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verantwortlichen Redakteur:
Harro Köhncke in Hamburg, Grindelallee 116,
Abonnementpreis für 1 Vierteljahr 1 4 Ingerate wer-
den für den Raum einer Petitzeile mit 20 9. berechnet,
Exelon In der Buchhandlung von Herwath & Kühn, gr. JobannigStrange 8.

No. 1.
Zum neuen Janr.
Ks ist natürlich, dass man beim Jahres-
wechsel einen kurzen Rückblick anf das Schei-
dende Jabr wirft. -- Das Jabr 1879 ist Ikein
glückliches für den Fortschritt gewegen, insbe-
Sondere auch kein glückliches für den Lehrer-
Stand, für die Schule. Langsam und bedächtig,
aber unbeirrt und Schritt für Schritt hat die
Reaktion Sich die Herrschaft in Deutschland
erobert; heute Sehen wir die als tonangebende
Persönlichkeiten, die noch im vorigen Jahre
als widerstrebende Klemente in der Minderheit
gich befanden. Gilt dies auch in erster Linie in
Bezug auf den preussSischen Staat, 80 ist doch nicht
zu verkennen, dass auch in den meisten übrigen
ERNSTES EK KSE



deutschen Staaten die Pfeife anders tönt als
etwa vor Jahresfrist. -- Den Grundton bildet
das Wort „Religion“. Offieiell und officiös
Schreit man nach mehr Religion, nach grössgerem
Glauben, nach mehr Kirchlichkeit, nach grösse-
rem Einfluss der Geistlichen. Damit will man
alle Vebel aus der Welt Schaffen, und weil die
massgebenden Persönlichkeiten 80 meinen, meint
Selbstverständlich das ganze Heer derjenigen,
die gern „was werden wöllen“, auch 80, und
Schlicsslich bleibt es wahr: Die grosse Menge
ist durch ein volltönendes und langanhaltendes
Geschrei zu überzeugen, Leider gehören auch
recht vicle Lehrer zu dieser „grosgen Menge“,
noch mehr Lehrer aber gehören, Gott 5Cei's ge-
klagt, zu denjenigen, die „gern was werden
wollen*. Schweigen ist Gould und Reden ist
--- Arsenik, 80 ctwa lautet ihr Wahlspruch,
und nach diesger Lebensregel leben zie 80 pein-
lich geuau, dass auch der aufmerksamste Beob-
achter ihnen keine Inkongequenz nachzuweisen
vermag.
Standes-Bewusstsein und Standes-Intoeressen
gind für sie undefinirbare Begriffe; dagegen
könnten zie einen fein disponirten Aufsatz Sechrei-
ben über das Thema: „Selbstessen macht fett.“
Höhnend weisen sie auf diejenigen, die es nicht
verst chen, zur rechten Zeit den Mund zu hal-
ten und zur rechten Zeit einen Bückling zu
machen, und 80 mit leichter Mühe ans ersechnte
Ziel zu gelangen.
Dass die Zahl dieser Kollegen Sich Sofort
um mindestens 100 pCt. vermehrt, wenn der
Wind aus einer „trommen“ Gegend kommt, ist
eine Thatsache, von der man Sich auch wieder
in diesem Jahre genügend überzeugen konnte,
und für die es wirklich keiner Erklärung bedarf.
Nicht darin, dass jetzt vorläufig der Katechis-
mus wieder dominirt, ist der grosse Schade für
die Schule zu Suchen, gondern darin, dass auch
im Lehrerstande die Kriecher und Schmeichler
jetzt wieder zu Khren kommen und Karaktere
als unbequeme Individuen auf die Seite gescho-
ben werden. Das ist das grosse Danaör-Ge-
gchenk des Jahres 1879.
Wir gehen das Jahr 1879 aus diesem
Grunde gern scheiden; wir hoffen, dass das
Jahr 1880 gut zu machen 8uchen wird, was
da3 Jahr 1879 böse gemacht hat.
Wir richten aber an alle diejeuigen Lehrer,
die noch der liberalen Fahne treu geblicben
gind, und die bilden, 80 glauben wir, die Ma-
jJorität, die Mahnung, an ihrem Theil mitzuwirken,
dass im lieben deutschen Vaterlande ein freier
Geist zur Herrschaft gelange, mitzuwirken, dass
Ham



