Full text: Vom Büchertisch - 1908/1909 (18)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Oktober, 1908. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 1. 
 
 
 
Inhalt: Zur Literatur der Pädagogik. Rein, Enecyklopädisches Handbuch der Pädagogik. Hildebrandt u. Dr. Quehl, Verordnungen betreffend das 
Volksschulwesen in Preußen. 
Zur Literatur des Deutschunterrichts. 
Kankeleit, Ungers Lieblinge in Haus und Schule, 
Boetticher, Deutsche Literaturgeschichte,. 
Pistorius, Doktor Fuchs und Seine Tertia, Ziegler, Allgemeine Pädagogik. -- 
Bliedner, Biologie und Poegie in der Volksschule, Rode, Geibel und 
der Beginn der nationalpolitischen Dichtung. Armstroff, Der Anscbauungs- und Sprachunterricht in den Unterklassen der Volkgs-, Mittel- und Töchterschulen. 
Polack, F., und Dr. Paul, Ein Führer durchs Lesgebuch. Lobsien, Die Gleichschreibung als Grundlage des deutschen Rechtschreibeunterrichts. 
Dietlein, Rudolf 
und Woldemar, und Polack, Aus deutschen Legebüchern. -- Zur Literatur des Zeichenunterrichts. Menge u. Wunderlich, Verzeichnis empfehlenswerter 
Bücher. Thieme u. Elsner, Skizzenhefte für Anfänger II, Kerres, Der moderne Zeichenunterricht in der Praxis der Volksschule, 
 
Zur Literatur der Pädagogik. 
Rein, W., Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. 
Zweite Auflage. 8. Band. Zweite Hälfte: Schwerfällig -- Stoy, 
Karl Volkmar. 3. 467-937. Das Werk ergcheint brogchiert in 
etwa 18--20 Halbbänden oder gebunden in etwa 9--10 Bänden. 
Einzelne Teile des Werkes können nicht abgegeben werden. Langen- 
Salza, Hermann Beyer & Söhne (Beyer & Mann), 1908. Preis des 
Halbbandes 8 M, des gebundenen Vollbandes 18,50 M. 
Dieges grandios angelegte, auch in der 2. Auflage überaus 8org- 
fältig ausgebaute, umfasgende Hauptwerk der Pädagogik schreitet 
rüstig dem Abschluß zu und bestärkt uns weiter in der Überzeugung, 
daß kein Kulturvolk ein gleiches, alle Gebiete der Erziehung und 
des Unterrichts meisterhaft darstellendes encyklopädisches Handbuch 
begitzt. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß abermals mit Voll- 
endung dieger Auflage an eine neue Auflage gegangen werden muß 
und 80 das Werk in Wahrheit eine stetige »ReviSion« des gegamten 
Schulwegens bedeutet. Schon diesger Halbband liefert den Beweis, 
wie wichtig es ist, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt »revidierte« Dar- 
Stellungen aus allen Gebieten zu eihalten. 
Z. B. ist ja erst in diesem letzten Jahrzehnt die »Sexualethik« 
Stark in den Vordergrund des Interesges getreten. Kein Geringerer 
als Prof. Foerster-Zürich wurde für diegen Artikel gewonnen. Aus- 
gehend von Nietzsches Bekämpfung des moralischen Dogmas, zeigt 
Foerster, daß die neue Ethik ein erschreckendes Licht wirft auf den 
Zustand der Dinge, der Kommen muß, wenn wirklich einmal jedes 
beliebige Individium mit geinem Gewissen lediglich auf Seine eigene 
fragmentarische Lebengerfahrung und Seine von Trieben und Interesgen 
80 vielfältig gebundene Vernunft Stellen -- oder gewisegen vergäng- 
lichen Zeitmoden folgen wird, statt ich durch eine große ehrwürdige 
Tradition des Echten erzieben und aufklären zu lassen. Gerade auf 
Sexuellem Gebiete ist das Individuum am stärksten der Suggestion 
ausgegetzt, die aus den Ilugionen und Bedürfnisgen des Trieblebens 
Stammen. Von dem Augenblicke an, in dem die gexuelle Ethik mit 
dem IndividualisSmus Ernst machte und gich ganz von der Führung 
der Tradition befreite, war vorauszusehen, daß gie bewußt oder un- 
bewußt eine verkleidete Philogopbie der erotischen Triebe und Phan- 
tasmen werden und die gexuelle Beziehung, die gich gelbst durch die 
Energie ihrer natürlichen Faktoren stets in den Mittelpunkt des 
Lebens rückt, nun anch theoretisch allen anderen Interesgen und Be- 
dürfnisgen der Menschennatur überordnen würde. Was ist nun auf 
die Umwertung aller Werte zu antworten? Absgsolut zu verurteilen 
Sind alle diejenigen gexuellen Beziehungen, die dem Menschen er- 
lauben, ohne Gegenwart geines tiefsten Sozialen Gewisgens zu handeln 
und gich nur als erotisches Fragment und nicht als ganzer Mensch 
zu betätigen. Die Charakterlosigkeit, die Auslieferung des Mengchen 
an die Diktatur geiner Triebe, die Erhebung der Phygis zur Gegetz- 
geberin, hat aber auch einen Fluch für die nervöge und Pphysische 
Gegundbheit des Mengchen, der noch nicht annähernd gewürdigt wird. 
Was helfen dem Mengchen alle Triumphe über die Naturgewalten, 
wenn er hier Sklave bleibt? Die geistige Bewältigung des Geschlechts- 
triebes ist ein Ziel, das alle anderen technischen Aufgaben der 
mensgehlichen Kultur an Bedeutung überragt. Zum Schluß erbofft 
der Verfasger »den heroischen Vormarsch wahrhafter Männer, die in 
ihrem pergönlichen Leben Zeugnis ablegen für die Übermacht des 
Geistes und der höheren Liebe und deren Vorbild und Bekenntnis 
mächtig eindringt in das Reich der Knechtschaft und in Tausgenden 
den Mut und die Klarheit zur Nachfolge erweckt«. 
 
