Full text: Pädagogische Reform - 12.1888 (12)

 
Dieſe Zeitung erſheint jeden Freitag 
und iſt durß alle Buchhandlungen und 
Poſtanſtalten (Kat. Nr. 4358) zu beziehen. 
 
-Xll. Jahrgang. 
Verantwortliher Redakteur: Harro Köhn>e, 
Hamburg, Belle-Allianceſtr. 66. 
Verlag 1 von Conrad Kloß, Hamburg, ABC-Gtraße 38. 
 
Samburg, Freitag, ven 6. - Januar 1888. 
Abonnementsprei3s H 1,50 pro Quartal. | 
Inſerate (pro Petitzeile 20 &.), ſowie Bei- 
lagen ſind an die Verlag3handlung zu richten. 
 
Nr. 1. 
 
 
Hierzu eine Beilage. 
 
Proſit Uenſahr! 
Gedanken ſind zollfrei und ſollen's5 auc<ß dänn 
bleiben, wenn ſie dem: Papier anvertraut werden ! 
Mit dieſer Hoffnung wollen wir in das neue 
Jahr eintreten und die Redaktion der „Pädagog. 
Reform“ im 12. Jahrgange weiter führen. 
Freilich : es giebt Menſ<hen genug -- große 
und tleine, vornehme und geringe --, denen es 
geht, wie den Agrariern. S<hußzoll! Scutzoll 
für unſre Meinung! mödten ſie in die Welt hin- 
ausſc<hreien, wenn ſie nur nicht fürchteten, den 
Flu< der Lächerlichkeit auf ſich zu laden. -- Ja, 
vas wäre ſo etwa3 für unſre Zeit, wenn das Wort 
aus der Pfeffel'ſhen Stufenleiter : „Du biſt mein, 
denn im bin groß, und du biſt klein“ ſich in allen 
Fällen in die Praxis übertragen ließe. 
O, dieſe herrliche Ruhe, die eintreten müßte! 
Tiefe Stille rings umher, nur unterbrochen durch 
bhalblaute Kommandorufe und leiſes Kettentklirren. 
- Ruhe allüberall! Gr«besruhe! 
Wir haben es weit gebracht auf politiſchem 
und religiöſem Gebiete, weit, weit rüFwärts. Greifen 
wir nur hinein in3 volle Menſchenleben; allenthalben 
finden wir Spuren, Ift recht tiefgehende Spuren 
der Wirkſamkeit rüFwärts ſirebender Mäc<te. Selbſt 
Mäövrer, auf deren Fetigkeit und Treue wir gebaut 
haben, Männer, die wir auf den Wegen der Indo- 
lenten oder wohl gar der Scleppenträger zu ſehen 
nie fürchteten : ſie ſind abgefallen und haben kaum 
ein Wort mehr übrig für eine freie Entwickelung 
ves Menſc<hengeſc<hlec<hts, für das Recht des Jndi- 
viduums, ſich frei unv. unbehindert durch von der 
Geſellſhaft gezogene Schranken zu entfalten zur 
höchſten Vollfommenheit. 
Das Wort Hegel3: „Der Menſ< iſt, was er 
als Menſ< ſein ſoll, erſt durch Bildung“, kennen 
unſre auf dem Gebiete der Schulpolitik maßgeben- 
ven Faktoren wohl; aber e8 paßt nicht in ihr Sy- 
ſtem, und darum ignorieren ſie es. =- Wohin ſollte 
es auch führen, wenn jeder Menſch Gelegenheit 
hätte, die oberſte Staffel der Stufenleiter in der 
. menſc<lihen Geſellſchaft zu erklimmen? Die Auto- 
rität der Geburtsarijtokratie, die Herrſchaft des 
Goldes und die Macht des Krummſtabe38 würden 
ja ſamt und ſonders zum Teufel gehen. 
Wir leben im Zeichen des Krebſes! 
Da ſoll venn die „Päd. Reform“ nach wie 
-vor an ihrem geringen Teil mitthun, den Vernich- 
tungskampf zu führen gegen alles das, was Junker 
und Pfaffen und deren Helfer und Helfershelfer 
aufbauen wollen, die Dummheit zu fördern und 
die Einfalt groß zu ziehen. Und wenn wir müde 
werden wollten in dieſem Kampfe, dann wollen wir [| 
mit.. dem Arndt'ſhen Lroſtworte uns ſelbſt wieder 
friſch machen: 
 
