Full text: Vom Büchertisch - 1903 (12)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unferricht, 
Herausgegeben von 
Tuli, 1903. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 7. 
 
Inhalt: Zur pädagogischen Literatur, Lay, Dr. W. A., Experimentelle Didaktik. Rude, Adolf, Rektor in Nakel a./Netze, Metbodik des ge- 
gamten Volksschulunterrichts, -- Zur Literatur des erdkundlichen Unterrichts. 
Wegweiser für die deutschen Schutzgebiets in Afrika, der Südsee und Ostagien. 
Schienene Bücher. 
Zur pädagogiSchen Literatur. 
Lay, Dr. W. A, Experimentelle Didaktik. Ihre Grund- 
legung mit begonderer Rücksicht auf Muskelsinn, Wille 
und Tat. I. Allg. Teil. Wiesbaden, Nemnich, 1903. XI] 
u. 595 S8. Preis ? 
Dieger erste Verguch einer umfänglichen Darstellung ex- 
perimenteller Didaktik ist ein kühnes Unterfangen in einer 
Zeit heftig Sich befehdender Meinungen auch unter denen, 
die von der Notwendigkeit und Möglichkeit einer Solchen 
überzeugt Sind. Die Arbeit bedeutet aber, das ist meine 
feste Überzeugung, zunächst für die mancherlei zerstreuten 
und -- zerstreuenden -- experimentell - pädagogiSchen Be- 
Strebungen, dann aber auch für die fernerstehenden päda- 
g0giSchen Kreise, einen ernsten Anstoſs, -- dort zum Zu- 
Sammengehluſs, hier zur ReviSion mancher, ja vieler lieb- 
gewordener Meinungen. Den Dank wird man aber hüben 
wie drüben dem Werke wisgen, daſs es von einem neuen 
Gegichtspunkte aus die Schnuldidaktik beobachten lehrt, daſs 
es nachdrücklichst das pädagogische Gewisgen gchärft für die 
Wahrheit: die motorische Seite des menschlichen Wegens 1st 
bislang nicht entfernt ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt 
worden. Eine lebhafte Diskusgion über die vorliegende 
Arbeit in der pädagogischen Pregse wird auch eine Schwache 
Prophetengabe vorausgagen, und ein Freund experimentell- 
pädagogischer Untersuchungen wird 8ie nur von Herzen 
wünsgchen können. Es geil mir gegtattet, eine Befürchtung 
vorweg zu betonen: Möglich ist, daſs der Gedanke, ob die Didak- 
ük als Ganzes experimentell zu begründen gei, zu vielen 
unfruchtbaren Erörterungen Anlaſs geben werde, während 
doch das Experiment, geiner Natur entsprechend, natürliche 
Grenzen hat, die wohl eine Reform auf vielen Gebieten, 
nicht aber eine allseitige Begründung der Didaktik gestatten. 
Übrigens wird dem aufmerksamen Leger Schon der, trotz des 
Umfangs, apboristigche Charakter des Layschen Werkes, 
darüber keinen Zweifel lassen. Ein zweiter Umgstand, der in 
der Beurteilung des Layschen Werkes gich Störend erweigen 
wird, iSt der fundamentale Typenunterschied. Der ausge- 
Sprochene Akustiker wird Sich ganz anders ablehnend der 
» experimentellen Didaktik« gegenüber verhalten, wie etwa 
der Motoriker, wird unter Umständen geneigt sein den moto- 
riechen Anschauungen und Vorstellungen nur einen unter- 
geordneten Wert zuzusprechen. Ähnlich wird der Optiker 
Sich dem Motoriker Lay gegenüber verhalten. Wir haben 
heftige Kämpfe, die letzten Endes aus den verschledenen An- 
Schauungs- und Getdächtnistypen gich erklären, des öfteren 
Sich abspielen gehen. 
» Der vorliegende erste, allgemeine Teil der experimen- 
tellen Didaktik möchte über die Vorausgetzungen, das Wegen, 
die Bedeutung und die Durchführung der experimentellen 
Forschungsmetbode auf dem Gebiete der Didaktik theoretisch 
und praktisch orientieren, zur praktischen Anwendung der- 
Selben aufmuntern und diege erleichtern. « Zu diegem Zwecke 
bietet er kinderpsychologische, psychologische und erkenntnis- 
theoretische, ethische, äsSthetische und religiöge, pathologische 
und hygienische Tatsachen und Literaturangaben Soweit gie 
dem Unterrichte und gseiner experimentellen ErforSchung zur 
| Zeit als allgemeine Grundlage dienen Können. 
 
