Full text: Pädagogische Reform - 19.1895 (19)

 
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MEERE 
 
 
 
AIX. Jahrgang. 
 
Hierzu eine Beilage. 
 
 
Ein Wort 
über Schülerbibliotheken, 
Nachdem laut geworden ist, daß nun- 
mehr zur Einrichtung von Schülerbibliotheken 
an ungern Volksschulen geschritten werden 
Sol], dürften hier und da einige Bemerkungen 
über Einrichtung und Benutzung derselben 
nicht ganz unerwünscht Sein. Ich will be- 
merken, daß ich gelbst noch Keine Schüler- 
bibliothek verwaltet habe. Die nachstehenden 
Äußerungen Sind vielmehr das Regultat von 
Unterbaltungen mit Solchen Kollegen, die in 
entgegengesetzter Lage waren, Sowie be- 
Sonders yon Mitteilungen in Brogchüren und 
Zeitungen, die mir während meiner Gjährigen 
Mitgliedschaft in der bhiesigen Jugend- 
Schriften-Kommis»ion unter die Hände ge- 
kommen Sind. Jedoch leisten angeliehene 
Kapitalien, um mich in einer Handelsstadt 
eines kaufmännischen Beispiels zu bedienen, 
ja wohl eben 80 gute -- oft Sogar noch 
besgere -- Dienste, als gelbstproduzierte. 
Was die Notwendigkeit der Schüler- 
bibliotheken anbetrifft, 80 wäre darüber 
kaum noch ein Wort zu Sagen. Jedoch Seien 
-- hier wie auch weiter unten -- einige 
Citate hergesetzt, teils Gedanken enthaltend, 
die uns die Quellen der ganzen Bewegung 
für Jugendlektüre zeigen und die diegelbe 
noch fortwährend Speisen und klären heifen. 
Göthe bezeichnet als Wirkung der von 
ihm in Seinen Kinderjahren betriebenen 
Lektüre: „Ich Konnte niemals Langeweile 
haben, indem ich mich immerfort beschäf- 
vigte, dieszen Erwerb zu verarbeiten, zu 
wiederholen, wieder hervorzubringen“. Her- 
bart Sagt: „Wir müsgen den Zögling lesen 
lehren, indem wir ihm das Gute und Schöne 
zufübcen, damit ihn künftig das GeSchmack- 
1086 und VUnsittliche durch Sich Selbst ab- 
Stoße“. Und der Philologe und Schulmann 
Kühner äußert Sich in Schmid's Encyklopädie : 
„Gerade die heiligsten Gedanken Ssträuben 
Sich oft, laut über die Lippen zu treten, 
oder werden, wenn Sie Auge in Auge her- 
vortreten, nichtganz unbefangen bpingenommen. 
Das Buch dagegen mit Seiner heimlichen 
Sprache kann, auch ohne die fromme Scheu 
zu Verletzen, manches aussprechen, was der 
Erzieber Dicht immer zu Sagen Yermag, und 
kann damit ungestört die beiligsten Em- 
pfindungen wecken 'und nähren“. 
Hamburg, Mittwoch, -den 27. März 1 
ammer entire amen 
 
 
 
In diesen drei Aussprüchen ist die Not- 
t . . - » .. . 
' wendigkeit und zugleich das Ziel für die 
Darbietung eines LesSestoffs außer dem lehr- 
planmäßigen zur Genüge und mit möglichster 
Eindringlichkeit dargethan. Übrigens halten 
die Augeinandergetzungen über die ganze 
Frage Sich an dieser Stelle auch in der 
Regel mehr darüber auf, wer das Karnickel 
Sei, das der Befriedigung des anerkannten 
BedürfnisSes entgegenarbeite, und es iSt in- 
teresSant zu Sehen, wie der eine immer die 
Schuld auf den andern zu wälzen Sucht. 
Da wird in der „Schülerbibliothek“, Bei- 
lage zur „Pädagogischen Zeitschrift“* (Graz; 
1890, Nr. 6), die Gleichgültigkeit der Leb- 
rer gegeiße)t, worauf in der folgenden Xr. 
Solche Gleichgültigkeit „in erhöhtem Maße 
bei den Schulbehörden“ entdeckt wird. Diet- 
rich Theden, einer der Bahnbrecher auf dem 
Gebiete der KritisSchen Bearbeitung der 
Jugendlitteratur, der in den letzten Jahren 
jedoch an nicht genug zu tadelnder Weich- 
bherzigkeit leidet, findet in Seinem Führer 
„Die deutsche Jugendlitteratur“ den „Egois- 
mus und die Trägheit ungerer Zeit“ als 
Hemmunisse heraus. Und ein mir vorliegender 
Erlaß einer preußischen Königl Regierung, 
die durch ihre Schulräte die Beobachtung 
gemacht hat, „daß die Gründung und Er- 
weiterung von Schülerbibliotheken nicht in 
dem Maße fortschreitet, wie es im InteressSe 
dieger für die Bildung der Jugend im all- 
gemeinen und insbegondere für die sittliche 
und religiöge Bildung dergelben 80 wich- 
tigen Sache zu wünschen Sei“, redet den 
Schulvorständen ins Gewissen. 
Demnach dürfte eine pädagogische Staats- 
anwaltsSchaft Kaum noch jemand ausfindig 
machen, gegen den mit Erfolg vorgegangen 
werden Könnte. Doch das nur nebenbei. In 
Hamburg Soll, wie angedeutet, die Über- 
zeugung von der Notwendigkeit der Schüler- 
bibliotheken Sich nun bald in Thaten um- 
wandeln und es möge darum ununtersucht 
bleiben, wer hier der lässige Teil gewesen 
ist, zumal wir, die Lehrer, nach meinem 
Gefühl den kürzeren dabei ziehen dürften. 
Mindestens ebenso wichtig wie die Dar- 
bietung eines LezSestoffes überhaupt ist aber 
die richtige Auswahl und Verwendung des- 
Selben. Anf die Auswahl bezieht Sich das 
Wort Herders: „In unserer Zeit kann nichts 
S0 Sehr bilden und verderben, wie gut oder 
Schlecht gewählte Lektüre, -- ein Buch bat 
oft auf eine ganze Lebenszeit einen Menschen 
gebildet oder verdorben“. Und der PhiloSoph 
RoSenkranz änßert in dieser Beziehung: 
„Nichts vererbt die Jugend mebr, als die 
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895. 
 