Wer feſt will, feſt und unverrüct daſſelbe, 
Der ſprengt vom feſten Himmel das Gewölbe, 
Dem müſſen alle Geiſter ſich verneigen 
Und rufen: fomm und nimm! du nimmſt 
dein Eigen. 
Allen denen aber, die mit uns halten und 
kämpfen wollen, rufen wir die Geibel'ſc<he Mahnung 
ins Gedächtnis: 
Um feinen Preis geſtehe Du 
Der Mittelmäßigkeit was zu. 
Haſt du dich erſt mit ihr vertragen, 
So wird dir's hald bei ihr behagen, 
Bi3 du zulesßt, du weißt nicht wie, 
Geworden biſt ſo fla< wie ſie. 
Ein ſol<er Kampf kann aber nicht immer in 
Glaceehandſhuhen geführt werden. Ze na< der 
Qualität der Gegner wird ein echter rechter Hieb 
mit ſcharfer Klinge auSzuteilen ſein. Und wenn 
ſih bei gewiſſen nervenſhwac<hen Menſ<en drob 
Entrüſtung zeigt, dann wolle der geehrte Leſer 
bedenfen : 
Die ſchlecht'ſten Herzen ſind e3 nicht, 
Die manc<mal ſc<hneller ſchlagen ; 
Die ſc<hle<t'ſten Freunde ſind es nicht, 
Die uns die Wahrheit ſagen. 
Die ſc<lecht'ſten Köpfe ſind es nicht, 
Die gerne ſchau'n im Klaren; 
Die ſ<leht'ſten Kerle ſind e38 nicht, 
Die aus der Haut mal fahren. 
Profit Neujahr! 
Hamburg, 1. Januar 1888. 
Die Redaktion 
der „Päd. Reform“. 
 
Aeber die Liktelkeik. 
Vortrag, gehalten von Th. Leſ<ke am 10. Dez. 
1887 im Sculwiſſenſ<haftlihen Bildungsverein. 
Verehrte Anweſende! 
Will jemand die Aufgabe, die er ſich geſtellt, 
löſen, das Werk, das er ſic vorgenommen, aus- 
führen, ſein Ziel, welches er ſich geſeßt, erreichen 
oder überhaupt ſeinen Plaß im Kampfe ums Da- 
ſein in rechter Weiſe ausfüllen : Dann darf ihm 
edle3 Vertrauen zu ſich ſelbſt nicht fehlen, dann 
muß ihn ein tiefes Selbſtgefühl dur<dringen ; denn 
vem Mutigen gehört die Welt, niht dem Verzagten 
und Kleinmütigen, und jeder gilt in dieſer Welt 
nur ſoviel, als er ſich ſelber gelten ma<ßt. So 
ſehr nun auch das Selbſtgefühl an einem Menſ<<en 
unſern Beifall findet und unſere Achtung gewinnt, 
ſo lächerlich, ja verächtlich kann es uns entgegen - 
treten, ſobald e3 ſeinen ſoliden Grund verläßt und 
ſih auf Äußerlichkeiten ftüht, ſobald es zur Eitel- 
feit wird. 
Als ein ſehr vornehmer Ruſſe, der am Hofe 
Maria Thereſias längere Zeit geweilt und fich zur 
Rückreiſe änſchiäte, Kauniß ſeine Ratloſigkeit dar- 
 
