Full text: Vom Büchertisch - 1907/1908 (17)

»direkte, Schriftliche Verwertung (S. 12) der Bilderbetrachtung für 
den Aufsatz« empfiehlt der Verfasger nicht, wohl aber die »münd- 
liche Bebandlungs (S. 16); er befürchtet, daß die »unfreie methodische 
Bebandlung« des Lehrers Schaden könnte. 
Dürer, Albrecht, Das Leiden Christi. Zwölf Holzschnitte von 
Albrecht Dürer, genannt die Große Pasgion. Mit Einzelbeschrei- 
bungen von &. Zakon. Herausgegeben vom Jugendschriften- 
Ausschuß des Allg. Lehrer-Vereins Düsseldorf. Berlin W., Verlag 
von Fischer & Franke. Preis 1,20 M, im Abonnement 80 Pf. 
Als Heft 8 der Veröffentlichungen des »Hausschatzes deutscher 
Kunst der Vergangenheit« hat der Jugendschriften-AusschnBß des 
Allg. Lehrervereins Düsseldorf Soeben in dem bekannten Verlag von 
FisSscher & Franke in Berlin Dürers gewaltigste Arbeit erscheinen 
lasgen , die große Holzschnitt-Passion. Das Leiden Christi, 
das Hohelied des Schmerzes, hat ungern Dürer gein ganzes Leben 
hindurch beschäftigt; zu ihm ist er Immer wieder zurückgekehrt: 
1504 zeichnete er die 12 Blatt der 80genannten »Grünen Passion«, 
in den Jahren 1509--1511 folgten die 37 Blatt der »Kleinen Holz- 
SchnittpasSlo0n«, im Jahre 1512 ward auch noch eine »Kupferstich- 
passSion« in 15 Blatt vollendet, und Schließlich entwarf er gegen 
Ende geines Lebens, in den Jahren 1520--1526, noch einmal eine 
Folge von Passionsszenen in Querformat (H. Wölfflin, Die Kunst 
Albr. Dürers). 
Dürers Große Holzschnitt-Pagssion ist überbaupt die erste größere 
Arbeit, die ein Künstler über diesen großen Stoff geschaffen hat. 
Die ersten Blätter derselben entstanden schon am Ende des 15. Jahr- 
hunderts, also zurzeit Seiner »Apokalypse«, die 1489 vollendet war. 
Es gind die gieben Blätter: Christus am Ölberg, Geißelung, Ecce- 
homo, Kreuztragung, Christus am Kreuz, Beweinung und Grablegung. 
Erst im Jabre 1510 wurde die Folge durch vier neue Blätter: Abend- 
mahl, Gefangennehmung, Höllenfahrt und Auferstehung und das 
Titelbild für die Buchausgabe: »Christus als Schmerzensmann vor 
Seinem Peiniger« vervollständigt, Beachtet man dies, 80 erklärt gich 
ungezwungen die merkwürdige Verschiedenheit der Blätter nach 
Entwurf, Gefühlswärme und technischer Vollendung. Die früheren 
Blätter Sind zum Teil recht unvollkommen geschnitten (Christus am 
Ölberg) und oft recht überladen; aber man fühlt ihnen im Reichtum 
quellender Gestaltung und tiefen Gefühls die FrisSche erster jugend- 
licher Erschütterung durch den gewaltigen Stoff an. Dagegen gind 
die neueren Blätter meistens einfache, ruhige Situationsbilder oder 
reichbelebte Erzählungen. wie Sind glänzend geschnitten und strahlend 
im Glanze stark belebender Licht- und Schattenmassen; die Kom- 
position ist freier und übersichtlicher; die Gestalten haben nicht das 
Gebundene des älteren Stils, Steben wohliger im Raum und bewegen 
Sich bewußter. 
Wer zich mit liebevoller Geduld in Dürers große Holzschnitt- 
Pagsion hineinlebt, der wird ihren künstlerischen und mengehlichen 
Gehalt auch für die Jetztzeit bald spüren. Für Haus und Schule, 
die höhere 80wohl wie die niedere, ist das treffliche Werk in der 
vorliegenden beispiellos billigen Ausgabe warm zu empfehlen; auch 
für den Religiongunterricht ist es von hohem Wert (die Blätter haben 
ein Größe von 32 : 24 cm). Soweit uns bekannt, kostet die billigste 
Ausgabe der Großen Passion bisher 9 M (wir haben vor Jahren an 
dieser Stelle eine Ausgabe für 12 und 18 M besprochen). Die vor- 
liegende musterbafte Nachbildung kostet 1,20 M, und falls man auf 
die ganze Serie des Haugschatzes abonniert. nur 80 Pf. Schon des- 
halb wird vielen das Heft eine willkommene Gabe Sgein. 
Uhde, Fritz von, Eine Kunstgabe für das deutsche Volk 
mit einem Geleitwort von Alexander Troll. Herausgegeben von 
der freien Lebrervereinigung für Kunstpflege. Mainz, Jos. Scho]z, 
1908. 40 8. Preis 1 M. 
Als 5. Heft der »Kunstgaben in Heftform« aus dem Verlag yon 
Jos. Scholz iin Mainz, von denen wir bereits die früheren 4 Hefte 
besprochen haben, ist kürzlich zu des Künstlers 60. Geburtstage das 
vorliegende gehr gelungene Uhde-Heft erschienen. Es bringt zu- 
nächst 16 Vollbilder (Blattgröße 29 : 22 cm): 1. Selbstbildnis Uhbdes; 
2. Verkündigung bei den Hirten (die himmlischen Heerscharen in 
blendendem Licht hat Uhde nicht dargestellt; es ist der Augenblick 
gewählt, wo der Engel, auf einer Erhöhung vor den Hirten stebend, 
allein zu ihnen Spricht, in ihren Mienen Iist Freude gepaart mit 
Neugier, Zweifel und Glauben trefflich dargestellt). 3. Lasget die 
 
