Full text: Pädagogische Reform - 19.1895 (19)

Pädagogische Reform. 
 
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2 
IG. 
 
Die kulturelle Erziehung der Jugend, 
Von Parvus. 
(Fortsetzung.) 
Somit hätten wir einen Wwegentlichen 
Gesichtspunkt für unser Schulprogramm ge- 
wonnen. Ein anderer ergiebt Sich aus nach- 
folgender psychologischer Untersuchung. Die 
AnuffasSung der Seele als Selbständiges Seelen- 
wegen wird in der Pädagogik noch lange 
ihr Dasgein fristen. Diesem metaphysiSchen 
SeelenatomisSmus entspricht auf ethiScher 
Seite der Individnalisemus oder der Egoismus, 
wie er noch das gesamte praktiSsche Leben 
und die Politik beherrscht. Von ihm urteilt 
Wundt: „Für den Seelenatomigmus mit Seinen 
einfachen, nur in äusgSerer und Yvorübergehen- 
der Wechgelwirkung Stehenden Substanzen 
'giebt es keinen geistigen Zusammenhang, 
kein allgemeines geistiges Leben und Keine 
allgemeinen geistigen Zwecke, aussger Solchen, 
die vielen zufällig zusammenlebenden Indi- 
viduen gemeingam Sind. Erträglich erscheint 
diese Anschanung nur, wenn man das wirkK- 
liche Leben als eine vorübergehende Vorbe- 
reitung für ein besseres, zukünftiges Dasein 
betrachtet. Immerhin, auch dann muss das 
Ziel der Vorbereitung entsprechen. In der 
That ist dieser ethisSche Egoismus 80 ge- 
waltig, dass er gewöhnlich in der Vereini- 
gung der Geister das Übel des Dageins Sieht, 
und dass er daher die völlig freie, also völlig 
iSolierte ExisStenz des Seelenatoms als den 
Seligen Zustand preist. Es wäre nur konse- 
quent, wenn diese Metaphysik für jede Seele 
ihren Separathimmel forderte. In der Brust 
der Herbart'Schen PsyYchologie wohnen aller- 
dings zwei Seelen. Für Seinen Seelenatomis- 
mus giebt es ein geistiges Gegamtleben 
vicht. Auf dem Boden dieser PsSsychologie 
iSt aber durch Seine Schüler eine Völker- 
psYcbologie gesSchaffen worden, die in ihren 
Grundanschauungen in diametralem Gegen- 
Satze zu der Anzgicht des Meisters Steht. 
Das beweist, dass die Macht der Thatsachen 
grögger iSt, als des Herzens eig'ner Trieb. 
Jener äusgere Dualismus, der in der Exi- 
Stenz der lebenden Wesen nur eine mecha- 
niSche Masse und widerwillig daran gekettete 
Seelen erkennt, kann auf Erden nie zur 
Befriedigung kommen. Der Begriff der 
Seelengubstanz kann den Endzweck des 
Tndividuums nur ins Jengeits verlegen, ana- 
log Seinem egoistischen Standpunkte. Darum 
baben auch die Herbartianer den GeSinnungs- 
- unterricht, wie er SYStematisSch in den Kunltur- 
Stufen dargestellt ist, in den Mittelpunkt 
alles Unterrichts verlegt: Der Stoff für 
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menden 
Hamburg, Mittwoch, den 17. April 1895. 
 
