Full text: Vom Büchertisch - 1911/1912 (21)

VoM BÜCHERTISCH. 
Monatsbeilage zu den Deutsehen Blättern für erziehenden Unterrieht. 
Gegründet und 35 Jahre geleitet 
von 
Januar, 1912, 
+ FRIEDRICH MANN. 
Nr, 4. 
 
 
Inhalt: Zur Literatur der Pädagogik, Rüttgers, Über die literarische Erziehung als ein Problem der Arbeitsschule, Förzter, Autorität und Freiheit. 
Kerschensteiner, Der Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung. Sechölling, Über Wegen, Aufgabe und Mittel der sStaatsbürgerlichen Erziehung, Wert der 'Pheorie 
im pädagogischen Streit der Gegenwart. Troll, Das erste Schuljahr. 
Ruths Erziehung. LLangermann, Der Erziehungsstaat nach Stein-Fichte 8chen Grundsätzen, 
Seminarbuch, -- Neu erschienene Bücher. 
Dexrgs., Das zweite Schuljahr. 
Gruber, 
Jenaer 
Weimer, Haus und Leben als Erziehungsmächte. 
Jonas, Darstellender, zerlegender, lehrender Unterricht, 
 
Zur Literatur der Pädagogik. 
Severin Rüttgers, Über die literarische Erziehung als 
ein Problem der Arbeitsschule. Ein Beitrag zur Reform des 
Sprachunterrichts und zu einem Lehrplan für die deutsche Jugend. 
Leipzig, Teubner, 1910. X, 1568. kl. 80. Preis 1,80 M, geb. 2,20 M. 
Der VerfasSer dieges bedeutenden Buches möchte bewirken, daß 
»in der Erziehung zum Legen und durch Legen die alte Lernschule 
und die neue Arbeitsschule Sich die Hände reichen« (Vorwort S. VI). 
Damit wird auch die viel erörterte Frage des deutschen Lesebuches 
unter neve Gegichtspunkte gestellt. Das Buch ist also von großem 
aktuellem Interesse, 30 daß wir die Anhänger des Alten, die an 
Sich ein Recht für Sich haben, weil die Schule nicht ohne Not Sich 
Versuchen hingeben kann, die nicht ganz begründet aind, dringlich 
auffordern möchten, durch die scharfen Urteile des Verfagssers und 
Seine vielfach abspringende Darstellung eich von der Lektüre dieses 
gedankenreichen Buches nicht abhalten zu lassen. Der Verfagser 
muß gich Bahn gchaffen für aeue Angchauungen und durchgreifende 
Vorschläge ; das ist nicht möglich ohne scharfe Kritik, die in vielen 
Fällen dann wohl auch zu weit gehen wird. Wir würden es nicht 
wagen auszusprechen, daß die Schule »zur gesuchten Probierstube für 
Modetorheiten geworden« zei (S. 45); wir halten es auch für tatsächlich 
unrichtig, daß die »offizielle Pädagogik, d. bh. die Pädagogik des 
Tages und der Berufsvereine, hinter der Pädagogik der Behörden und 
Verfügungen immer nur ein Stücklein zurückbleibe« (S3. 46); wir 
möchten auch »die Chinegerei der beutigen Schule« . . . nicht als 
»das untrüglichste Zeichen ihrer Nichtsnutzigkeit« verklagen (S. 74); 
wir Stimmen endlich nicht überein mit dem Urteil, wodurch die 
alten Literaturen und 80gar ungere deutsche klassiSche Literatur auf 
die Seite geschoben werden: aber das alles Sind keine Beweisgründe 
des VerfasSers ; auch wer diese Angichten mißbilligt, bat den Ver- 
fasger in Seiner Hauptsache nicht widerlegt. Diese geht darauf hin- 
aus, daß, da das Legen »ein allmächtiges Kulturmittel«s geworden 
iSt, aus ihm aller nur erreichbare pädagogische Gewinn gezogen 
werden muß. Das aber kann nur geschehen, wenn der Jugend Er- 
lebtes, Darstellungen von ZeitgenosSen vorgelegt werden. Hier hätte 
freilich der Verfasger mit einem Worte Zillers ähnliche Forderungen 
für die Gesinnungsstoffe erwähnen dürfen. Sagen, Legenden, Fabeln, 
Schwänke, alte Volksbücher und Volkssagen, Volkslieder, volkstüm- 
liche Geschichtsdarstellungen, autbhentische Reigeberichte usw. bieten, 
was Rütigers will. Die Sprache muß die der Kinder gein. Dieger 
Forderung kommen Otto und Helene Berthold am nächsten ; aber 
der Verfasger tritt gegen diese mit einer auch das Sachliche treffen- 
den Kritik auf. Der Lehrer muß »zwischen Kind und Fachmann« 
Sich »als Dollmätsch« stellen (S. 72). An dieger Stelle könnte man 
dem Verfagger einige Widersprüche nachweigsen, die aber nichts zur 
Sache tun; man muß aber des weiteren auf Herbarts Forderungen 
im Vorwort der Allgemeinen Pädagogik (8 19) hinweisen. Scharrel- 
mann und Ganaberg finden den Beifall ungeres VerfasSers, der freilich, 
was bisher die Prüfungsausschügse für die Jugendliteratur und ähn- 
liche Versuche zutage gefördert haben, nur. als beachtenswerte An- 
fänge gelten läßt. Ein weiterer Anfang müßte mit der Beschaffung 
entsprechender Literatur für die Lehrerseminarien gemacht werden. 
In Anhängen, die dem Buche beigegeben aind, findet der Leger 
wertvolle Literaturangaben. Sein Gedanke muß, da offenbar an der 
Stelle, an der der Verfasger eingetzt, die deutsche Schule sich an-« 
Schickt neue Wege zu Suchen, mit eindringendem Ernpst geprüft 
werden, Dr. LE. v. Sallwürk gen. 
 
