Full text: Vom Büchertisch - 1903 (12)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Juni, 1903. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 6. 
Inhalt: Zur Literatur des Religioneunterrichts. Baumgarten, O. D., Neue Bahnen. -- Zur Literatur des erdkundlichen Unterrichts. 
Steckel, Das Vaterland. Grundscheid, Vaterländische Handels- und Verkehrsgeograplhie. 
Oertel, Amerika. Trunk, Hans, Die Angcbaulichkeit des geographischen Unterrichts. 
Zeitschriften. --- Neu erschienene Bücher. 
Zur Literatur des Religionsunterrichts. 
Baumgarten, 0. D., Professor der Theologie an der Univerität 
Kiel, Neue Bahnen. Der Unterricht in der christlichen 
Religion im Geist der modernen Theologie. Tübingen und 
Leipzig, Mohr, 1903. 
Wieder eine Schrift zur Reform des Relligionsunterrichts. 
Die Bewegung ist in erfreulicher Weise im Wachsen. Zu 
den pädagogischen Stimmen, die geit dreiſsig Jahren die 
Reform dringend befürworteten und eifrig dafür kämptten, 
treten nunmehr die theologischen hinzu, die bis dahin im 
Banne einer unglaublich rückständig gebliebenen Univergitäts- 
Katechetik Standen mit ihren praktischen Einzelübungen, die 
bei dem Kenner nur ein Lächeln hervorrufen können. 
Daſs Prof. Baumgarten-Kiel denen zich angchlieſst, die 
»neue Bahnen« Suchen, kann nur hoch willkommen geheilsen 
werden. Seine Schrift haben wir freudig begrüſst, aber -- 
wir gestehen es von vornherein --- mit teilweiser Enttäuschung 
aus der Hand gelegt. 
Das Buch ist für den Verfasger höchst charakteristisch. 
In geiner Brust wohnen zwei Seelen: eine moderne und eine 
mittelalterliche, Nach Seiner impulsiven Art dominiert bald 
die eine, bald die andere. In der vorliegenden Schrift gind 
die Rollen 80 verteilt, dals im ergten, kritischen Teil die 
moderne, im zweiten, pogitiven die mittelalterliche Seele 
herrgebt, Zwigchen beiden ist Kein Zugammenhang. Das 
ist der Grundfehler des Buches. Es dürfte gich nicht nennen: 
Neue Bahnen; denn es gind alte Geleige, die der Verfasger 
befährt, auf altem, brüchig gewordenem Unterbau. Hier ist 
der freiblickende Verfasger, dem ich mich in herzlicher Zu- 
neigung verbunden fühle, in einer merkwürdigen Selbst- 
täuschung befangen. Er glaubt »neue Bahnen« zu gehen und 
Steckt doch tief drin in all dem, was er in Seinem ersten 
kritiechen Teil bekämpft. 
Das 1ist der Eindruck, den ich von dem Buch empfangen 
habe. Wenn Prof. Baumgarten die Kongequenzen Scharf 
gezogen hätte aus den Kritischen Ergebnisgen des ersten 
Teiles, 80 würden die »neuen Bahnen« in der Tat einen 
neuen Weg bedeuten. So aber hat er nur an einzelnen be- 
Sonders Schadbaften Stellen ein wenig friechen Kies auf- 
gegchüttet, ohne gich an den Gegamtbau beranzuwagen. 
Für einen Theologen mag dies Ja begonders Schwierig 
Sein. Mit Jedem überlieferten Wort verbindet gich ihm eine 
Fülle traditioneller Begriffe, mit denen Seine Nervenbahnen 
in langer Arbeit ausgegschliffen und geine Ganglienzellen ge- 
füllt Sind. Von dieger Fracht kann er gich 8chwerer be- 
freien, als ein anderer. Sie bedeutet ibm das Schwergewicht 
Seines inneren Lebens, Hierin fühlt er gich einig mit geinen 
Berufsgenosgen, die ingofern auch einen Druck auf ihn aus- 
üben. » Was werden gie zu meinem Vorgehen gagen«, das ist 
die stille Frage, die gich an die Füſe des reformierenden 
Geistlichen unwillkürlich heftet und wie ein Schatten ihm 
folgt. Wir Deutsche Scheinen begonders abhängig von Solchen 
Rückgichten zu gein, wie Ja auch ungere Bureaukratie vielfach 
zeigen Kann. 
Prof. Baumgarten-Kiel Steht dem Hergebrachten zwar 
weit freier gegenüber, als viele geiner Kollegen. Das bildet 
das Anziehende Seines Wegens und Sgeiner Schrift, Aber doch 
 
Rugch, Lehrbuch der Geographie. Doiwa, Johann, Präparationen. 