Kindlein zu mir kommen (Original im städt. Mugeum in Leipzig -- 
man beachte besonders die Kinder!); 4. Die Bergpredigt. Die Jünger, 
die Matthäus erwähnt, Sehen wir nicht; es ist eine der Bergpredigten 
dargestellt, die der Herr auf Seinen Wanderungen gehalten hat. 5. Die 
Jünger in Emmaus, Original im Städelschen Mugeum in Frank- 
furt a. M. ; tiefstes innerliches Erleben mit kleinster äußeren Bewegt- 
heit gind bier vereinigt. 6. Die Himmelfahrt (in der neuen Pinakothek 
zu München). 7. Komm Herr Jegus 86ei unger Gast (Original: Luxem- 
burg Museum Paris). In das bis zum Ärmlichen schlichte Stübchen 
einer Arbeiterfamilie kommt Jesus. Die ganze Gestaltung, wie bei 
Uhde 80 oft, aus der Auffassung heraus: daß das mit Inbrunst Ge- 
fühlte und Geglaubte dem inneren Auge des Künzgtlers, als wäre es 
körperbaft, Sichtbar wird. Die Menschen bleiben deshalb, wie zie 
Sind, der heilige Gast erscheint in alter, unbestimmter Tracht 80, 
wie gie Sich ihn vielleicht vorstellen können. 8. Abschied des jungen 
Tobias (Original in der Lichtenstein-Galerie in Wien). 9. Stille 
Nacht, heilige Nacht. 10. Auf dem Heimweg. 11. Ganz zur Morgen- 
arbeit. 12. Heimkehrender Landmann. 13. Im Hausgarten. 14. Die 
große Schwester. 15. Die Kinderspielstube. 16. Die Töchter des 
Künztlers. Außerdem enthält das Heft 3 Skizzen, zum Teil im Text: 
Kind aus dem Bild Tischgebet, Flucht nach Ägypten und In Ge- 
danken. Wir boffen, daß Schule und Haus das prächtige und billige 
Heft oft verwenden, auch bei der religiögen Unterweisung. 
Schöne Literatur. 
Besprochen von HZ. Grosse, Halle a. S. 
Schreckenbach, Paul, Der böse Baron von Krogigk. Ein 
Roman aus der Zeit deutscher Schmach und Erhebung. Fünftes 
Tausend. Leipzig, L. Staackmann. 406 S8. Preis brogch, 4,50 M, 
in Originalband 6 M. 
Dieger treffliche historische Roman führt uns von der Zeit der 
deutschen Unterdrückung durch Napoleon bis zur glänzenden Er- 
hebung von 1813, von Jena bis zu den großen Oktobertagen von 
Leipzig, in denen der harte Eroberer niedergezwungen wurde. Deutsche 
Art und deutsches Leben jener Epoche wird uns hier klar und un- 
verfälscht geschildert. Jene ganze Zeit mit ihrer Franzogennot und 
ihren erfreulichen Angätzen zur Wiedergeburt in Staat und Volk 
wird in uns lebendig. Als markanteste Gestalt tritt uns der Baron 
von Krogigk entgegen, eine historische Persönlichkeit, die Schon von 
Treztschke und Freytag gewürdigt worden ist. Die Charakter- 
zeichnung dieges einzigartigen Mannes, der ebenso unbändig, herb, 
Schroff und unbeugsam wie edel, liebenswert und weich gein kann, 
iSt meisterbaft. Sieben Jahre hindurch hat er von geinem SchloSse 
Poplitz an der Saale aus eine Art Kleinkrieg gegen die unbequeme 
westfälische Regierung geführt. In der Schlacht bei Leipzig fällt 
er, und unter dem Jubel über den Sieg -- »von allen Türmen der 
Gegend klangen die Glocken durch die klare Oktobernacht« -- wird 
die Leiche des »edelsten Sohnes des Saalegaues« in die Heimat ge» 
bracht, und »unter den alten Linden, die geiner Ahnen Hand ge- 
pflanzt hatte, fand er Seine Rubestätte«. Aber auch die übrigen 
Pergonen, Zz. B. geine Braut und Frau, der Kandidat des Predigt- 
amts Moldenbauer, die Halleschen Professoren Reil und Steffens, 
preußische Edelleute, franzögische Offiziere, Bauern aus der Magde- 
burger Gegend usw., Sind plastisch und glaubhaft dargestellt. Eine 
Reibe von Leiterwagen führt nach der Leipziger Schlacht alle 
transportfähigen Verwundeteten des 2. Brandenburgischen Fügilier- 
bataillons nach Poplitz; »Friederike von Krogigk (Witwe des Barons) 
wollte die Männer, die ihres Gemabls geliebte blaue Kinder gewesen 
waren, auf Seinem Schlosse gegund pflegen« (8. 405). Pfarrer Werk- 
meister in Laublingen spielt eine üble Rolle. -- Der vorliegende 
gegchichtliche Roman ist ein gutes deutsches Hausbuch, er gei für 
Volksbüchereien und Schulbibliothbeken zur Anschaffung warm emp- 
fohlen. Die äußere Ausstattung des Bandes ist musterhaft. 
Ernst, Otto, Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman. Erstes 
bis zehntes Tausend. Leipzig, L. Staackmann, 1908. 452 S. 
Preis brogch. 4 M, geb. 5 M. 
Der vorliegende Band ist die Fortgetzung des früher erschienenen 
Romans (der uns nicht vorliegt): »ASmus Sempers Jugendland, der 
Roman einer Kindheit«e und gliedert gich in drei Bücher: »Spiel und
	        

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