Full text: Vom Büchertisch - 1903 (12)

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Entwicklungsstadium hineingetragen werden könnte, aber das 
iSt Anguahme und wird Sich oft als nur vorübergehend er- 
weisen. 
Es fehlt dem Religionslehrer nicht an grofsen Vorteilen. 
An das Innerste der Herzen Sich zu wenden und es dabei 
mit einem Lebengalter zu tun zu haben, in dem man ins 
Innerste noch verhältnismäſsig leicht hineintrifft, von allerlei 
äuſseren didaktiSchen Rücksichten frei zu bleiben (wie Vor- 
bereitung Schriftlicher Prüfungsarbeiten, mannigfaches Üben 
und Anwenden und Korrigieren), in keiner formalen Schul- 
meisterei aufzugehen, Keinen Kleinlichen Stoff zu traktieren, 
das macht die Lage des Religionslehrers zu einer bevorzugten. 
Die nicht zelten (mitunter auch von den besten Freunden 
der Sache) erhobene Forderung, diesgen Unterricht ganz anus 
den Lebrplänen ungerer höberen Schulen zu entfernen, um 
ihn der Entschlieſsung der Familien und den Organen ihrer 
religiöSen Gemeingehaft zu überlasSgen, eine Einrichtung, wie 
Sie ja im Ausglande weithin besteht und dort als Selbstver- 
Ständlich betrachtet wird, diese Forderung wird bei uns doch 
nicht bloſs aus Gründen der Überlieferung oder der Politik 
abgelehnt. Das Bildungsziel, welches ungere höheren Schulen 
Sich Stecken, erfordert ausdrücklich die Verbindung der yer- 
Schiedenen Linien, auf denen eine Einwirkung erfolgt. Es 
iet denn auch Beziehung zwisSchen dem Religiongunterricht 
und dem Sonstigen an vielen Punkten möglich, namentlich 
mit der Gegehichte und mit der Literatur, um vom Gegang 
zu Schweigen. Die Forderung, daſs der übrige Unterricht 
nie an irgend einem Punkte mit der Weltansehaunng zu- 
Sammenstoſgen dürfe, welche der Religionsgunterricht durch 
den Religionslehrer vermittelt, mag zwar einergeits als päda- 
gogisch Sgelbstverständlich erscheinen, kann aber doch auch 
wieder, je nachdem gie aufgefaſst wird, innere Schwierig- 
"keiten genng ergeben. 
Bestimmtere methodische Fragen geien hier nur flüchtig 
berührt. Keine Zubilfenehme äuſgerer Zuchtmittel, um Auf- 
merksgamkeit und Lernen zu Sichern! Mechanisches Lernen 
von Unverstandenem, leierndes Aufsagen, wortmäſsiges Plappern 
hier weniger als gendwo! Abhängigkeit des Lehrers von 
Notizen oder Lehrbuchweisheit hier ebenfalls 80 wenig wie 
irgendwo! Stoffauswahl durchaus nach Maſsgabe des Ver- 
Ständnisges, und Ton gemäſs der Weibe des Inhalts! Aber 
keine Küngtelei, kein Sülsliches Pathos, ebenso wie Keine 
triviale Manier! Verständnis des Abstrakten zu Sichern durch 
Anschauuing des Lebendigen in Beispielen und Vorgängen! 
Kein Ausbiegen von dem eigentlichen Wege in die Regionen 
oder auf die Linien benachbarter Wisgenschaften! Also z. B. 
kein philologischer Betrieb der Lektüre statt des Schlicht 
unmittelbaren. Aber auch keine vage Erbaulichkeit statt be- 
grifflicher Klarheit! Keine Pflege eines äuſserlichen Wiggens 
circa Sacra Statt der Anschauung der letzteren gelbst, kein 
verfrühtes Verweilen bei kritischen Erörterungen, aber auch 
nicht zu viel planmälgige Apologetik, die ihre Gefahren hat. 
Keine Hereinziehung der akademisch-theologischen Fragen, 
aber doch für die reifenden Jünglinge Augblicke in die Welt 
des ringenden Denkens auch auf diesem Gebiete der Schwer 
lasteuden, der immer neuen Probleme, der tiefen Hinter- 
gründe! Schon weil Sonst zu befürchten ist, daſs gich ihnen 
eine frivolere Art bietet, Sich damit abzufinden. Diege letzte 
Forderung freilich ist zur Zeit noch nichts weniger als all- 
gemein oder von den maſsgebendsten Stellen her zugestanden, 
und amtliche Lehrpläne Scheinen gich ihr noch wegentlich zu 
versgchlieſgen. Auch aulsgerdem ist manches Einzelne durch 
amtliche Normierung oder durch Überlieferung und Gewöhnung 
festgehalten, was begonnene Beurteiler Sehr bestimmt anfechten 
muſsten. So die Anknüpfung der Glaubensg- und Sittenlehre 
an die ConfesSio Augustana, die Bevorzugung des in geinen 
Hauptteilen 80 dunklen, mühgam zu durchmesgenden Römer- 
briefs als neutestamentliche Lektüre (um geiner Rolle in der 
Dogmatik der Reformatoren willen), auch die Rolle eines 
 