 
 
Trommnau, Lehrbuch der Schulgeographie. Köz.le, Joh. Fr., Neuer 
Wende, C., Deutschlands Kolonien in 12 Bildern. -- Zeitschriften. -- Neu er- 
Nicht bloſs 
die deutsche, Sondern auch die französiSche, engliSche und 
amerikanigche Literatur wird dabei gebührend gewürdigt. Im 
unmittelbaren Anschluſs an die grundlegenden Tatsachen 
werden dann die Ergebnisse experimenteller Forschung mit- 
geteilt, didaktische Probleme gestellt, Mittel und Wege zur 
Lögung durch Beobachtung und Experiment angegeben und 
eine Reihe --- nicht aber erschöpfende -- von didaktischen 
Beobachtungen und Versuchen nach Entstehung, Durchführung 
und praktischer Verwertung als typisSche Beisplele bis ins 
einzelne dargestellt. Neu veröffentlicht der Verfasser hier 
einige experimentelle Untersuchungen: 1. über Sprach- 
bewegungsvorstellungen im mündlichen Unterricht, 2. im Ge- 
Sangunterricht, 3. über AuffasSung von Formen, 4. über An- 
Schauungs- und Gedächtnistypen, 5. über das psychische 
Tempo und die psychische Energie im Verlaufe der Tages- 
und Jahregzeiten. Ein Schluſskapitel belehrt über Wesen und 
Bedeutung der experimentellen Forschungsmethode. 
Neben der nachdrücklichen Betonung der Bedeutung der 
motoriSchen Vorstellungen in allen didaktischen Malsnahmen 
erachte ich als die wertvollsten und wohlgelungensten Ab- 
Schnitte des Layschen Werkes: 1. diejenigen, welche 
handeln von den Angchauungstypen, 2. von der Perilo- 
dizität in der Leistungshöhe. Die letzteren Sind leider 
nicht erschöpfend, nehmen keine Rücksicht auf die Unter- 
Suchungen Prof. Schuytens- Antwerpen: Over de toename 
der Spierkracht by] kinderen, Paed. Jaarboek 1900. Bd. Ll 
Ders.: Kingjekracht variatie en verstandsentwikkeling. Bd. 3. 
1902. Ders.: Schwankungen der Aufmerksamkeit. Jaarboek 
1900. 8. 183 f. Ferner darf ich wohl anch auf meine 
Untersuchungen über: Schwankungen der psychiSchen Kapa- 
zität -- (Sammlung von Abhandl. von Schiller und Ziehen 
Bd. V, Heft 7, 1902) hinweisen. Im Interesse des Buches 
und der Sache möchte ich einen Augenblick bei diegen 
beiden Angelegenheiten Stehen bleiben. Ausdrücklich betone 
ich jedoch vorweg, daſs ich auf die Angriffe gegen die 
Herbart-Zillersche Pädagogik nicht näher eingehen werde, 8ie 
enthalten für die Leger dieser Zeitschrift nichts neues. 
Experimentelle Untersuchungen auf Sprachlichem wie 
Sachlichem Gebiete beweisen zur Evidenz das Vorhandensein 
verschiedener Anschauungs- und Gedächtnistypen, ausgeprägte 
Hörer, Seher und Schreiber, in mannigfachster Adbtonung. 
Daneben gibt es eine Reihe von Mischformen. Selbstredend 
kann man Strenggenommen pur von MisSchtypen reden, das 
Auggelögchtsein dieser oder jener Wegensgeite ist lediglich 
pathologisch zu werten; wohl aber gibt es Typen, d. h. ein 
gradweise verschieden starkes Prävalieren dieser oder jener 
Seite, das Urgache der individuellen Verschiedenheiten 1st. 
Es ist erwiegen, daſs die Typen nicht pädagogisch gleich- 
wertig gind; (vergl. anch: Über den relativen Wert ver- 
Schiedener Gedächtnistypen vom Ref. Päd. Mag. Heft 190), 
Sicher aber ist, daſs ein Verkennen der individuellen Be- 
Sonderhbeiten, ein Aufzwingen des Typus, dem der Lehrer 
angehört, in Unterricht und Hodegetik für die anders ge- 
arteten Schüler eine Schwere Benachteiligung bedeutet. Ge- 
wiſs iet die Akkomodationsfähigkeit der Jugend groſs, aber 
man darf niemals vergessen, daſs es Sich hier um ererbte 
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