 
 
Fr. W. Förster, Autorität und Freiheit, Betrachtungen zum 
Kulturleben der Kirche. Kempten und München, Kögel, 1910. 
XY1I, 191 S. 80, Preis 2,50 M, geb. 3,25 M. 
Autorität und Freiheit Sind zwei Angelpunkte der theoretischen 
Pädagogik, zwei Schlagwörter im Schulstreit ungerer Tage. Förster 
Spricht aber nur von den Verhältnisgen der heutigen Kkatbolischen 
Kirche, Soweit diese Begriffe in ihnen Wirklichkeit erlangt haben, 
und ingofern hätten wir von Seinem Buche an dieser Stelle nicht zu 
reden. Er behauptet indessen im Vorwort S. X, daß er Sein Problem 
»vom Standpunkt des Pädagogen« behandle ; 80 können wir an Seinen 
Erörterungen, da auch gein Name in der pädagogischen Literatur 
Bedeutung gewonnen hat, nicht vorbeigehen. 
Förster bekämpft den Individualiemus, der Sich das Recht der 
freien Forschung der Kirche gegenüber anmaße, tadelt aber auch die 
Kirche, die den Charakter der Univergalität, der ihr Wes2n bestimme, 
verloren habe, da Sie es nicht verstehe, alle geistigen Kräfte, die 
auf ihrem Gebiete tätig werden, in ihrem Schoße zu vereinigen, die, 
anstatt den LKinzelnen freie Bewegung zu geben innerhalb der 
Schranken, die Dur gie bestimmen könne, in der Ausübung ihrer 
Autorität den Staat nachahme, von dem gie in jeder Beziehung sich 
frei machen müßte, uad die jetzt wieder den Fehler begehe, den 
Modernismus des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem des Siebzehnten 
Jahrhunderts zu vertauschen, anstatt beide zu verwerfen, wie es 
ihres Amtes wäre. Wir haben nicht zu unterSuchen., ob man der 
Kirche, der man 80 Schwere Vorwürfe machen zu mügsen glaubt, 
doch zu gleicher Zeit die unbeschränkte Autorität beimessen kann, 
die der Verfagger als ein wesgentliches Attribut dergelben ansgieht., 
Wir beschränken uns auf die Frage, wie Förster die Aantorität defi- 
niere, in der er auch den erzieherischen Beruf der Kirche begründet 
Sieht, Förster telt der Autorität den Individualigmugs, die Berufung 
auf die intellektuelle Gewissenbaftigkeit des Einzelnen entgegen. Es 
gibt, Sagt er S. 95, »Probleme, die eine goziale OrganiSation der 
Brkenntnis verlangen, d. h. ein Sorgfältig ausgeglichenes Zusammen - 
wirken von Tradition nnd individuellem Denken, von psychologiScher 
Intuition und intellektueller AnalySe, von innerer und äußerer Er- 
fahrung«. Diese Forderung, meint der Verfasger, könne nur die 
Kirche mit ihrer universalen Autorität erfüllen. Dagegen, wie über- 
haupt gegenüber allen Gründen, mit denen Förster diese Autorität 
Stützen will, muß betont werden, daß auch die Wisgenschaft eine 
Soziale Funktion ist und daß die Wigsenschaft als Verwalterin eines 
Kulturgutes, an dem alle vorangegangenen Jahrhunderte gearbeitet 
haben, alles die Sicherheiten gibt, die der Verfasger in der an- 
gegebenen Stelle fordert. Für dia Pädagozik stellt Sich der Gegen- 
Satz anders dar. Niemand zweifelt, daß die Kinder in ihren ersten 
Jahren durch die Autorität der Erwachsenen geleitet werden müggen, 
daß aber anustelle dieger Autorität durch die Erziehung gelbst und 
als ihre eigenste Frucht die Autorität der Vernunft treten muß, die 
an gich frei ist ihrem Wegen nach. Wir können aus Fürsters an 
Sich iateressanten und vortrefflich geschriebenem Buch für die Päda- 
gogik nichts entnehmen; das eigentlich Pädagogische in demselben 
beschränkt gich auf einige Seiten, die mehr andeuten als entwickeln, 
und Anweisungen für den Religionsunterricht, die beachtenswert Sind 
(S. 169f.). Dr. H. v. Sallwürk s8en. 
Georg Kerschensteiner, Der Begriff der staatsbürger- 
Lichen Erziehung. Leipzig u. Berlin, B. G. Teubner, 1910. 
Preis geh. 1 M. vim 
Der bekannte Münchener Stadtschulrat, der chon Seit Jahren 
4
	        

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