Full text: Vom Büchertisch - 1909/1910 (19)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht, 
Herausgegeben von 
Oktober, 1909. 
FRIEDRICH MANN. 
Nr. 1. 
 
Inhalt: Zur Literatur der Pädagogik. Rein, Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik, -- Zur Literatur des Rechenunterrichts und 
der Raumlehre, Hanf, Altes und Neues zum Rechenunterricht, Giegeler und Petri, Methodik für den Unterricht im Rechnen und in der Raumlehre. Braune, 
Raumlehre für Volks-, Bürger- und Fortbildungsschulen 80wie für Präparanden-Anzgtalten, -- Zur Literatur des Zeichenunterrichts. 
Chrogziel und 
Steiner, Anleitung zur Einführung des Lehrplanes für den Zeichenunterricht vom 12. Juni 1902 in einfache Schulyerhältnisse. Mangold, Zeichnen und Zeichen- 
unterricht. 
Conz, Die wichtigsten Gegetze der Perspektive in ihrer Anwendung auf das Zeichnen Dach der Natur. Krüber, Pinzelspiele im Dienste der Kuvpst- 
erziehung und zur Unterstützung des Zeichenunterrichts, -- Zur Literatur der Schulhygiene, Verhandlungen der IX, Jahresvergammlung des allgemeinen 
deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege 1908. Henz, Leitfaden der gesamten Heilpädagogik, -- Zeitschriften -- Anzeigen, 
Zur Literatur der Pädagogik. 
Besprochen von E. Oppermann-Braunschweig. 
Rein, D. Dr. W., Univerzitätsprofessor, Eneyklopädisch es Hand- 
buch der Pädagogik, Zweite Auflage. 10, Band. Erste Hälfte : 
Wachstum bis Zerrenner. 464 S8. Langengsalza, Hermann Beyer 
& Söhne (Beyer & Mann), 1909. Preis des Vollbandes geb. 18,50 M. 
Eine kleine Anzahl neuer Abhandlungen gind hinzugekommen. Auf 
Oberschulrat] Menges Artikel » Wiederholen« folgen nun zwei über 
»immanente Wiederbolung« von Menge und Seminaroberlehrer Zerß27g. 
Hierunter ist nach Menge eine gelegentliche Wiederholung zu ver- 
Stehen, zu der die Behandlung eines andern Unterrichtestoffes die 
Gelegenheit bietet, Z?ller definiert: Wiederholungen, die durch den 
Fortschritt des Unterrichts bedingt ind; Jus? desgl.: die durch den 
Fortschritt des Unterrichts gefordert werden; Sey/ert hält gie für 
einen Bestandteil des neuzubebandelnden Stoffes. Menge betont ihre 
Wichtigkeit a. a. O. nach zwei Seiten: 1. erfolgt durch gie die Apper- 
zeption des Neuen in wirkungsvoller Weise, 2. führt aie eine Auf- 
frigecbung der chon angeeigneten Vorstellungsmagsen herbei, Da das 
wieder Aufgefrischte gofort als Mittel zur Aufnahme von etwas Neuem 
benutzt wird, 80 gei damit einzlustgefühl verbunden. »Der tüchtige 
Lehrer wird immer darauf bedacht gein, den Lehrstoff 80 zu be- 
handeln, daß das Wichtigste daraus Später rasch wieder herangeholt 
werden kann, den Lernstoff aber 80, daß er Sofort wieder gegenwärtig 
iet und bereit, das Neue aufzunehmen, und er wird dieges Hervor- 
holen vicht unterlasgen, weil es Zeit kostet. Denn jede immanente 
Wiederholung trägt zur Vervielfältigung und Sicherung der Ver- 
bindungsfäden zwichen den einzelnen Vorgstellungen bei, und je 
reicher und gicherer diese Verbindungen gind, um 80 leichter wird 
der neue Lehrstoff angeeignet. Es wird also später reichlich an Zeit 
gespart, was anfangs zuviel aufgewandt zu gein scheint.« Und 2Ze2/ß27g 
läßt geine Abhandlung in zwei verständigen Mahnungen austönen. 
Rechte Revigoren lassen gich nicht durch aufgeschüttete Stoffmassen 
imponieren, Sondern achten auf Durchdringung und Bebherrschung 
und stellen daber, um den Stand einer Klasse zu erfahren, Aufgaben 
und Fragen, die vichbt bloßes Wiegen verlangen, Sondern auch zum 
erneuten Überdenken des Stoffes zwingen, den Scharfsinn prüfen, 
wobei gich unzweideutig herausstellt, was Arbeit ad hoc und was 
Ergebnis ehrlichen, durchdringenden Mühens ist. Zugleich mahnt 
er, das Einprägen, diese mechanische und daber minderwertige Tätig- 
keit, nicht zu versäumen. Nicht gelten versäumen gerade Lehrer, 
die Sich binsgicbtlich der Er- und Verarbeitung des Stoffes die größte 
Mühe geben, das Üben und Befestigen und geraten aus dem früheren 
verständnislogen Drill ins andere falsche Extrem. 
Die Abhandlung »Waldschule« von Kreisschulinspektor Könzg 
in Mülhaugen 1, E. ist zwar etwas breit angelegt (75 Spalten), aber 
wir erfahren auch recht viel Interessantes: über Existenzberechtig ng 
Solcher Veranstaltungen, behördliche Anerkennung, Grundsätze für 
Auswahl der Kinder, Dauer der Waldschulkur, Benutzung der Wald- 
Schule an Sonn- und Feiertagen, Heilkräfte der Waldschule (Luft, 
Sonne, Waschungen, Bad, Bewegungen, Kleidung, Kost, Rube, ge- 
mütliche Faktoren, körperliche, unterrichtliche und erziehbliche Er- 
folge, Waldschullehrer, Kogtenfrage, Bedeutung der Waldschule für 
die Reformpädagogik ugw.). 