burg,
ESIDSTEUEN
den 1,
Januar

KWERIE

all das Geschmeiss,
macht, wieder dahin verwiegen werde, wohin
es gehört, in die Vergessenheit.
Hamburg, ult. December 1879.
Die Redaktion
der „Pädagogischen Reform“,
Ueber
GymnaSialwesen, Pädagogik u, Fachbildg,
(Von Ottokar Lorenz, Vorgitzender der k. Kk, wiss.
Gymnasial-Prüfungscommission in Wien. Verlag von
Carl Serold's Sohn.)
»So oft die Ueberbürdungs-Klagen auf-
tauchen, 80 oft Sieht die hohe Regierung zich
zu Massregeln genöthigt, die für den Unterricht
nur von üblen Folgen gsind. Der Lehrer nimmt
anstatt 2 Kapitel ein Kapitel blos durch, die
Jngend gewinnt dabei nicht, denn es wird auch
das Wenige nicht geleistet“ --- sagte mir jüngst
ein Fachmann -- d. h. also 80 viel: Die Kla-
gen ind unberechtigt, und wenn wir denselben
Gehör geben, unterstützen wir die Trägheit der
Zöglinge. Viel Staub wird in der That durch
die Ueberbürdungsklagen unnütz aufgewirbelt,
wir aber giessen Wassger über den Staub und

wird der Staub nicht weggeschafft. Man muss
der Sache auf den Grund kommen.
Die Regierung weiss, dass die Kltern nicht
ganz ohne Grund mit Beschwerden in die Oeffent-
hchkeit treten. Wenn die Eltern eingehen, dass
die Zöglinge faul Sind, wisgen Sie Sich Schon
besser zu helfen. Bie entschuldigen die Kleinen
nicht und Suchen auf friedlichem Wege die
Differeuzen auszugleichen. -- Wo Klagen auf-
tauchen, müssen dieselben einen gewissen Grad
Berechtigung haben. Mag der Lehrer, wie auch
immer, von der Ueberzeugung durchdrungen sein,
dass er das Beste will, wissen kann er erst
dann, ob er vom Kinde das Richtige fordert,
wenn er Sich das Leben der jungen Seele ver-
2ogenwärtigen und in die Lage des Kindes
vergetzen kann.
Zwar Professor Lorenz fordert die strenge
Durchführung des Pachlehrersystems und erwar-
tet mit demselben das goldene Zeitalter des
modernen Gymnasiums, Der Kandidat soll sein
Fach studiren ohne Würze und Zugatz, ohne
Philosophie und Pädagogik.
Wir können uns einen solchen Lehrer recht
gut vorstellen, wenn wir einen alten Thalmu-
disten hernehmen, der Tag und Nacht Jahre
hindurch itzt und Gedanken brütet, zum Schlusse
zu dem Resultate gelangt, dass ein Ki, welches
am ersten Feiertag gelegt wurde am zweiten
Feiertage nicht gebraucht werden darf,
Was unsere Jugend von 80 heiss gesotte-
nen PFachmännern zu erwarten habe, Sagt uns
ein Blick in die Geschichte der Pädagogik.
Wir Sollten den besten Schritt, den wir vor der
Vorzeit voraus haben, zurück thun und bereuen
am Ende, dass wir ihn gethan?
Wir können von einem Fachmann, der nur
den Schatten der Pädagogik Sicht, nicht erwar-
ten, dass er eine richtige Vorstollung von dem
Wogen dieser Wissenschaft habe, aber erwarten
kann man von jedem gebildeten Menschenver-
Stand eino vernünftige Angicht, ein Urtheil, das
auf fosten Prümisgoen beruit. Joder vernünftige
Mensch wird Sie" besonders in ungern Tagen,
da oin jedes Wa gewogen und geprüft woer-
den darf, wohl " »u auf vinem Gebiete, dem
53
WENGE MEN. 123 77.1.0477. 2.4 00008 72.7778 5 5 AREREI ANSE ZIEIEBENG ZIE ZEEEÖEEEENNEENEEIEEENENEENEEINGRNIRRE
das gich jetzt 80 breit