fe unter Eitelkeit verftehen, u 
über offenbarte, wa3 er al3 Andenken an die alte 
Kaiſerſtadt Wien in ſein Vaterland mitnehmen 
ſolle, da ſagte der Reichskanzler zu ihm: 
„34h rate Ihnen, mein Herr, kaufen Sie ſich 
mein Porträt; denn man wird in Ihrem Lande 
froh ſein, das Abbild eines der berühmteſten 
Männer kennen zu lernen, eines Manne3, der am 
beſten zu RBferde ſißt, der alles koennt, weiß und 
verſteht !“ Verehrte Anweſende! Der am beſten 
zu Pferde ſitzt! Unzweifelhaft, der berühmte 
Staagt3mann Fürſt Kaunisz war etwas eitel! 
1. 
Worin beſteht das Weſen der Eitelkeit? 
Shakeſpeare nennt die Eitelfeit eine Draht- 
puppe, JI. Paul eine von Natur angeerbte Eigen= 
ſhaft und Leſſing vergleicht ſie mit dem Rauche. 
Allein damit iſt uns wenig gedient. Wir guden 
daher einmal ins Wörterbuch und finden z. B. in 
Weigands Synonymit, eitel bedeute ſoviel „als 
leer, niht3" und Eitelkeit ſei eigentlich „Leerheit, 
Nichtigkeit", in wel<em Sinne ja ſ<on der* Pre- 
diger Salomo ſagt: Alles iſt eitel. Daraus habe 
ſiH dann weiter der Begriff gebildet : „Eine ge- 
haltloſe, unbegründet hohe Meinung von Vorzügen, 
d. h. eine hohe Meinung von Vorzügen, 
die entweder gar nicht da ſind oder do< 
nicht in dem beigelegten Grade.“ Hier iſt 
nict reht far, was wir unter den Vorzügen zu 
verſtehen haben. Sind dieſe Vorzüge etwa die 
Eigenſ<aften, auf die jemand eitel iſt und die 
dann entweder garnicht oder do<H nicht in dem bei- 
gelegtem Grade vorhanden ſind, oder haben wir 
bei Vorzügen an den Wert zu denken, welchen - 
der Eitle den Eigenſchaften beimißt und den ſie 
dann entweder garnicht oder doH nicht in dem bei- 
gelegten Grade beſitzen? Bielleicht hebt folgendes 
Beiſpiel, das Weigand bei der Vergleichung der 
Eitelkeit mit der Gefallſuht giebs, unſern Zweifel. 
Er ſagt: „Eine Frau z. B. kann im Beſiße ausge- 
zeihneter Schönheit ohne Überſchäßung derſelben 
ein Beſtreben zu gefallen, alſo Gefallſucht äußern; 
aber Eitelkeit iſt dies dann nit. Würde ſie hin- 
gegen, ohne ſ<ön zu fein oder do< niht 
den Grad von Schönheit zu beſißen, den 
ſie ſich beigelegt, das genannte Beſtreben äußern, 
ſo wäre dies Eitelkeit und nicht bloße Gefal- - 
ſucht.“ Hiernach, ſo glaube ich annehmen zu dürfen, 
erachtet Weigand zum Weſen der Eitelkeit al8 not- 
wendig, daß der Eitle ſich einen höhern Grad einer - 
Eigenſchaft beilegt, als ihm zukommt, als er in 
Wirklichkeit beſitzt. Das iſt aber nach dem heutigen 
Sprachgebrau<he nicht ganz richtig; denn eine Per-- 
ſon, auc) wenn ſie noch ſo ſchön iſt, die ſich jedoch = 
auf ihre Schönheit viel zugute hält, ſich wohlge: . 
fällig im Spiegel oft und lange betrachtet. uad ſich .. : 
im ſeligen Bewußtſein dieſer Schönheit. ſonnt und ad 
darin ſ<welgt, eine ſolche Perſon nennen. wir. ganz -.: 
gewiß eitel. == Fragen wir. einige Bäbagogen, „was. 

	        

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