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MEERE
AIX. Jahrgang.
Hierzu eine Beilage.
Ein Wort
über Schülerbibliotheken,
Nachdem laut geworden ist, daß nun-
mehr zur Einrichtung von Schülerbibliotheken
an ungern Volksschulen geschritten werden
Sol], dürften hier und da einige Bemerkungen
über Einrichtung und Benutzung derselben
nicht ganz unerwünscht Sein. Ich will be-
merken, daß ich gelbst noch Keine Schüler-
bibliothek verwaltet habe. Die nachstehenden
Äußerungen Sind vielmehr das Regultat von
Unterbaltungen mit Solchen Kollegen, die in
entgegengesetzter Lage waren, Sowie be-
Sonders yon Mitteilungen in Brogchüren und
Zeitungen, die mir während meiner Gjährigen
Mitgliedschaft in der bhiesigen Jugend-
Schriften-Kommis»ion unter die Hände ge-
kommen Sind. Jedoch leisten angeliehene
Kapitalien, um mich in einer Handelsstadt
eines kaufmännischen Beispiels zu bedienen,
ja wohl eben 80 gute -- oft Sogar noch
besgere -- Dienste, als gelbstproduzierte.
Was die Notwendigkeit der Schüler-
bibliotheken anbetrifft, 80 wäre darüber
kaum noch ein Wort zu Sagen. Jedoch Seien
-- hier wie auch weiter unten -- einige
Citate hergesetzt, teils Gedanken enthaltend,
die uns die Quellen der ganzen Bewegung
für Jugendlektüre zeigen und die diegelbe
noch fortwährend Speisen und klären heifen.
Göthe bezeichnet als Wirkung der von
ihm in Seinen Kinderjahren betriebenen
Lektüre: „Ich Konnte niemals Langeweile
haben, indem ich mich immerfort beschäf-
vigte, dieszen Erwerb zu verarbeiten, zu
wiederholen, wieder hervorzubringen“. Her-
bart Sagt: „Wir müsgen den Zögling lesen
lehren, indem wir ihm das Gute und Schöne
zufübcen, damit ihn künftig das GeSchmack-
1086 und VUnsittliche durch Sich Selbst ab-
Stoße“. Und der Philologe und Schulmann
Kühner äußert Sich in Schmid's Encyklopädie :
„Gerade die heiligsten Gedanken Ssträuben
Sich oft, laut über die Lippen zu treten,
oder werden, wenn Sie Auge in Auge her-
vortreten, nichtganz unbefangen bpingenommen.
Das Buch dagegen mit Seiner heimlichen
Sprache kann, auch ohne die fromme Scheu
zu Verletzen, manches aussprechen, was der
Erzieber Dicht immer zu Sagen Yermag, und
kann damit ungestört die beiligsten Em-
pfindungen wecken 'und nähren“.
Hamburg, Mittwoch, -den 27. März 1
ammer entire amen
In diesen drei Aussprüchen ist die Not-
t . . - » .. .
' wendigkeit und zugleich das Ziel für die
Darbietung eines LesSestoffs außer dem lehr-
planmäßigen zur Genüge und mit möglichster
Eindringlichkeit dargethan. Übrigens halten
die Augeinandergetzungen über die ganze
Frage Sich an dieser Stelle auch in der
Regel mehr darüber auf, wer das Karnickel
Sei, das der Befriedigung des anerkannten
BedürfnisSes entgegenarbeite, und es iSt in-
teresSant zu Sehen, wie der eine immer die
Schuld auf den andern zu wälzen Sucht.
Da wird in der „Schülerbibliothek“, Bei-
lage zur „Pädagogischen Zeitschrift“* (Graz;
1890, Nr. 6), die Gleichgültigkeit der Leb-
rer gegeiße)t, worauf in der folgenden Xr.
Solche Gleichgültigkeit „in erhöhtem Maße
bei den Schulbehörden“ entdeckt wird. Diet-
rich Theden, einer der Bahnbrecher auf dem
Gebiete der KritisSchen Bearbeitung der
Jugendlitteratur, der in den letzten Jahren
jedoch an nicht genug zu tadelnder Weich-
bherzigkeit leidet, findet in Seinem Führer
„Die deutsche Jugendlitteratur“ den „Egois-
mus und die Trägheit ungerer Zeit“ als
Hemmunisse heraus. Und ein mir vorliegender
Erlaß einer preußischen Königl Regierung,
die durch ihre Schulräte die Beobachtung
gemacht hat, „daß die Gründung und Er-
weiterung von Schülerbibliotheken nicht in
dem Maße fortschreitet, wie es im InteressSe
dieger für die Bildung der Jugend im all-
gemeinen und insbegondere für die sittliche
und religiöge Bildung dergelben 80 wich-
tigen Sache zu wünschen Sei“, redet den
Schulvorständen ins Gewissen.
