Gegenwart fuſst, das 80 klar aufweist, 
welche wichtige Rolle das Bildungswesen in ungerer nationalen Arbeit 
überhaupt spielt, das 80 deutlich aufweist, »dals die Bildungsangelegen- 
heiten ungeres Volkes mit all! unzeren nationalen Arbeiten und Zielen 
gehr innig und gehr tief zusammenhängen, gie fördernd, stützend, 
weiter führend von den gegebenen Grundlagen aus und zwar in 
inniger Verbindung der historischen mit der pbhilosophischen Be- - 
trachtung ? Wo endlich findet 8ich ein Werk, das zich gleicher 
klagsischer Rube and vornehmer Sprache rühmen dürfte ? 
Oder ist eine Systematischbe Darstellung der Pädagogik über- 
flüSSig oder gar gegenüber den vielen widerstrebenden Meinungen 
verfrüht ? Ein System einer Wisgenschaft für ewige Zeiten Schreiben, 
hieſse entweder ein Kuckuckheim bauen, in dem gich nur mülsige 
Spekulanten wohl fühlen können oder Gewalt an Stelle der Wahrheit 
Setzen. Beides richtet unerbittlich die Geschichte. Auch ist nicht 
jedes Entwicklungsstadium einer Wisgenschaft für eine Systematische 
Darstellung reif, es Sind immer Zeiten des Besinnens, die eine Epoche 
mehr oder minder deutlich abschlieſsen und Keime zu erneuter Ver- 
tiefung bergen, die einer wertvollen Systematik günstig waren. Sie 
Schaut im Lichte der Erfahrung und der Geschichte Sinnend rück- 
wärts, hoffend, unterweiSend in die Zukunft. Das System steht 80 
in innigstem Zugammenhange mit dem Leben. Es Setzt 
voraus, daſs man auf Grundlage der Erfahrung Sich über die Macht, 
aber auch die Grenzen der Erziehung unverfälscht unterrichte. Er 
überblickt die Reibe der mitbestimmenden Faktoren, der unbewulſsten, 
wie der bewuſsten in Familie, Staat und Kirche. Diegen Bestrebungen 
 
 
 
 
gegenüber macht sich das Bedürfnis geltend, »einen Standort zu 
finden, der ausgleichend wirken und, die berechtigten Ansprüche an- 
erkennend, eine friedliche Zugammenarbeit dieser Faktoren herbei- 
führen könne. Diegen Standpunkt hat das System der Pädagogik zu 
bestimmen, indem es klare Begriffe aus dem Wirrwarr bloiser 
Meinungen heraugarbeitet . ... Klare Begriffe, zu einem System ge- 
ordnet, Sind wie Magchinen, welche schwierige und verwickelte Auf- 
gaben vereinfachen und damit überwinden.« (27.) 
Oder ist etwa eine Systematische Darstellung des Bildungswesens 
gegenüber den pädagogischen Eneyklopädien, insonderheit gegenüber 
der von Prof. Rein herausgegebenen, die demnächst in 8 Bänden in 
zweiter Auflage vorliegen wird, überflüssig ? »Diese Werke«, führt 
Prof. Rein aus (S. 39) »dienen vor allem dem Stoffwisgen . .. So 
Schätzenswert gie Sind, ingofern gie mit ihrer gründlichen Bearbeitung 
einzelner Themata willkommene Nachschlagebücher abgeben, 80 wenig 
können Sie doch das Bedürfnis einer systematischen Darstellung be- 
friedigen, da gie ibrer ganzen Anlage nach nicht auf eine durch- 
gehende Einheit berechnet Sein können. So tritt neben dem materiellen 
Bedürfnis auch der Wunsch nach organischer, architektonischer Be- 
handlung, der Wiggenschaft hervor . . . Das System ist eine General- 
karte des pädagogischen Arbeitsgebietes . . . es soll aus der Ldee der 
Erziehung heraus die Linzelteile, die das Ganze ausmachen, ent- 
wickeln und im inneren Zusammenbange der Probleme darstellen, 
wobei alles Wertvolle zu berücksichtigen ist, was die bisherige Arbeit 
hervorgebracht hat.« 
Die vorliegende erneute Systematische Darstellung der Pädagogik 
izt eine Notwendigkeit, Der Name aber des hochverdienten Verfassers 
zuzamt dem Umstande, daſs die Darstellung ruht auf der Grundlage 
Seiner Encyklopädie, in der die bedeutendsten Fachmänner ihr Wert- 
vollstes niedergelegt haben, berechtigt zu der Erwartung, daſs uns 
hier eine systematische Pädagogik geboten werde, welche die ver- 
wandten Darstellungen weit hinter Sich zurückläſst. 
Es ist unmöglich, den reichen Inhalt des gegen 700 Seiten 
Starken Bandes auf engem Raume allseitig zu würdigen. Ich be- 
Scheide mich, hier und dort charakteristigche Zugammenhänge heraus 
zugreifen, in denen, wie ich hoffe, Sich doch die Eigenart des Werkes 
deutlich genug widerspiegeln werde. 
Aus der Einleitung nur einige Gedanken! Ist die Pädagogik 
eine Wiggenschaft oder eine Kunst? »In dem Sinne, dals die Päda- 
gogik das Leben mit gestalten hilft, mag ihr die Bezeichnung einer 
Kunst zufallen. Dabei aber darf niemals vergesgen werden, daſs das 
rechte Können durch ein gicheres Wissen getragen werden muſs. Die 
Kunst bewährt gich im Handeln ; dieses aber Sucht Seine Begründung 
in wisgenschaftlichen Lehrsätzen« (46). Sowohl das Objekt, wie der 
Endzweck geiner Tätigkeit treiben an, derselben einen wigSenschaft- 
lichen Rückhalt zu geben. (48.) Die Pädagogik ist alles andere als 
ein Konvolut gubjektiver verschiedener Meinungen. (50.) In der Tat, 
die Behauptung, die Pädagogik sei in erster Linie Kunst, nicht 
Wisgenschaft, läſst der Willkür der Subjektiven Erfahrung, die doch 
als einzelne 80 gut wie keinen Wert hat, Tor und Tür offen, oder, 
und das bedenken die meisten Verfechter dieser Ansicht nicht, zie 
stempelt 90%, aller Pädagogen zu Dilettanten verschiedenen Grades 
--- die Natur war mit ihren Gaben auch hier nicht verschwenderisch. 
Dem gegenüber mülste man doch, den gegebenen Verhältnisgen 
Rechnung tragend, geneigt ein zu agen: Die Pädagogik ist in erster 
Linie Wiegenschaft, in einzelnen gottbegnadeten Pädagogen eine 
Kunst. Es ist gehr erfreulich, daſs hier wieder gründlich mit dem 
Irrtum aufgeräumt wird. 
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