 
 
 
  
  
 
Beschäftigung mit dem Mittelmäßigen, oder 
dem, was noch darunter Steht; in Seiner 
öden, dumpfen, beschränkten Weise verödet, 
verdumpft und beschränkt es auch das 
Jugendliche Gemüt“. -- Durchdrungen von 
diesen Wahrheiten und angesichts der Hoch- 
flut litterariScher Erscheinungen für die 
Jugend haben Sich überall in deutschen 
Landen Lehrervereinigungen gebildet, die 
aus diesen in mancher Beziehung verheeren- 
den Gewässern die wenigen Goldkörner 
herauszuwaSchen Suchen. Die Vereinigung 
dieser Korporationen gelegentlich des Stutt- 
garter Lehrertages zielt auf eine innere 
Kinigung ab, ein Bestreben -- wer wollte 
demselben nicht den besten Erfolg wün- 
Schen?! --, welches zugleich einer Homo- 
geniSlerung der geSamten deutschen Lehrer- 
Schaft nur zum Vorteil gereichen kann. Im 
Hinblick auf diese modernen Freischärler- 
Korps ist der einzelne bei Einrichtung von 
Schülerbibliotheken der HeryorSuchung und 
Nambaftmachung guter Bücher überhoben. 
Die hiesige Jugendschriften-Kommission, die 
im 7. Jahre ihrer Arbeit Steht, wird für den 
vorliegenden Fall durch ihre Seitherigen Ver- 
öffentlichungen und eventuell durch beson- 
dere Vorschläge, zu denen die KommiSSion 
vei Abgendung dieses Artikes bereits eine 
Aufforderung erhalten hat, Schon die nötigen 
Dienste leisten. 
Kommen wir daber Sogleich zu der 
Frage der Beuutzung der Bibliotheken, 80- 
wie der Einrichtung im weiteren Sinne! 
1. Die Benutzung. 
Es erscheint angebracht, diesen Punkt 
voraufzustellen, weil Sich die Einrichtung 
der Bibliotbek nach der Art und Weise 
richtet, wie Sie, um ihrem Zwecke richtig 
zu dienen, verwendet wird. Hinsichtlich der 
Benutzung gilt das Wort Luthers: „Nicht 
viel leSen, Sondern: gut Ding viel und oft 
lesen, macht fromm und klug dazu“. Eben- 
S0 iSt das Wort des oben erwähnten Kühner 
zu beberzigen: „Der Lesetrieb muß mit den 
übrigen Fähigkeiten des Geistes in ein an- 
gemesSenes Gleichgewicht gezetzt, zu be- 
Sonnener Selbstthätigkeit gebildet, und der 
Legewut, dieser Schlimmen Leidenschaft, muß 
mit Entschiedenheit entgegengearbeitet wer- 
den. Die Schularbeit darf nicht durch Lesen 
zurückgegetzt, der ernste ArbeitsSinn nicht 
durch Hingabe an den Reiz leichter Lektüre 
geschwächt werden. Ebenso ist darauf zu 
Sehen, daß die Freiheit der Bewegung in 
der Natur, in der Geselligkeit und ip Selbst- 
Schaffender und erfinderischer Thätigkeit, 
die durch Schularbeit und CiviliSation Schon
	        
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