Hohe Anforderungen gind an den Waldschullehrer zu stellen, 
» Den ganzen Tag über muß er in heiterer Stimmung gein, freundlich 
und warm mit den Kindern verkehren, ihnen stets dienästbereit zur 
eite Stehen, Sie durch fröhliches Beispiel, durch freundliches Wort, 
 
durch liebevolle Aneiferung zu kraftvoller Tat erziehen. « In Mül- 
hausgen beginnt gein Tagewerk um 8 Uhr und scbließt gegen 7 Uhr; 
nur am Sonntag und an zwei Nachmittagen ist er dienstfrei. Bei 
Abgschluß des Artikels bestanden folgende Waldschulen: Charlotten- 
burg geit 1904; 1906: 240 Kinder, 6 Lehrer, 2 Lehrerinnen, 1 Hilfs- 
lehrer; Mülhaugen i. E. Seit 1906, 200 Schüler; München - Glad- 
bach, Barackenbauten, 1906 mit 118 Kindern eröffnet; Elberfeld 1907; 
Lübeck 1908; Dortmund 1908; Buckow in der Mark 1908; dazu 
noch im Jahre 1908: Berlin, Duisburg, Cöln, Aachen, Mainz, 
Solingen, Cassel. 
Der Artikel »Zahlenschreiben und -lesen« von Pfarrer SpresSer 
bat lediglich psychologisches Interesse, da wir die Kinder nicht 
lehren vierstellige Zahlen gchreiben, ehe 8ie noch nicht rechnen 
können. Er ist nur zwei Seiten lang. 
Neu ist ferner »Zeichenunterricht in gewerblichen 
Schulen« von Direktor Paese - Charlottenburg, eine gründliche 
(74 Spalten), gediegene Arbeit. Einleitend lehnt Verfasger, wie das 
von ihm auf dem Braunschweiger Fortbildungsschultage eingehend 
erörtert wurde, den Namen Fortbildungsschuls für diege Anstalten ab. 
Dann beleuchtet er das Kopieren, jene Zeichenmethode der älteren 
Zeit und die Methoden Peter Schmids, Hippius und Dupois, Heimer- 
dingers, Jesgens und Stuhlmanns, Mogers, Sempers und Meurers, 
Lachners und Stillekes, um dann Grundlinien für das heutige Zeichnen 
zu ziehen, namentlich unter Betonung lebensvollen Sachzeichnens. 
So hat denn der Herausgeber jetzt 7 große Abbandlungen über - 
Z eichnen aufgenommen: über Zeichnen mit der freien Hand, Kon- 
Struktives Zeichnen, freies Zeichnen 80wohl in höheren Knaben- und 
Mädchenschulen wie in Volksschulen, in Seminaren und in gewerb- 
lichen Schulen; endlich hat Rektor VO. Janke das Zeichnen in 
hygienische Beleuchtung gerückt. 
Wäre zurzeit von Schmids Encyklopädie eine golche Berück- 
gichtigung des Zeichenunterrichts möglich und berechtigt gewesen ? 
Eine prächtige Erweiterung ist endlich auch die feine Abhand- 
lung des Straßburger UnivergitätsprofesSors Neumann über » Wiggen- 
Schaft und Wisgenswertes«, eine Gegchichte der Wiggenschaft in nuce. 
Aus dem 16. Abschnitt zitieren wir eine Stelle über MNeizxsecke : 
»Seine Schriften Sind erst nach geinem Tode, wenigstens geinem 
geistigen, gelber zu einer Macht geworden, er war der Philogoph der 
fin du giecle, und das erste Jahrzebnt des neuen Jahrhunderts bat 
Seine Macht noch nicht gebrochen. Sein Einfluß ruht einmal auf der 
Freiheit von allen Fesgeln und Zügeln, die er verkündet, und auf 
dem starken aristokratischen Individualiemus, der gegenüber der 
nivellierenden Demokratie und dem Sozialigemus unserer Tage vielfach 
als Bedürfnis auftritt, er ruht aber ebenso auf der Feinheit und der 
Schärfe, auf der Kraft und Schönhoit geiner Sprache, auf geinem 
Esprit und auf dem Fluge geiner dichterischern Phantasie, der Jeder 
Systemat'gierung spottet. Darum wird er gelbst gelegen, 80 viele 
auch über ibn reden. und gschreiben, aber ibre Darstellung kann mit 
ihm gelber nicht rivaligieren, und von allen hat der einzige Theobald 
Ziegler dem Schmetterlinge geinen FPlügelstaub gelassen. Durch 
Form und Inhalt bestrickt und bezaubert Netxsche eine schönheits- 
durstige, eich füblende Jugend, die gern alls Fesgeln abstreifen 
möchte, aber hier redet ein Mann, bei dem Genie und Wahnsinn 
dicht nebeneinander wohnten und der gelber am Leben zugruünde 
gegangen igt; wie gefährlich er geit Jahren ungerer Jugend geworden 
iSt, davon wisgen ungere Psychiater, ungere Ärzte zu berichten.« 
Von den vielen Abhandlungen, welche aus der 1. Auflage über- 
nommen, aber mehr oder weniger ergänzt und verbeggert wurden» 
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