 
 
einene amen 
formulierten Katechismns-Unterrichts in den unteren Klassen. 
Am willigsten wird man Sich von allen Seiten dazu finden, 
die Lektüre der Bibel durchaus zum Mittelpunkt des Re- 
ligionsunterrichts zu machen, und die Möglichkeit mannig- 
fachster Auswahl aus ihr und einer ebenfalls mannigfaltigen 
und doch nicht willkürlichen Behandlung werden alle Be- 
teligten Schätzen. -- 
(S. 400): Die höhere Schwierigkeit liegt darin, alle die 
versechiedenen Schülertypen nnd Individuen Je nach dem Be- 
dürfnis ihrer Natur in Ansprüuch zu nehmen. Wenn das 
Suum enique für einen Landesregenten Keine leicht durch- 
führbare Regel ist und auch nicht für einen Richter, S0 ist 
es auf dem bescheidenen Gebiete des Unterrichts verhältnis- 
mäſsig noch Schwerer, Sofern in jedem Augenblick der rechte 
Mann für die rechte Aufgabe gewählt werden und Jeder 
Eigenart die rechte Behandlung zu teil werden Soll. Der 
geschickte und erfahrene KlasSenlehrer weiſs diese rechte 
Behandlung zu finden gegenüber den Vordringlichen (er läſst 
Sie vielfach unbeachtet), den Übereifrigen (er dämpft ihren 
Eifer mit Wohlwollen), den Aufgeregten (er ist ihnen gegen- 
über um 8o viel ruhiger), den voreilig Gedankenlogen (er be- 
Schämt gie ein wenig oder läſst Sie zuweilen ich blamieren) 
den Zerstreuten (er fragt Sie Sehr oft, wenn auch nur um 
Wiederholung des Gegagten), den Fahrigen und Fageligen (er 
zwingt gie zu recht bestimmter Art und Form der Antworten), 
den Träumerischen (er wendet gich ebenfalls häufig an Sie, 
weckt gie auf und läſst Sie etwas zusammenhängende Ge- 
dankenarbeit leisten), den Matten (er Sucht Sie ohne Schroff- 
"heit zu beleben), den Mutlogen und Ängstlichen (er zeigt 
Ihnen, daſs Sie doch anch etwas leisten Können), den 
Schwachen und Zurückbleibenden (er überläſst Sie nicht 8ich 
Selbst, Sondern begehäftigt Sie wenigstens mit Wiederholungs- 
antworten oder gSonstigen leichten Zumutungen), den besonders 
Guten (er vergiſst ihrer nicht, weil gie »es Ja doch wissen 
und können« würden, noch weniger begschäftigt er Sich mit 
ihnen vorzugsweise, weil es da am flottesten weitergeht, er 
gibt ihnen zwischendurch Schwierige Fragen), ferner gegen- 
über den Schwerhörigen (er Kontrolliert öfter, ob Sie auch 
dem Unterricht folgen konnten, fragt Sie besonders deutlich 
und gibt ihnen günstige Plätze), den Kurzaichtigen (er wirkt 
darauf hin, daſs Sie möglichst dennoch ohne Augenglas aug- 
kommen, daſs gie nicht mehr als notwendig auf ihr Buch 
Sinken, nicht kleiner Schreiben als nötig, daſs Sie von günstigen 
Plätzen aus die Wandtafel und Karte dennoch lesen können), 
den Stotternden (er läſst ihnen viel Zeit, Sieht Sie nicht mit 
gSespannter Erwartung an, läſst Sie zuerst Atem holen, wird 
durch ihre krampfhaften Anstrengungen und linkische Heryor- 
bringung nicht irgendwie erregt, hilft zuweilen ein), den 
Schlecht Anssprechenden (er nötigt Sie zuweilen nnerbittlich 
zu vollständiger und genauer Lautaussprache), den zum Spielen 
Geneigten (er gieht ihnen auf die Yinger und läſst gie die 
Hände begonders fest auf den Tisch legen), und 80 wird er 
gegen die Lachenden, die Mutwilligen, die Vorgagenden, Ab- 
legenden, Abgchreibenden Seine Mittel finden und ihnen Seine 
Aufmerksgamkeit mit Erfolg zuwenden. 
(S. 424 ff.): Die Kunst des Prüfens wird als Solche 
wohl gelten erörtert und ist doch höchst Schwierig. Daſs 
die besten unter den Wigsgenden in dieser Kunst oft Sgelt- 
Sam fehlen und stümpern, ist nirgendwo Geheimnis; mit 
dem gchönsten und klarsten Wisgen des Prüfungsstoffes 
iSt immer nur einer einzigen der Vorausgetzungen ge- 
nügt, die gchwierigeren liegen auf dem psychologisch -ethi- 
Schen Gebiete, aber auch nach der intellektuellen Seite gibt 
es noch besondere . . . Die eigentliche Schwierigkeit des 
Prüfens liegt, neben der Schwierigkeit der Fragekunst über- 
haupt, in der gleichzeitigen Berücksichtigung der Seelischen 
VerfasSung des Prüflings und der Aufrechterhaltung der 
geltenden Anforderungen. Nur ein Bruchteil der zu Prüfen- 
den verfügt während des Ablaufs rühig und Sicher über 
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