Demnach dürfte eine pädagogische Staats-
anwaltsSchaft Kaum noch jemand ausfindig
machen, gegen den mit Erfolg vorgegangen
werden Könnte. Doch das nur nebenbei. In
Hamburg Soll, wie angedeutet, die Über-
zeugung von der Notwendigkeit der Schüler-
bibliotheken Sich nun bald in Thaten um-
wandeln und es möge darum ununtersucht
bleiben, wer hier der lässige Teil gewesen
ist, zumal wir, die Lehrer, nach meinem
Gefühl den kürzeren dabei ziehen dürften.
Mindestens ebenso wichtig wie die Dar-
bietung eines LezSestoffes überhaupt ist aber
die richtige Auswahl und Verwendung des-
Selben. Anf die Auswahl bezieht Sich das
Wort Herders: „In unserer Zeit kann nichts
S0 Sehr bilden und verderben, wie gut oder
Schlecht gewählte Lektüre, -- ein Buch bat
oft auf eine ganze Lebenszeit einen Menschen
gebildet oder verdorben“. Und der PhiloSoph
RoSenkranz änßert in dieser Beziehung:
„Nichts vererbt die Jugend mebr, als die
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895.
Beschäftigung mit dem Mittelmäßigen, oder
dem, was noch darunter Steht; in Seiner
öden, dumpfen, beschränkten Weise verödet,
verdumpft und beschränkt es auch das
Jugendliche Gemüt“. -- Durchdrungen von
diesen Wahrheiten und angesichts der Hoch-
flut litterariScher Erscheinungen für die
Jugend haben Sich überall in deutschen
Landen Lehrervereinigungen gebildet, die
aus diesen in mancher Beziehung verheeren-
den Gewässern die wenigen Goldkörner
herauszuwaSchen Suchen. Die Vereinigung
dieser Korporationen gelegentlich des Stutt-
garter Lehrertages zielt auf eine innere
Kinigung ab, ein Bestreben -- wer wollte
demselben nicht den besten Erfolg wün-
Schen?! --, welches zugleich einer Homo-
geniSlerung der geSamten deutschen Lehrer-
Schaft nur zum Vorteil gereichen kann. Im
Hinblick auf diese modernen Freischärler-
Korps ist der einzelne bei Einrichtung von
Schülerbibliotheken der HeryorSuchung und
Nambaftmachung guter Bücher überhoben.
Die hiesige Jugendschriften-Kommission, die
im 7. Jahre ihrer Arbeit Steht, wird für den
vorliegenden Fall durch ihre Seitherigen Ver-
öffentlichungen und eventuell durch beson-
dere Vorschläge, zu denen die KommiSSion
vei Abgendung dieses Artikes bereits eine
Aufforderung erhalten hat, Schon die nötigen
Dienste leisten.
Kommen wir daber Sogleich zu der
Frage der Beuutzung der Bibliotheken, 80-
wie der Einrichtung im weiteren Sinne!
1. Die Benutzung.
Es erscheint angebracht, diesen Punkt
voraufzustellen, weil Sich die Einrichtung
der Bibliotbek nach der Art und Weise
richtet, wie Sie, um ihrem Zwecke richtig
zu dienen, verwendet wird. Hinsichtlich der
Benutzung gilt das Wort Luthers: „Nicht
viel leSen, Sondern: gut Ding viel und oft
lesen, macht fromm und klug dazu“. Eben-
S0 iSt das Wort des oben erwähnten Kühner
zu beberzigen: „Der Lesetrieb muß mit den
übrigen Fähigkeiten des Geistes in ein an-
gemesSenes Gleichgewicht gezetzt, zu be-
Sonnener Selbstthätigkeit gebildet, und der
Legewut, dieser Schlimmen Leidenschaft, muß
mit Entschiedenheit entgegengearbeitet wer-
den. Die Schularbeit darf nicht durch Lesen
zurückgegetzt, der ernste ArbeitsSinn nicht
durch Hingabe an den Reiz leichter Lektüre
geschwächt werden. Ebenso ist darauf zu
Sehen, daß die Freiheit der Bewegung in
der Natur, in der Geselligkeit und ip Selbst-
Schaffender und erfinderischer Thätigkeit,
die durch Schularbeit und CiviliSation Schon