4. Jahrgang.
0,


er ſern steht, auf dem er gich nicht heimisch
fühlt, mit zu Sprechen oder gar ein Urtheil
abzugeben.
Wir müssen Anlage und Unterrichtsmate-
rial Streng gesondert einander gegenüber halten
und die Kraft der Naturanlage von der den
Gedanken des Unterrichts- Materials immanente
Kraft wohl unterscheiden. Beide Kräfte gind
in gleicher Weise von einander verschieden wie
die Kraft eines organischen Gebildes von der
des nährenden. Ist die dem nährenden Stoffe
immanente Kraft stärker, 80 zergetzt gie mit
Hülfe dieses Kraft-Ueberschusses das organisehe
Wesen, das natürlich dann zu Grunde geht.
Die den Gedanken des Unterrichtsmaterials
immanente Kraft darf die Kraft der Anlage
nicht schwächen, darf die Fähigkeiten nicht auf-
heben oder neutralisiren. Es entsteht ein ganz
anderes geistiges Gebilde im Schosse des Le-
bens, wenn das Gedankenmaterial in der Seele
das Uebergewicht gewinnt. Die Anlage arbei-
tet dann im Sinne der Gedankenströmung und“
ist nicht frei. Solche Köpfe nennt man drezgirt';
Sie werden von ihrem Gedankenvorrathe gegän-
gelt. Was soll den Fachmann vor jener Knecht-
' Stauben “damit "genus gethan Zu haben: “-Däawit-| S0patt- Bewahren... wenn»-or-gich .ausgehliesglink--
einer bestimmten Gedankenströmung hingiebt?
Wie 8011 ein golcher Geist von seiner abstrak-
ten Welt herabsteigen und in die kindliches
Seele Sich versetzen können, wenn er von dem,
was im jungen Gemüthe vorgeht, keine Ahnung
hat? Kann die Regierung solchen Lehrern No-
tiz- und Klassenbuch anvertrauen ? Werden als-“
dann die Eltern, deren Kinder heutzutage noch
allzusehr der Laune der Lehrer preisgegeben
Sind, zu klagen aufhören?
Wollte mich doch unlängst ein heissge-
Sottener Fachmann belehren, dass „nicht jedes
Kind eine Anlage für Geographie“ mit in die
Welt bringe. Ich möchte denn doch gerne
wissen, welche besondere Kennzeichen dieger
Mann von einer Solchen Anlage habe, wodurch
er Sie von der für ähnliche Erkenntnissgruppen
unterscheide. Diese Männer erkennen die An-
lagen aus der VUebereinstimmung der Antwort
mit dem, was im Buche steht. Dass das Kind
Stundenlang Sich abquälen muss, um zu wisgsen,
wie viel Einwohner eine jede Stadt, wie viele
Quadratmeilen ein jedes Land habe, wie hoch
dieger und jener Berg g8ei, bedenken die Leute
freilich nicht. Das Kind fordert Gedanken, die
einen Zusammenhang haben, durch die ein Ver-
wandtschaftsgefühl zieht und nicht leere, in-
haltslose Begriffsschemen. Hat der Geist einen
Gedankenvorrath, dann füllt er gelbst die Be-
griffsschemen aus, reproduecirt und produeirt frei.
Das Verwandschaftsgefühl zieht Gedanken an
und stösst andere von ich. Daraus ist klar
zu erSehen, was die Staatserziehung von solchen
Fachmännern, wie Herr Prof. L. gie für das
goldene Zeitalter des Gymnagialwesens wüngcht,
zu erwarten hätte. |
Der Verfasser geht daran, den Organisa-
tionsentwurf zu vertheidigen. Es würde in der
That um dies herrliche Werk recht schlimm'
Stehen, wenn g8ecine Haltbarkeit von dieser Be-
weisführung abhängig wäre.
Die Zahl der Zöglinge, der Schüler «a
Gymnazien und Roalgymnagien Cisloithaniens ist
vom Jdahre 1851--1878 von 21,175 auf 41,466
angewachsen. Somit ist bewiesen, meint Prof,
L., dass die Beschwerden nichtig, und der Or-
ganisationgentwurt hat Seine volle Gültigkeit be-

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