Prof. Wzllmann hat wieder die Sokratische Methode einzig 
klar dargestellt. Neu ist nun ein 45 S8. starker Artikel von Locha- 
Rohrbeck über Sokrates gelbst, der namentlich mit dem damaligen 
Milieu und der Philogophie des großen Mannes bekannt macht. Gar 
Schön Sagt er am Schluss8: Gerade in Seinem Tode zeigt Sokrates 
die ganze Größe Seines Charakters, die ganze Kongequenz und Har- 
monie Seines Wegens, den Primat Sseines Intellekts, Seinen überlegenen 
Humor, die Gewalt geiner Enkratie, Seinen berechtigten Stolz und 
geine tiefes Frömwigkeit. Er war ein ganzer Mann mit all den Ecken 
und Kanten eines Solchen, aber auch mit der Kraft der Wahrheit, 
die Sich nicht einläßt auf Kompromisse und doch Völker und Zeiten 
unter ihr Zepter zwingt. 
Geradezu Neues wird für die meisten Leger W. Bakzrtsch'-Belgrad 
Abhandlung über das Serbische Schulwesen bieten. Nach dem 
Volksschulgesetz von 1904 werden die Volksschulen in Kinder- 
gärten, Elementar- und Fortbildungsschulen eingeteilt. Die Elementar- 
Schule ist obligatorisch und unentgeltlich und hat 6 Klassen. Nicht 
unbedeutend ist die pädagogische Literatur, in der der Einfluß der 
deutschen Pädagogik überwiegt. Meistens werden die Schulzeitungen 
von Lehrervereinen herausgegeben. Die gerbische Jugend lernt gern 
und ziemlich leicht, besonders fremde Sprachen, Bei den Serben, die, 
beiläufig, 7 Millionen Köpfe stark gind, gibt es keine Aristokratie und 
keine privilegierten Klassen. Sie gchätzen die Gleichheit und die Frei- 
heit gebr boch, aber gie haben ibre politieche Einigkeit noch nicht 
erlangt. Die Schulverwaltung führen: der Ortsschulauschuß, der Kreis- 
gehulausschuß, der Schuldirektor, die Lehrerkonferenzen der einzelnen 
Schulen und der einzelnen Kreise, der Schulinspektor und die Kon- 
ferenz aller Schulinspektoren -- die die philosophische Fakultät be- 
Sucht und die Lehramtsprüfung aus der pädagogischen Wisgenschafts- 
gruppe bestanden haben müssgen -- und der Unterrichtsminister mit 
dem Unterrichtsrate. Wir gehen, auch dort Aufseher in Menge. Aber 
die Schule ist von der Kirche unabhängig. Nur das Recht hat die 
Kirchensynode, die Schulbücher für die Religionslehre zu genehmigen. 
Den Religiongunterricht erteilt der Lehrer; 80mit hat der Geistliche 
in der Schule nichts zu tun. Aber der Lehrer ist verpflichtet, die 
Schüler in die Kirche zu führen. 
Von anderen neu zugekommenen Abhandlungen nennen wir noch: 
Sprachvergleichung als Gedächtnighilfe von Prof. Spieser; 
Stimmbildung von W. Berg-Karlsruhbe; Sterblichkeits- und 
Alters yerhältnisse der Direktoren und Oberlehrer an den 
höheren Unterrichtganstalten in Preußen von &. AKnabe-Marburg. 
Begonderes Interesse verdienen die drei Abhandlungen Sozia- 
liemus und Individuaiismus von Dr. 77%. Zzegler, Sozial- 
pädagogik von Dr. P. Natorp unvd. Soziologie und Pädagogik 
von Dr. P. Barth, die in eine jetzt viel erörterte Frage gut ein- 
führen. Dr. P. Barth nennt als Eigenscbaften, die der heutigen 
Jugend dringend not tun: Hingebung an ein gelbstgewähltes Sittliches 
Ziel, Erkenntnis und Schätzung des Innenlebens und aller geistigen 
Güter, Abwendung von Sginnloger Genußgucht, ferner Geduld, Be- 
Scheidenbeit, der Glaube an Ideale der Philogophie und der Religion. 
Barth fordert, daß der Pädagoge auch Soziologe gein muß. Er mügsge 
teils von der Gegellschaft Antriebe annehmen, teils, und zwar in 
noch größerem Maße, ihr geben. Dr. P. Natorp kennzeichnet den 
Standpunkt der Sozialpädagogik: daß ebenso die Erziehung des Indi- 
viduums in allen wegentlichen Richtungen gozial bedingt 8ei, Wie 
umgekehrt die mengehliche Gestaltung des Sozialen Lebens abhänge 
von einer eben hlerauf gerichteten Existenz der einzelnen. »Die 80- 
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