Pädagogische Reform.
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2
IG.
Die kulturelle Erziehung der Jugend,
Von Parvus.
(Fortsetzung.)
Somit hätten wir einen Wwegentlichen
Gesichtspunkt für unser Schulprogramm ge-
wonnen. Ein anderer ergiebt Sich aus nach-
folgender psychologischer Untersuchung. Die
AnuffasSung der Seele als Selbständiges Seelen-
wegen wird in der Pädagogik noch lange
ihr Dasgein fristen. Diesem metaphysiSchen
SeelenatomisSmus entspricht auf ethiScher
Seite der Individnalisemus oder der Egoismus,
wie er noch das gesamte praktiSsche Leben
und die Politik beherrscht. Von ihm urteilt
Wundt: „Für den Seelenatomigmus mit Seinen
einfachen, nur in äusgSerer und Yvorübergehen-
der Wechgelwirkung Stehenden Substanzen
'giebt es keinen geistigen Zusammenhang,
kein allgemeines geistiges Leben und Keine
allgemeinen geistigen Zwecke, aussger Solchen,
die vielen zufällig zusammenlebenden Indi-
viduen gemeingam Sind. Erträglich erscheint
diese Anschanung nur, wenn man das wirkK-
liche Leben als eine vorübergehende Vorbe-
reitung für ein besseres, zukünftiges Dasein
betrachtet. Immerhin, auch dann muss das
Ziel der Vorbereitung entsprechen. In der
That ist dieser ethisSche Egoismus 80 ge-
waltig, dass er gewöhnlich in der Vereini-
gung der Geister das Übel des Dageins Sieht,
und dass er daher die völlig freie, also völlig
iSolierte ExisStenz des Seelenatoms als den
Seligen Zustand preist. Es wäre nur konse-
quent, wenn diese Metaphysik für jede Seele
ihren Separathimmel forderte. In der Brust
der Herbart'Schen PsyYchologie wohnen aller-
dings zwei Seelen. Für Seinen Seelenatomis-
mus giebt es ein geistiges Gegamtleben
vicht. Auf dem Boden dieser PsSsychologie
iSt aber durch Seine Schüler eine Völker-
psYcbologie gesSchaffen worden, die in ihren
Grundanschauungen in diametralem Gegen-
Satze zu der Anzgicht des Meisters Steht.
Das beweist, dass die Macht der Thatsachen
grögger iSt, als des Herzens eig'ner Trieb.
Jener äusgere Dualismus, der in der Exi-
Stenz der lebenden Wesen nur eine mecha-
niSche Masse und widerwillig daran gekettete
Seelen erkennt, kann auf Erden nie zur
Befriedigung kommen. Der Begriff der
Seelengubstanz kann den Endzweck des
Tndividuums nur ins Jengeits verlegen, ana-
log Seinem egoistischen Standpunkte. Darum
baben auch die Herbartianer den GeSinnungs-
- unterricht, wie er SYStematisSch in den Kunltur-
Stufen dargestellt ist, in den Mittelpunkt
alles Unterrichts verlegt: Der Stoff für
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menden
Hamburg, Mittwoch, den 17. April 1895.
diesen GesinnungsSunterricht ist aber der
Hauptgache nach die christliche Religion,
wie Sie niedergelegt ist im alten und neuen
Testament und im KatechisSmus. Freilich
hat nicht die Herbart'Sche PSychologie ver-
Schuldet, dass der ReligionSunterricht im
Centrum alles Unterrichts Steht; -- das hing
ab von der einzigen WeltansSchauung, die
zur Zeit der Gründung der Schulen bestand,
und von der Wichtigkeit, die dieser zuge-
Sprochen wurde -- trotzdem findet aber der
Religionsunterricht für Seine Centralstellung
eine mächtige Stütze in einer Psychologie,
die ihre ExisStenz verwirkt hat. Ob der
Religion diese Stellung zukommt, wird Sich
aus nachfolgender Betrachtung ergeben, die
wir. ungerer ethischen Weltanschauung vor-
wegnehmen wollen.
Die gegamte Schule Steht noch unter
den Vorurteilen ungerer Zeit und lehrt eine
Weltanschauung, die zur noch als historiSches
Denkmal einer verflosgenen Zeitperiode wissen-
Schattlichen Wert hat. Wenn diese rellglöse
Weltanschauung im Mittelpunkt alles Unter-
richts Stehen Soll, 80 erglebt Sich von Selbst
die Frage nach den Momenten, die gie dazu
befähigen, und damit kommen wir zur Frage
nach dem Wegen der Religion überhaupt.
Was ist Religion ? Es Stehen Sich hier
hauptsächlich zwei Angichten gegenüber: die
autonome und die metaphysgische.