Wulle, Erdkunde, Hupfer, Methodik des geogtaphischen Unterrichts. -- 
konmte er gich nicht völlig frei machen. Zu Seiner theo- 
retigchen Eingicht palst die praktische Ausführung wie die 
Faust auf das Auge. Das Sei in Kürze nachgewiesen. 
Vortrefflich, gagte ich, ist der erste KritiSche Teil. Was 
in 8 4: Die Anklagen der Pädagogik, zusammenfasgend dar- 
gelegt wird, ist 80 überzeugend, daſs wir es beinahe Wort 
für Wort unterschreiben möchten. (Daſs auf Seite 13 oben 
bei den »Konzentrationstabellen« ein arges Miſsverständnis vor- 
liegt, ist dem Kenner der Sache offenbar.) 
Ebenso Stimmen wir dem 8 5 »Die Anklagen des Wahr- 
heitsSinnes« vollständig bei 
Auf Seite 26 beginnt der positive Teil der Schrift. Mit 
Recht bahnt Sich der VerfasSer hier damit den Weg, daſs er 
zunächst den notwendigen Inhalt des Unterrichts festzulegen 
Sucht. Was Soll ungere chrisfliche Jugend an religiöSgem 
Glaubensgehalt erhalten, dies ist die erste Frage. Eine weitere 
Schlieſst gich daran an: Wie goll gie ihn erhalten. 
Prof. Baumgarten beschreibt daher zunächst in 8 6 das 
Wegen des Christentums. Sehr ansprechend 1ist dabei das 
Prinzip, von dem er ausgeht: »Es ist deutsche Unart, zweier- 
lei Gedankengänge, verschieden orientierte GrundSätze, doch 
unter einem Obergedanken zugammenfasgen zu wollen« (S. 29). 
Deghalb gtellt der Verfasger die Grundzüge einzeln dar, die 
nach ihm das Wegen des Christentums ausmachen: Sünde 
und Gnade, Schickgal und Vorgehung, SelbstJeben und Leben 
im andern. Auch diesgen Partien bin ich willigen Herzens 
gefolgt, namentlich dem, was unter 6 (S. 35 ff.) geschrieben 
Steht: Stellung zur Christologie. Und weiterhin: die Stellung 
des Christentums zum Staat, zu Kultur und Bildung, zum 
Fortgehritt in Sitte und Kunst -- alles trifft anf volles Ver- 
Ständnis bis zu der Herbartischen Formel am Schluſs des 
IL Teiles hin: »Der Unterricht hat Weitherzigkeit mit Festig- 
keit zu verbinden, mit andern Worten Vielseitigkeit des Kultur- 
interesges mit Charakterstärke religiöger Sittlichkeit. < 
Aber mit dem II Teil, in dem die »neuen Bahnen« 
Sich offenbaren Sollen, beginnt unsgere Verständniglogigkeit. 
Zwar aus dem 8 8, der den »Mutterunterricht« behandelt, 
können wir noch wertvolle Anregungen empfangen, aber mit 
dem 8 9 »Der Schulunterricht« (S. 60--80) stellt Sich der 
Schärfste Widerspruch ein. 
Der Verfasger gagt gelbst S. 63 in Bezug auf die Unter- 
Stufe: »So bleibt es wegentlich bei der Schon herrschenden 
Methode, aus dem Zusgammenhang gelöste einzelne biblische 
Gegchichten zu bieten.« Wo bleiben da die »neuen Bahnen«? 
Vielleicht finden wir gie in den Vorgchlägen für die 
Mittelstufe? Wir haben gie vergeblich gesucht. Auch hier 
alte, allbekannte Geleise. Und aaf der Oberstufe? Desgleichen. 
Warum aber hat dann Prof. Baumgarten Sein Buch 
gegchrieben? Um zu zeigen, daſs wir aus den alten Bahnen 
trotz besgerer Eingicht nicht berauskommen können? Beinahe 
Scheint es 80. Am deutlichsten tritt der Widerspruch bei 
der Auffasgung des Lutherschen Katechismus hervor. Es 
wird eine gehr gcharfe Kritik an dem Buche geübt (S. 69 ff.), 
ja es wird als Schulbuch rundweg verurteilt unter Hervor- 
hebung des Zweifels, ob die Kirche, die Gemeinde überhaupt 
formulierte Bekenntnisse brauche und die Orientierung am 
neuen Testament nicht genüge. Und der Schluſs? »Ubrigens 
iSt das altehrwürdige Symbol um geines Alters und um der 
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