Neue Bahnen.
Reform-Zeitschrift für Haus-, Schul- und Gesellschafts-Erziehung.
Heft 11. November 1892. TII1. Jahrg,
"Neue Bahnen vor hundert Jahren.
Von Dr. Gotthold Kreyenherg in ISerlohn.
Ben Akiba hat recht, es ist alles Schon dagewesen. So.
einsSchneidend die Reformen unsres höheren Schulwegens in der
Gegenwart zu gein Scheinen, in gewisser HinsSicht Sehen gie
den Bestrebungen des Philanthropinismus vor ungefähr hundert
Jahren täuschend ähnlich. Vieles, was die Philanthropinisten
jener Tage Schon versucht haben, wird heutzutage als etwas
Nagelneues angestrebt oder empfohlen. Wer hat es besgser ver-
Standen, das praktische Element und das Nützlichkeitsprinzip
in den Sprachen zu betonen, als ein Basedow? Wann wurden
frischer und durchdachter Leibesübungen getrieben, als zur Zeit
eines Guts Muths? Die Handfertigkeit soll eine dänisch-
Schwedische Erfindung Sein. Sie ist auf deutschem Boden er-
wachsen, und ein Bernhard Blasche, Lehrer am Schnepfen- .
thaler Institute, hat um ihre Systematische Ausgestaltung
mindestens ebenso groſse Verdienste, wie die Propheten des
Auslands. In mancher Hinsicht gsind wir geit jener Zeit ent-
Schieden zurückgegangen. Wir müssen heutzutage die Schüler
nicht nur lehren, zu beobachten, Sondern allem vorab, über-
haupt einmal zu Sehen, was sie damals schon weit besser ver-
Standen. Im Salzmannschen Institute wurde der Verkehr mit
der Natur Selbst weit Sorgfältiger gepflegt, als jetzt auf unseren
höheren Lehranstalten. Und von der Erkenntnis dieses und
manches anderen Mangels Schreibt sich denn auch wohl die
Hinneigung des heutigen Tages zum Praktischen, die moderne
Betonung des Nützlichkeitsprinzips.
Neben diesen Reformen geht eine zweite, die viel gewaltiger
und umfassender ist als alle Verbesserungsvorschläge für das
höhere Schulwesen, die Retorm der Volksschule. Aber auch
hier läſst Sich eine Hinneigung ad hoc nicht verkennen. Die
Schule für das Volk soll auf dasselbe mächtiger als bisher ein-
wirken, um destruktive Elemente nieder- und fern zu halten.
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