Nach der autonomen Theorie, die Jetzt
noch als YVolksreligion aufgefasst wird und
zum Teil auch ist, ist Religion: „Unmittel-
bares Bewusstsein von dem allgemeinen Sein
alles Endlichen im Unendlichen, alles Zeit-
lichen im Ewigen.“ Sie ist gegründet auf
die Offenbarungen eines perSönlichen Gottes
und hat als notwendiges Postulat die Un-
Sterblichkeit. Es liegt in dem Wegen der
Kulturreligionen, dass bei ihnen, Solange Sie
nicht vom Dogma vollkommen verknöchert
Sind, ethische Motive vorwalten. Der Stifter
der Kulturreligion (Christus, Mohamed, Kon-
fücius, Mosges, Buddha) ist eine hiStoriSche
Persönlichkeit, welche dem innern Sebnen
und Drängen des. Volkes einen epergischen
Ausdruck in der Religion verliehen bat.
Diese Sittliche Persönlichkeit umflicht der
Mytbus, der entweder ein Rest jener my-
thischen Elemente der Naturreligionen 1st,
oder aber ein Produkt der mythenbildenden |
Phantasgie der nachfolgenden Generationen,
mit einem Sagenkranze und einer Legenden-
bildung, welche die AuffasSung der hisStori-
Schen Persgönlichkeit erschwert, aber das
ideale Bd Dach Seinem ethischen Werte
desto heller leuchten läSst. So wird Buddha
XIX. Jahrgang.
zum Sonnenheros, Christus zum GottmensSchen,
Mohamed zu Alla's höchstem Propheten.
Dazu kommt der Einfluss der PhiloSophie.
Dieser Einfluss hat Seine intensivsSte Steige-
rung erfahren in den Vergeltungstheorien
der heute die Welt beherrsSchenden Religionen,
dem Buddhismus und dem ChrisStentum, durch
die VedantaphiloSophie und den Platonismus.
Das irdiSche Leben hat darnach überhaupt
nur Wert als Vorbereitung auf das JenSeits.
Aus diesem Glauben an die Unsterblichkeit
des Geistes, für den das irdische Leben
wertlos war, musSsten mit KategoriScher Not-
wendigkeit jener MySsticiSmus erwachsen, der
Sich ganz in übersinnliche Dinge vergenkt
und jene ASketik, die durch Abtötung des
Fleisches hier zur höchsten Seligkeit zu
kommen glaubt, und die uns allen noch in
gewisgem Grade im Blute liegt. Dieser
Einfluss der Philogophie übertrug Sich aucBD
auf. andere Thatsachen der Religion. So ist
die christliche Religion ein Produkt der
Spekulation geworden, entstanden auf dem
Boden des römischen Weltreichs und griecbi-
Scher Kultur. Sie iSt ein Konglomerat aus
Lehrmeinungen der antiken PhiloSophie und
orientalischen ReligionSanschauungen. Und
doch begitzt die christliche Religion im neuen
Testamente ein Dokument, das, von Männern
geschrieben, inspiriert durch den heiligen
Geist, urkundlich beglaubigt ist. Nur Schade,
dass Yon diesgen Männern erst ca. 200 Jahre
nach Chr. Geb. erklärt wurde, dass Sie von
dem bl. Geist inspiriert gewesen Wären, dass
erst da dieser Schriftenkodex durch Beschluss
zum neutestamentlichen Kanon gemacht wurde,
wozu man durch den dauernden Enthusias-
mus der Christen notgedrungen gezwungen
war. Seit LessSing und Goerbe Sind nach-
gerade alle Gelehrten darin einig, dass die
Evangelien ungeschichtlich Sind. Aus allem
ergiebt Sich, dass Wahrheit und Dichtung,
Wirklichkeit und Mythus in unauflöSbarer
Weise gemägcht Sind. Doch hat diese Welt-
anSchauung, die aus 80 verSchiedenen Quellen
entstanden war, mebr als ein Jahrtausend
fast die gegamte civiliSierte Welt beherrscht,
gegen die Sich kein Denker aufzulegen wagen
durfte. Das lag an der furchtbaren Macht
der Kirche, in deren Händen allein die Yer-
mittlung der göttlichen Liebe und Gnade
lag. Wie wir Sehen, können Schon ihrem
Ursprunge nach die Lehren der Religion
nicht vor dem Forum der WisSgenschaft Staud-
halten. So oft Religion und WiSSenschaft
Sich deShalb bekämpft baben, 80 oft ist die
Theologie auch unterlegen. Daher die Angst,
dass alles verloren gehen könnte. Die Per-