Full text: Vom Büchertisch - 1903 (12)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
September, 1908. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 9. 
 
Inhalt: Zur Literatur des Religiongunterrichts. 
Zur pädagogiSchoeon HLhiteratur. 
Besprochen von Dr. HoRsT KÄEFERSTEIN. 
Aus der Reihe der vornehmsten Vertreter der Pädagogik 
des höheren Schulamtes ist uns geit Jahren begonders der 
Verfagger des hier anzuzeigenden Werkes 
Münch, Wilhelm, Geist des Lehramts. Line Hodegetik für 
Lehrer höherer Schulen. Berlin, Verlag von Georg Reimer, 
1903 
wohl bekannt. Was wir auch an pädagogischen Schriften 
von ihm empfangen mochten, trug den Stempel nicht minder 
tiefster Erfasgung der aufgeworfenen Probleme aus dem 80 
reichen und viel verzweigten Gebiete der gegamten Er- 
ziehungs- und Unterrichtslehre, als eines wahrhaft wohltuenden 
warmen Empfindens für das allseitige physiSche wie geistig- 
gittliche Heil des Kindbeits- und Jugendalters. Der VerfasSer 
beherrscht nicht minder die Kenntnis der Gegchichte der 
Pädagogik alter wie moderner Kulturvölker, als diejenige der 
gegenwärtigen Bewegungen auf dem Gebiete des deutschen 
wie auſsgerdeutschen Schulwegens; läſst er uns doch in die 
erziehlichen Ansgchaunngen unsgerer Nachbarn diesSeit wie 
jengeit des Ozeans lehrreiche Blicke werfen, ohne Jede Vor- 
eingenommenheit für oder wider das Fremde und Bigne. 
Bei Behandlung aller Schwierigeren Probleme der Didaktik 
bezw. Methodik zieht er die zeitgenösSischen theoretischen 
Arbeiten begonders aus der Schule Herbarts mit völliger Ob- 
Jektivität heran, Setzt Sich mit deren Anschauungen wie nach 
pSyYchologischer 80 nach rein didaktischer Seite in wohl be- 
gründender Weise augeinander. Den psychologischen Fragen 
werden bei Erwägung der vergchiedensten Kapitel aus der 
Unterrichts- wie Erziehungslehre die eingehendsten Dar- 
legungen gewidmet. Und wie wohltuend mutet es uns an, 
wenn wir einen Vertreter der höchsten Schulbehörden Preuſsens 
u. a. bei Erörterung der 80 Schwierigen Grundsätze für die 
Handbabung des Religionsunterrichts auf dem Standpunkte 
eines völlig unbefangenen edlen Freimutes kennen lernen. 
Dem Charakter einer »Hodegetik für Lehrer höherer 
Schulen« weils der Verfasger in geltener Weise durch die 
ausnahmslos taktvolle feine Darlegung der mannigfachen Auf- 
gaben und Pflichten, der etwaigen Verfehlungen und Mängel, 
wie der Vorzüge und Rechte der im Schulamte Stehenden 
gerecht zu werden. Wie trefflich versteht dieger Führer 
durch das Lehramt die allem schablonenhaften und bureau- 
Kratisch - Seelenlogen Schnildienste fern stehende Berufsarbeit 
ins Detail hinein zu zeichnen und damit zur vertieften Auf- 
JasSung vom Lehr- und Erzieheramt anzuregen. 
Die vom VerfasSer behandelten Kapitel tragen folgende ; 
Überschriften: 1. Der Charakter des Amtes. 2. Vom Wegen 
der Erziehung. 3. Charakter der Erziehung. 4. Vom Ob- 
jekt der Erziehung. 5. Hauptwege der Erziehung. 6. Die 
Mittel der Erziehung im einzelnen. 7. Die neue Organisation 
der Erziehung. 8. Zur äuſgeren Organigation der Erziehung. 
9. Wegen des Unterrichts. 10. Zur Organigation des Unter- 
richts. 11. Methode des Unterrichts. 12. Technik des Unter- 
richts. 13. Zur Kunst des Unterrichts, 14. Hauptfragen 
des Fachunterrichts. 15. Lehrer und Schüler. 16. Sonstige 
Lebensbeziehungen des Lehrers. 