diesen GesinnungsSunterricht ist aber der 
Hauptgache nach die christliche Religion, 
wie Sie niedergelegt ist im alten und neuen 
Testament und im KatechisSmus. Freilich 
hat nicht die Herbart'Sche PSychologie ver- 
Schuldet, dass der ReligionSunterricht im 
Centrum alles Unterrichts Steht; -- das hing 
ab von der einzigen WeltansSchauung, die 
zur Zeit der Gründung der Schulen bestand, 
und von der Wichtigkeit, die dieser zuge- 
Sprochen wurde -- trotzdem findet aber der 
Religionsunterricht für Seine Centralstellung 
eine mächtige Stütze in einer Psychologie, 
die ihre ExisStenz verwirkt hat. Ob der 
Religion diese Stellung zukommt, wird Sich 
aus nachfolgender Betrachtung ergeben, die 
wir. ungerer ethischen Weltanschauung vor- 
wegnehmen wollen. 
Die gegamte Schule Steht noch unter 
den Vorurteilen ungerer Zeit und lehrt eine 
Weltanschauung, die zur noch als historiSches 
Denkmal einer verflosgenen Zeitperiode wissen- 
Schattlichen Wert hat. Wenn diese rellglöse 
Weltanschauung im Mittelpunkt alles Unter- 
richts Stehen Soll, 80 erglebt Sich von Selbst 
die Frage nach den Momenten, die gie dazu 
befähigen, und damit kommen wir zur Frage 
nach dem Wegen der Religion überhaupt. 
Was ist Religion ? Es Stehen Sich hier 
hauptsächlich zwei Angichten gegenüber: die 
autonome und die metaphysgische. 
Nach der autonomen Theorie, die Jetzt 
noch als YVolksreligion aufgefasst wird und 
zum Teil auch ist, ist Religion: „Unmittel- 
bares Bewusstsein von dem allgemeinen Sein 
alles Endlichen im Unendlichen, alles Zeit- 
lichen im Ewigen.“ Sie ist gegründet auf 
die Offenbarungen eines perSönlichen Gottes 
und hat als notwendiges Postulat die Un- 
Sterblichkeit. Es liegt in dem Wegen der 
Kulturreligionen, dass bei ihnen, Solange Sie 
nicht vom Dogma vollkommen verknöchert 
Sind, ethische Motive vorwalten. Der Stifter 
der Kulturreligion (Christus, Mohamed, Kon- 
fücius, Mosges, Buddha) ist eine hiStoriSche 
Persönlichkeit, welche dem innern Sebnen 
und Drängen des. Volkes einen epergischen 
Ausdruck in der Religion verliehen bat. 
Diese Sittliche Persönlichkeit umflicht der 
Mytbus, der entweder ein Rest jener my- 
thischen Elemente der Naturreligionen 1st, 
oder aber ein Produkt der mythenbildenden | 
Phantasgie der nachfolgenden Generationen, 
mit einem Sagenkranze und einer Legenden- 
bildung, welche die AuffasSung der hisStori- 
Schen Persgönlichkeit erschwert, aber das 
ideale Bd Dach Seinem ethischen Werte 
desto heller leuchten läSst. So wird Buddha 
 
 
XIX. Jahrgang. 
 
zum Sonnenheros, Christus zum GottmensSchen, 
Mohamed zu Alla's höchstem Propheten. 
Dazu kommt der Einfluss der PhiloSophie. 
Dieser Einfluss hat Seine intensivsSte Steige- 
rung erfahren in den Vergeltungstheorien 
der heute die Welt beherrsSchenden Religionen, 
dem Buddhismus und dem ChrisStentum, durch 
die VedantaphiloSophie und den Platonismus. 
Das irdiSche Leben hat darnach überhaupt 
nur Wert als Vorbereitung auf das JenSeits. 
Aus diesem Glauben an die Unsterblichkeit 
des Geistes, für den das irdische Leben 
wertlos war, musSsten mit KategoriScher Not- 
wendigkeit jener MySsticiSmus erwachsen, der 
Sich ganz in übersinnliche Dinge vergenkt 
und jene ASketik, die durch Abtötung des 
Fleisches hier zur höchsten Seligkeit zu 
kommen glaubt, und die uns allen noch in 
gewisgem Grade im Blute liegt. Dieser 
Einfluss der Philogophie übertrug Sich aucBD 
auf. andere Thatsachen der Religion. So ist 
die christliche Religion ein Produkt der 
Spekulation geworden, entstanden auf dem 
Boden des römischen Weltreichs und griecbi- 
Scher Kultur. Sie iSt ein Konglomerat aus 
Lehrmeinungen der antiken PhiloSophie und 
orientalischen ReligionSanschauungen. Und 
doch begitzt die christliche Religion im neuen 
Testamente ein Dokument, das, von Männern 
geschrieben, inspiriert durch den heiligen 
Geist, urkundlich beglaubigt ist. Nur Schade, 
dass Yon diesgen Männern erst ca. 200 Jahre 
nach Chr. Geb. erklärt wurde, dass Sie von 
dem bl. Geist inspiriert gewesen Wären, dass 
erst da dieser Schriftenkodex durch Beschluss 
zum neutestamentlichen Kanon gemacht wurde, 
wozu man durch den dauernden Enthusias- 
mus der Christen notgedrungen gezwungen 
war. Seit LessSing und Goerbe Sind nach- 
gerade alle Gelehrten darin einig, dass die 
Evangelien ungeschichtlich Sind. Aus allem 
ergiebt Sich, dass Wahrheit und Dichtung, 
Wirklichkeit und Mythus in unauflöSbarer 
Weise gemägcht Sind. Doch hat diese Welt- 
anSchauung, die aus 80 verSchiedenen Quellen 
entstanden war, mebr als ein Jahrtausend 
fast die gegamte civiliSierte Welt beherrscht, 
gegen die Sich kein Denker aufzulegen wagen 
durfte. Das lag an der furchtbaren Macht 
der Kirche, in deren Händen allein die Yer- 
mittlung der göttlichen Liebe und Gnade 
lag. Wie wir Sehen, können Schon ihrem 
Ursprunge nach die Lehren der Religion 
nicht vor dem Forum der WisSgenschaft Staud- 
halten. So oft Religion und WiSSenschaft 
Sich deShalb bekämpft baben, 80 oft ist die 
Theologie auch unterlegen. Daher die Angst, 
dass alles verloren gehen könnte. Die Per-
	        
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