Aus den folgenden Stellen des Buches, in denen von dem 
 
Münch, Wilhelm, Geist des Lehramts. -- Zeitschriften. 
religiögen Charakter des Erziehers und der religiöSen Er- 
ziehung die Rede ist, Sodann die fein individualigierende Be- 
handlung von Schülertypen gezeigt und die Kungst des Prüfens 
entwickelt wird, mag der Leger ergehen, mit welch tief in 
Seine Probleme eindringenden, psychologisch durchgebildeten 
und wahrhaft human denkenden Pädagogen er es zu tun hat. 
(S. 33): Bestimmte Forderungen an den Lehrer hingicht- 
lich Seiner religiöSen Gesginnung müſsten gich kraftlos er- 
weiligen vor dem überstarken Strom freierer Denkweise. Wer 
dem durch Selbständige akademische Studien Lhindurch- 
gegangenen, durch Denken und Suchen zu einer Weltan- 
Schauung gelangten Manne das Recht zu einer Solchen ab- 
Sprechen wollte, der Stände zu tief unter den VorausSetzungen 
der Gegenwart. Der Kampt auch der religiöSen Angehauungen 
untereinander ist 80 kräftig und frei, daſs dem gegenüber 
nur Ignoranz oder eine Art von geistiger Selbstverstockung 
Üniformität verlangen und Einschnürung versguchen Kann. 
Heilig Sicherlich muſs dem Jugendlehrer die Jugend Sgelbst 
Sein und ihr Seelenleben, aus dem heraus Sich 80 viele 
künftige Werte bilden Sollen. Und ein heiliges Anliegen muls 
es ihm bleiben, daſs es für die Jugend überhaupt ein Heiliges 
gebe, für ihr Innerstes nämlich nicht bloſs für ihr Ohr, ihren 
Mund und ihr Gedächtnis. So vieles von dem lange über- 
lieferten Glaubensinhalt im einzelnen, vor der bestimmten 
Durchforschung zerrinnen mochte, die grofsen Geheimnisse 
bleiben, die mengehliche Kleinheit und Schwäche bleibt, das 
Bedürfnis der Anknüpfung des individuellen Lebens an das 
Absolute bleibt oder Soll bleiben, es bleibt die beschwingende 
und allein endgültige Siegreiche Kraft persönlichen Glaubens. 
Weitherzigkeit gegen religiöge Überzeugungen wird dem 
wisSengchaftlichen Lehrer nicht übel ansteben. 
(S. 107ff.): Als letzte der Anforderungen an den Cha- 
rakter der Erziehung sei aufgeführt, daſs gie christlich Sein 
Soll. Dies Wort wird mit gehr verschiedenem inneren Accent 
gesprochen. Nicht leicht wird Jemand, der aus christlicher 
Sphäre stammt, den Charakter des Christlichen von der Er- 
ziehung ausgeSchlosSen wisSen wollen, aber wie weit liegen 
die AuffasSungen dessen augeinander, was man darunter Yver- 
Standen wissen möchte, worin man das Christliche verwirkKk- 
Hcht gleht! Nicht etwa bloſs unter den Pädagogen, oder 
unter diesen nur, weil Sie eben auch als Gebildete und Den- 
kende an dem inneren Suchen, an den Strömungen, Fragen 
und Krigen der Zeit Anteil haben. Eine gubjektive Über- 
zeugung mit leichter Zuvergicht vor der Welt zu prokla- 
mieren, muſs ihnen ferner liegen, als beliebigen anderen ; 
dazu ist ihre Verantwortung zu grofs. Aber andrergeits wird 
es Ihnen auch widerstreben, nichts als gebundene Organe zur 
Überlieferung eines objektiv fixierten Glaubenginhalts zu Sein. 
Ohne wirklich persönliche Überzeugung, ohne einen tatsäch- 
lichen Gebalt an religiög-idealem Innenleben wird kein Er- 
zieher die im letzten Gründe wünschenswerte Anregung 
geben. Doch 1ist auf diesem Gebiete mehr als anf jedem 
anderen die Einwirkung der frühsten Jahre und der intimsten 
Umgebung fast immer entscheidend. Den Zöglingen der reiferen 
Jugendjahre und der höheren Stufen gegenüber wird es 
Schwerlich ein Schade Sein, wenn auch der Erzieher gewissen 
Gebieten gegenüber als ein bloſs Ahnender und Suchender 
fühlbar wird. Wer die Wirklichkeit weithin beobachtet, kann 
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